Roman "Die Kündigung" Wenn Manager fliegen

Einem Topmanager wird gekündigt. Hubertus Meyer-Burckhardt erzählt in seinem Debütroman von einem Mann, der sich dennoch weiter an sein Leben in der Business Class klammert. Im Interview sagt der Ex-ProSiebenSat.1-Manager, welche Erfahrungen ihn dazu inspiriert haben.
Managerleben: So mancher Topmanager kann nicht loslassen

Managerleben: So mancher Topmanager kann nicht loslassen

Foto: Corbis

mm: Herr Meyer-Burckhardt, Sie schreiben in Ihrem Debütroman "Die Kündigung" von einem Manager einer Investmentfirma, der überraschend gefeuert wird. Er bricht daraufhin zusammen und flüchtet in eine Traumwelt. Investmentbanker, Kündigung, Zusammenbruch - das Buch liest sich, als wäre es mitten in der Wirtschaftskrise entstanden.

Meyer-Burckhardt: Dem ist aber nicht so. Ich habe den Roman in den Nächten des Jahres 2005 begonnen, als ich Vorstand bei ProSiebenSat.1 war. Mein damaliger Chef Haim Saban hatte die Angewohnheit, Telefonkonferenzen mit seinen Vorständen nachts einzuberufen, weil er in Los Angeles lebte und die Zeitverschiebung neun Stunden beträgt. Die Pausen habe ich dazu genutzt, um den Roman zu schreiben. Zwischendurch habe ich ihn einige Zeit liegen gelassen. Deshalb ist er erst im vergangenen Jahr fertig geworden.

mm: Sie waren insgesamt sechs Jahre in den Vorständen der Axel Springer AG und von ProSiebenSat1.Wie stark beruht der Roman auf Ihren persönlichen Erfahrungen?

Meyer-Burckhardt: Ich habe eine ganze Weile meines beruflichen Lebens mit Männern zugebracht, die sich sehr stark über Leistung definieren. Da stellte sich mir irgendwann die Frage: Was bleibt von der Person ohne ihre Funktion? Die Frage wirkt auf stark leistungsorientierte Menschen so, als würde ihnen jemand das Geländer wegreißen. Dieses Phänomen gibt es aber nicht nur im Investmentbanking oder im Verlagswesen. Man kann es in allen Branchen beobachten.

mm: Ihr Romanheld entwickelt einen Hass auf seinen Chef, also auf denjenigen, der ihm seine Arbeit und damit seine Funktion nimmt. Haben Sie selbst diese Erfahrung gemacht?

Meyer-Burckhardt: Mir ist nie gekündigt worden. Ich bin nicht der Protagonist. Aber es fällt mir leicht, mich in Menschen hineinzuversetzen, die eine Zurückweisung oder einen Verlust erfahren haben.

mm: Warum?

Meyer-Burckhardt: Weil ich seit 25 Jahren Personalverantwortung habe und es nicht ausbleibt, dass man sich beruflich von Menschen trennt. Zum anderen ist mein Hauptberuf, Filme zu produzieren und Drehbücher zu entwickeln. Ich muss mich ständig in die Figuren hineinversetzen, die ich auf den Fernsehschirm, auf die Kinoleinwand oder eben zwischen zwei Buchdeckel bringen will.

mm: Simon Kannstatt, der Romanheld, sieht in Vorgesetzten Menschen, "die Sprache als Nebelbombe verwendeten, die Desinformation streuten, die [...] ihre handwerklichen Mängel vertuschten". Entspricht das Ihrem Managerbild?

Meyer-Burckhardt: Den Managertypus, der sich sehr in der männlichen Attitüde des Frontkämpfers gefällt, habe ich in der Tat erlebt. Genauso habe ich den kontemplativen, gebildeten Managertypus erlebt. Ich finde es spannend, diese beiden Sichten auf die Welt und auf das Geschäft im Roman nebeneinanderzustellen und zu gucken, was passiert.

mm: Zu welchem Managertypus zählen Sie sich selbst?

Meyer-Burckhardt: Wenn ich ein Managertyp wäre, wäre ich noch bei Springer, ProSiebenSat.1 oder BBDO. Ich habe experimentiert. Springer-Chef Mathias Döpfner und ich haben meine Tätigkeit als Vorstand von vornherein als befristet angesehen. Wir wollten einfach sehen, wie das wird. Es war eine erfolgreiche Zeit, aber ich habe beschlossen, dass ich wieder Filme produzieren möchte. Ich habe bewusst und ohne jeden Hochmut die Entscheidung getroffen, dass ich in einem anderen Beruf vermutlich glücklicher bin.

mm: Das heißt, die Zeit als Manager ist für Sie endgültig vorbei?

Meyer-Burckhardt: Das würde ich niemals sagen. Aber im Moment habe ich neben meiner Produktionsfirma Polyphon eine Professur und eine Talkshow. Damit bin ich sehr glücklich.

mm: Ihr Romanheld Kannstatt erkennt nach der Kündigung, dass er nur für seine Arbeit gelebt hat und ohne sie nicht mehr kann. Haben Sie einen Hang zum Workaholic?

Meyer-Burckhardt: Ein Workaholic ist süchtig. Das bin ich nicht. Ich mache nur Dinge, die mir Spaß machen, weil ich nur darin gut bin. Aber genau das finde ich so spannend in unserer Gesellschaft. Mit nichts kann man Menschen so sehr verblüffen wie mit der Frage: Wäre es nicht zur Abwechslung eine gute Idee, wenn Du nur mal das machen würdest, was Du wirklich willst?

mm: Das klingt gut, kann sich aber nicht jeder leisten.

Meyer-Burckhardt: Genau das bekomme ich dann immer zu hören. "Du kannst es dir ja leisten." Einem Menschen zu empfehlen, er solle nur noch das machen, was er will, hat fast obszönen Charakter. Die Sorge der Deutschen vor jeglichem Risiko ist unverhältnismäßig groß. Und wozu sind wir denn auf der Welt? Um zumindest weitgehend eine Identität zu schaffen zwischen dem, was Sie sich vorstellen und dem, was Sie tun.

mm: Und wie schafft man die?

Meyer-Burckhardt: Die Antwort darauf kann nur individuell sein. Es gibt keinen Masterplan. Aber ich glaube zutiefst daran, dass jeder Manager eher die Wüste Gobi durchqueren oder eine Camel-Trophy buchen würde, als in ein Land zu gehen, das wirklich abenteuerlich, hochriskant und sehr Erfolg versprechend ist. Das Land ist er selbst.

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