Personalpolitik von Fußballclubs "Wichtig ist, dass die Leute ihren Job verstehen"

Schalkes Magath, Bayerns van Gaal und Armin Veh vom HSV - drei ehemalige Meistermacher müssen die Trainerbank wohl zum Saisonende räumen. Erik Bethkenhagen vom Personalberater Kienbaum erklärt, was die Personalpolitik von Fußballvereinen so besonders macht - und warum er die Entscheidung der Bayern für besser hält als die der Hanseaten.
Von Kristian Klooß
Noch-Bayern-Trainer Louis van Gaal: "Wie ein Topmanager, dessen Strategie nicht mehr aufgeht"

Noch-Bayern-Trainer Louis van Gaal: "Wie ein Topmanager, dessen Strategie nicht mehr aufgeht"

Foto: Getty Images

mm: Herr Bethkenhagen, Bayern München, der HSV und wohl bald auch Schalke 04 verkünden mitten in der Saison den Austausch ihrer Cheftrainer. Sollten sich Konzerne wie die Allianz , Großunternehmen wie Imtech und Mittelständler wie Veltins an dieser knallharten Personalpolitik ein Beispiel nehmen?

Bethkenhagen: Das würde ich nicht sagen.

mm: Warum nicht?

Bethkenhagen: Weil die Business-Modelle sich unterscheiden. Bei einem Bundesligisten kann es von einem Spiel abhängen, ob der Verein in der kommenden Saison im Europapokal spielt. Das ist ein kurzfristiges Geschäft. Hinzu kommt die Emotionalität vor allem der Fans, die sich nicht mit der von Aktionären vergleichen lässt.

mm: Mit welchem Unternehmenstypus sind Fußballclubs denn am ehesten vergleichbar?

Bethkenhagen: Wenn es Analogien gibt, dann am ehesten zum Mittelstand. Mittelständler sind regionaler verwurzelt, die Entscheidungswege sind stärker an einzelne Personen gebunden. Auch die Emotionalität spielt hier bisweilen eine größere Rolle, die sprichwörtliche "Entscheidung aus dem Bauch" ist üblicher als in einem Konzern, mit allen Vor- und Nachteilen.

mm: Haben die drei Clubs denn die richtigen Entscheidungen gefällt?

Bethkenhagen: Das hängt vom Einzelfall ab. So ist es durchaus konsequent, einen Trainer zu entlassen, wenn er sich tatsächlich bei den Menschen in seinem beruflichen Umfeld so unbeliebt gemacht haben sollte, dass eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist. In diese Richtung wird ja im Fall Felix Magath argumentiert. Wenn also die Persönlichkeit überhaupt nicht zur Unternehmenskultur passt oder passen will, ist eine Trennung konsequent - obwohl es sportlich für Schalke gar nicht so schlecht aussieht.

Beim HSV sind es hingegen viele Partikularinteressen und wohl auch beleidigte Reaktionen, die zur Entscheidung beigetragen haben. Und wenn Sie sich die Bayern anschauen, dann liegt es wohl an der sportlichen Entwicklung, da sich die gegnerischen Trainer inzwischen auf das Konzept Louis van Gaals eingestellt haben. Hier haben wir also in Analogie zur Wirtschaft einen Topmanager, dessen Strategie nicht mehr aufgeht. Und dass er diese Strategie anscheinend nicht ändern möchte, ist ein nachvollziehbarer Grund für eine Trennung.

mm: Welcher der drei Entscheidungen würden Sie denn am ehesten zustimmen?

Bethkenhagen: Die Bayern haben es am besten gemacht. Dass muss ich leider sagen, obwohl ich in Hamburg aufgewachsen bin.

mm: Was unterscheidet die Personalentscheidung beim HSV von der bei den Bayern?

Bethkenhagen: Beim HSV sind es Ad-hoc-Aktionen. Das ganze Unternehmen ist momentan handlungsunfähig durch diese Vorgehensweise. Bei den Bayern wirkt es durchdachter. Die Entscheidungsträger haben sich dort über die Jahrzehnte ein anderes Standing erarbeitet. Am Ende ist es eben wichtig, dass die Leute ihren Job verstehen - ob jetzt beim Führen eines Fußballclub oder beim Leiten einer Großbrauerei. Schade ist, dass man beim HSV nun auf einen Topmanager wie Bernd Hoffmann verzichtet.

"Im Fußball ist ein Quartal eine Ewigkeit"

mm: Wie wichtig ist der Umstand, dass die Bilanz eines Cheftrainers Woche für Woche in der Bundesligatabelle abzulesen ist - im Gegensatz zur Bilanz eines Konzernchefs?

Bethkenhagen: Das ist entscheidend. Schon der Vorwurf, dass börsennotierte Unternehmen nur von Quartal zu Quartal denken, zeigt es. Denn eigentlich gibt es ja den Wunsch, dass es nachhaltiger zugeht. Im Fußball hingegen ist ein Quartal eine Ewigkeit, in der es Schwankungen vom Champions-League-Sieg bis zur Trainerentlassung geben kann.

mm: Welche Konsequenzen haben solche häufigen und kurzfristigen Chefwechsel aus Sicht eines Personalberaters?

Bethkenhagen: Ein Unternehmen, das wahllos und zu häufig sein Führungspersonal wechselt, verbrennt seine Arbeitgebermarke. Gute Leute überlegen sich immer zweimal, ob sie zu einem solchen Unternehmen wechseln. Bei einem Fußballclub macht man aber wohl weniger kaputt als bei einem börsennotierten Unternehmen. Zwar gibt es da mal ein Pfeifkonzert. Aber am nächsten Samstag ist schon wieder das nächste Spiel.

mm: Macht es der abstiegsbedrohte SV Werder Bremen richtig, der trotz magerer Punkteausbeute am Trainer Thomas Schaaf festhält?

Bethkenhagen: Ich glaube, das Beispiel Bremen zeigt zunächst einmal, wie wichtig die richtige Personalauswahl ist. Werder hat immer wieder intelligenter als andere Vereine agiert und gute Spieler dort gefunden, wo andere nicht gesucht haben. Dies ist die erste Saison seit langem, wo es nicht so funktioniert hat. Thomas Schaaf macht ja nicht viel anders als vorher. Aber es wurden nicht unbedingt die richtigen Neuzugänge geholt. Dennoch halte ich es für richtig, wie der SV Werder Bremen mit der Situation umgeht. Selbst dann, wenn der Club absteigen sollte…

mm: …sagen Sie als HSV-Fan. Wann waren Sie zuletzt im Stadion?

Bethkenhagen: Ich war das letzte Mal beim Spiel des HSV auf Schalke zu Beginn der Rückrunde. Ein klassischer Arbeitssieg mit 1:0.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.