Zusatzleistungen im Betrieb Mehr als nur Gehalt

Wer als Arbeitgeber attraktiv sein will, bietet seinen Mitarbeitern Anreize. Dabei ist Gehalt nicht alles. Nebenleistungen wie Weiterbildung, Firmenwagen oder Kinderbetreuung sollen die Belegschaft motivieren und das Betriebsklima verbessern. Doch es gibt auch Fallstricke - nicht nur für Arbeitgeber.
Statussymbole: Vom Arbeitgeber finanziertes Handy, Notebook und Dienstwagen

Statussymbole: Vom Arbeitgeber finanziertes Handy, Notebook und Dienstwagen

Foto: Corbis

Hamburg - Noch ist es ruhig. Vormittags ist niemand in der Unilever-Kantine außer einigen Köchen, die an der Essensausgabe mit leeren Blechwannen hantieren. Nur das Schild mit dem Tagesangebot deutet an, dass sich Wannen und Kantine bald füllen: "Waldpilzpfanne mit Schupfnudeln 1,45 Euro".

Unilever-Sprecher Merlin Koene ist begeistert. "Eins fünfundvierzig! Dafür bekommen Sie sonst kein Mittagessen, vor allem nicht hier in der Gegend." Die Deutschland-Zentrale des Konsumgüterkonzerns steht mitten in der Hafencity, einem der teuersten Viertel Hamburgs.

Subventionierte Mahlzeiten in der hauseigenen Kantine gehören zu den Leistungen, die Unilever  seinen Mitarbeitern zusätzlich zum Gehalt anbietet. Damit ist das Unternehmen nicht allein. Laut einer Studie von Aon Hewitt bieten 90 Prozent der großen Konzerne Deutschlands ihren Mitarbeitern vergünstigtes Essen an. Vor zwei Jahren fragte die Managementberatung 30 führende Unternehmen, welche Leistungen sie ihren Mitarbeitern neben dem Gehalt zukommen lassen.

Bezuschusstes Essen ist dabei nur eine Variante unter vielen. Wie die Aon-Hewitt-Studie zeigt, lassen sich die Konzerne allerhand einfallen, wenn es darum geht, Mitarbeiter zu werben und zu binden. Ob Personalrabatte, Mitarbeiteraktien, Mietzuschüsse oder Beihilfen für Geburten und Hochzeiten - wer seine Belegschaft über das Gehalt hinaus belohnen will, hat reichlich Möglichkeiten. Schätzungen zufolge machen Nebenleistungen etwa 15 Prozent der Gesamtvergütung aus.

Das Problem bei Umfragen wie der von Aon Hewitt: Bislang konnte man sich auf keinen einheitlichen Begriff für die Zusatzleistungen einigen. Steuerberater, Arbeitsrechtler und Arbeitgeber nutzen unterschiedliche Bezeichnungen. Während in Unternehmen aus dem englischen Sprachraum die Wendung Fringe Benefits verbreitet ist, gibt es in deutschen Firmen Nebenleistungen, Benefits, Zusatz- oder Sozialleistungen. Den Begriff "sozial" findet Unilever-Mann Koene jedoch irreführend. "Wir gewähren unseren Mitarbeitern die Leistungen nicht, weil wir lieb und nett sind. Hier geht es um den Wettbewerb um die besten Köpfe." Wer Leistungsträger will, muss selbst Leistung bieten.

Ein Firmenwagen kann schnell 2200 Euro pro Jahr kosten

Dafür eignen sich Firmenwagen besonders gut. "Autos haben in Deutschland einen hohen emotionalen Stellenwert", sagt Oliver Grimm, Partner der Wirtschaftskanzlei Taylor Wessing. Deshalb könnten Dienstwagen Einbußen beim Gehalt zumindest teilweise kompensieren. Die Aussage "Allzu viel verdiene ich zwar nicht, aber immerhin habe ich einen Dienstwagen", sei ihm schon zu Ohren gekommen, sagt Grimm.

Unabhängig vom ideellen Wert ist ein Firmenwagen auf den ersten Blick günstiger als ein privat erworbenes Auto. Trotzdem sollten Arbeitnehmer die Kosten im Auge behalten, die langfristig anfallen. Normalerweise wird ein privat genutzter Dienstwagen nach der Ein-Prozent-Regel besteuert, der Nutzer muss also monatlich ein Prozent des Bruttolistenpreises des Autos an den Staat abführen. "Wenn der Wagen 40.000 Euro kostet, müssen Sie pro Monat 400 Euro, jährlich also 4800 Euro versteuern", rechnet Grimm vor. Je nach Einkommenssteuersatz zahlt der Arbeitnehmer damit für seinen Firmenwagen bis zu knapp 2200 Euro jährlich.

Auch bei finanziellen Nebenleistungen, die in der Regel als geldwerter Vorteil zu versteuern sind, sollte man laut Grimm nicht einfach blind zugreifen. "Erkundigen Sie sich erst, welche Kosten langfristig auf Sie zukommen." Zusätzliche Versicherungen oder betriebliche Altervorsorge mögen für sich betrachtet zwar attraktiv sein. Man sollte sie jedoch auch mit seinem persönlichen Versicherungs- und Vorsorgekonzept abstimmen.

Ansonsten droht ein klassischer Fall von Überversicherung. Daneben muss auch ein künftiger Jobwechsel in Betracht gezogen werden. "Das neue Unternehmen ist nicht dazu verpflichtet, Vorsorgebeiträge weiterzufinanzieren, die der ehemalige Arbeitgeber getragen hat", so Grimm.

Doch Nebenleistungen bergen auch Fallstricke für Unternehmen. Einige machen nicht deutlich, dass es sich um eine freiwillige Nebenleistung handelt. Damit riskieren sie, dass die Zuwendung zur betrieblichen Übung wird - frei nach dem Motto: Einmal Weihnachtsgeld, immer Weihnachtsgeld.

Nebenleistungen sprechen sich schnell herum

Auch fühlen sich Arbeitnehmer schnell ungerecht behandelt, wenn der Kollege etwas bekommt, man selbst aber nicht. Zwar muss der Arbeitgeber Nebenleistungen nicht öffentlich machen. Herauszufinden, was und wie viel die Kollegen an Nebenleistungen bekommen, sollte allerdings kein Problem sein. "Man sollte nicht unterschätzen, wie schnell sich so etwas herumspricht", so Grimm.

Bei aller Verschwiegenheit, die die Deutschen in Gehaltsfragen an den Tag legen - für die Zusatzleistungen gelte das Gegenteil. "Ob grünes oder blaues Auto, Diensthandy oder Laptop - sowas wird unter Kollegen gern ausgewertet." Deshalb würde der Rechtsexperte Arbeitgebern bei Nebenleistungen zu größtmöglicher Transparenz raten. "Alles andere bringt Unruhe ins Unternehmen und führt zu schlechter Stimmung."

Abgesehen von immer gern genommenen Statussymbolen wie Auto oder Handy sind Nebenleistungen gesellschaftlichen Entwicklungen ausgesetzt. Während einige an Bedeutung gewinnen, werden andere mit der Zeit unwichtiger oder verschwinden ganz.

Unterstützung von Familien gewinnt an Bedeutung

Beobachten lässt sich das an der Kinderbetreuung, die in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. Da es für die Eltern zunehmend schwierig wird, Arbeit und Kind unter einen Hut zu bekommen, greifen fast alle großen Konzerne ihren Mitarbeitern dabei unter die Arme. So gaben 80 Prozent der von Aon Hewitt befragten Unternehmen an, Betreuungsleistungen anzubieten. 57 Prozent haben einen Betriebskindergarten, 43 Prozent bieten Kindernotbetreuung an. Immerhin knapp ein Fünftel der Unternehmen finanziert ihrer Belegschaft Rabatte bei örtlichen Kindertagesstätten.

Doch es gibt auch Leistungen, die allmählich verschwinden. Während der Naturallohn, das sogenannte Deputat, früher gang und gäbe war, ist es heute nur noch vereinzelt zu finden.

Zum Beispiel bei der RAG: Bis heute erhalten die Mitarbeiter jährlich bis zu sieben Tonnen Hausbrand, also Kohlen für den Eigenbedarf. Doch nur ein Bruchteil der Mitarbeiter hat noch Verwendung für den Brennstoff. Der Anspruch verfällt dadurch aber nicht. "88 Prozent unserer Mitarbeiter wandeln ihren Anspruch auf Hausbrand in Geld um", so ein RAG-Sprecher. Knapp 130 Euro Energiebeihilfe wird pro Tonne ausgezahlt. Das macht rund 900 Euro im Jahr, die als geldwerter Vorteil zu versteuern sind.

Auch bei Unilever dürfen Mitarbeiter ausgewählte Produkte mit nach Hause nehmen. Kommt ein Deo oder eine Gesichtscreme auf den Markt, bekommt jeder die Neuheit geschenkt - päckchenweise, um sie auch an Freunde und Bekannte weiterzugeben. Eine Mitarbeiterin könnte sich stattdessen eine Lösung à la RAG vorstellen: "Natürlich ist es gut, dass wir die neuen Produkte testen können. Hätte ich die Wahl, würde ich mir die Proben aber lieber auszahlen lassen."


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