Job mit Sinn Anleitung zum Gut-Sein

Nicht mehr den Gewinnen hinterher hecheln, sondern etwas wirklich Sinnvolles tun: Davon träumen viele Angestellte. Andreas Rickert hat den Traum wahr gemacht. Statt für McKinsey arbeitet er jetzt für eine gemeinnützige Online-Plattform - inklusive Gehaltsverzicht. Macht das wirklich Sinn?
Von Marike Frick
Phineo-Vorstandsvorsitzender Andreas Rickert: "Ich mache genau das, was ich immer machen wollte"

Phineo-Vorstandsvorsitzender Andreas Rickert: "Ich mache genau das, was ich immer machen wollte"

Hamburg - Letztes Jahr wollte ihn die freie Wirtschaft wieder einmal zurück haben. Ein Unternehmen bot einen Job an, Andreas Rickert hätte sein Gehalt beinahe verdoppeln können. Trotzdem hat er nur einige Sekunden über diese Möglichkeit nachgedacht.

Dann sagte er ab.

"Ich mache genau das, was ich immer machen wollte", nennt Rickert den Grund. Als Geschäftsführer der Plattform Phineo  ist er eine Art Brückenbauer zwischen der Wirtschaft und dem gemeinnützigen Sektor. Phineo überprüft die Qualität von sozialen und gemeinnützigen Projekten und gibt spendenwilligen Unternehmen gezielte Empfehlungen, wo ihr Geld gut aufgehoben sei.

Das befriedigt nicht nur die Geldgeber, sondern auch ihn, den Geschäftsführer. "Mein Job ist ungemein erfüllend", sagt Andreas Rickert. Das Besondere: Rickert stand nicht schon immer auf der sozialen Seite der Gesellschaft - in seinem früheren Leben arbeitete er für die Unternehmensberatung McKinsey.

Vier Jahre lang berät der studierte Molekularbiologe damals Firmen und Organisationen aus der Gesundheits- und Pharmabranche. Der Druck ist hoch, 80-Stunden-Wochen sind keine Seltenheit. Es gilt das Prinzip "up or out": Wer nicht aufsteigt, geht. Andreas Rickert mag seine Arbeit trotzdem. Gleichzeitig ist da dieser Wunsch, mehr für die Gesellschaft tun zu wollen. "Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen, das war immer mein Interesse", sagt er.

Als er eines Tages gefragt wird, ob er nicht zur Bertelsmann-Stiftung wechseln wolle, nimmt er an. Allerdings nur vorübergehend, erstmal jedenfalls: Ein Jahr lang stellt ihn sein alter Arbeitgeber McKinsey für die Stiftung frei. Als das Jahr um ist, soll er eigentlich wieder zurück kehren - und entscheidet sich dagegen. "Natürlich hätte ich bei McKinsey beste Karrierechancen gehabt", sagt er, "inklusive einer Gehaltskarriere. Aber ich wollte nicht mehr in einem Umfeld der Konkurrenz arbeiten, sondern einem Umfeld der Kooperation."

Dass Geld nicht den entscheidende Faktor für die Zufriedenheit von Angestellten darstellt, ist nichts Neues. Mittlerweile aber erlebt der Aspekt "Erfüllung" bei der Jobwahl einen echten Boom. In Großbritannien etwa gibt es eine ganze Datenbank für Angestellte aus der Banken- und Konzernwelt, die dem System entfliehen wollen: "Escapethecity" heißt das Projekt. Gegründet wurde es von zwei Ex-Unternehmensberatern, die ihrem Arbeitsleben endlich mehr Sinn geben wollten. Über ihre Webseite finden andere Wechselwillige den Kontakt zu Projekten und gemeinnützigen Organisationen.

Allerdings müssen sie dabei auch bereit sein, einen deutlichen Gehaltsverlust hinzunehmen. Andreas Rickert etwa ist zwar mittlerweile Geschäftsführer von Phineo, das als Idee bei der Bertelsmann-Stiftung entstanden war. Aber er bekommt jetzt weniger als damals bei McKinsey - und natürlich deutlich weniger als er mittlerweile dort verdienen könnte.

Dafür ist er jetzt rundum zufrieden; eine Währung, die ihm wichtiger erscheint. "Ich bin weniger getrieben durch Kunden und Deadlines. Ich arbeite zwar immer noch viel, aber das aus eigener Motivation. Und ich bin umgeben von Menschen, die von der gleichen Passion angetrieben werden."

Rickert hat zwei kleine Kinder; dass er ihnen nicht nur am Wochenende ein Vater sein kann, ist wohl auch Folge seines Jobwechsels. "Meine Grundbedürfnisse und die meiner Familie sind gedeckt", sagt er. "Ich werde mir wohl keine Segelyacht kaufen können - aber das vermisse ich auch gar nicht."

Wechsel wie den seinen hält er für sehr sinnvoll. "Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen aus der Wirtschaft in den gemeinnützigen Sektor wechseln, und umgekehrt. Sie könnten unheimlich voneinander profitieren."

Vor allem aber sollten sie es nicht nur aus Gehaltsgründen tun, sondern weil sie etwas tun, das ihnen sinnvoll erscheint. Dass sich das direkt auf die Motivation auswirkt, weiß auch Andreas Rickert: "Ich hole auch jetzt noch manchmal den Laptop hervor, wenn meine Kinder im Bett sind. Aber dann tue ich es, weil ich selbst es so will."


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