Anonyme Bewerbung Die Angst vor gesichtslosen Phantomen

Fünf Großunternehmen beteiligen sich an einem Pilotprojekt zur Einführung der anonymen Bewerbung. Doch die Vorbehalte in der Wirtschaft sind groß: Kann es gut gehen, wenn man gesichtslose Bewerber zum Vorstellungsgespräch lädt?
Von Maja Roedenbeck
Erste Reaktionen: Ein anonymes Bewerbungsverfahren sei zu zeitaufwändig, zu teuer, zu kompliziert und führe zu überflüssigen Vorstellungsgesprächen

Erste Reaktionen: Ein anonymes Bewerbungsverfahren sei zu zeitaufwändig, zu teuer, zu kompliziert und führe zu überflüssigen Vorstellungsgesprächen

Foto: Corbis

Berlin - Es geht nur um ein Pilotprojekt - aber eines, das viel Staub aufwirbelt: Ein Bewerbungsverfahren ohne Fotos und Angaben zu Name, Alter, Geschlecht, Nationalität und Religion soll den Blick der Personaler ausschließlich auf die Qualifikationen lenken. Es soll die nachweislich schlechteren Chancen von älteren Bewerbern, Müttern und Ausländern verbessern.

Nur ein Versuch. Der aber stößt auf massive Vorbehalte.

"Der Vorschlag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, anonymisierte Bewerbungen einzuführen, ist unnötig und kontraproduktiv", heißt es bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) gegenüber dem manager magazin, "Schon aus demografischen Gründen wollen und können es sich Unternehmen nicht leisten, geeignete Bewerber nach unsachlichen Kriterien auszusortieren." Schon jetzt sei das "entscheidende Kriterium" bei der Auswahl der Bewerber deren Qualifikation.

Wie die BDA reagierten viele Unternehmen und Verbände auf die Ankündigung des Pilotprojekts. Ein anonymes Bewerbungsverfahren sei zu zeitaufwändig, zu teuer, zu kompliziert und führe zu überflüssigen Vorstellungsgesprächen. Dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), das Benachteiligungen verhindern soll, sei man ohnehin verpflichtet. Und die Abteilung Diversity Management könne ihrer Aufgabe, gezielt für eine Vielfalt unter den Angestellten zu sorgen, bei anonymen Bewerbungen ja gar nicht nachkommen.

Fünf Unternehmen wagen den Versuch

Dennoch trauen sich einige Unternehmen, an dem Versuch teilzunehmen: Deutsche Post , Deutsche Telekom , L'Oréal, die Mydays GmbH sowie Procter & Gamble  probieren es ab diesem Herbst aus und werden nach Ablauf eines Jahres Erfahrungswerte liefern.

"Wir wollen ein breites Spektrum an Bewerbern für uns gewinnen. Angesichts des demografischen Wandels können wir es uns als personalintensives Unternehmen nicht leisten, irgendeine Personengruppe oder potenzielle Fach- und Arbeitskräfte nicht zu beachten", erklärt Walter Scheurle, Personalvorstand der Deutschen Post, das Experiment.

Bei L'Oréal Deutschland geht es darum, die bewährte Vielfalt unter den Mitarbeitern durch die anonyme Bewerbung weiter zu fördern, so die Diversity-Beauftragte Yvonne von de Finn: "Alleine in Deutschland arbeiten bei uns Menschen aus 36 Nationen. Gemischte Teams sind am kreativsten beispielsweise wenn es darum geht, neue Produkte für unsere weltweit unterschiedlichen Konsumenten zu entwickeln."

Natürlich hatten auch die teilnehmenden Unternehmen Bedenken. Aber mancher Nachteil wird zunächst hingenommen, weil man sich große Vorteile erhofft: "Sicherlich mag das anonyme Verfahren ein Mehr an administrativem Aufwand verursachen - das wird sich noch zeigen", so Walter Scheurle. "Aber sollten wir damit tatsächlich ein größeres Bewerberpotenzial erschließen, um als Unternehmen wirtschaftlich und innovationsfähig zu bleiben, können wir die Frage, ob sich der Aufwand lohnt, abschließend beantworten."

Befürworter der anonymen Bewerbung führen ins Feld, dass gerade die Punkte, auf die nun verzichtet werden soll, oft manipuliert werden. Ältere Bewerber legen Fotos aus jüngeren Jahren bei, um ihre Chancen zu erhöhen. Karriereberater wie Svenja Hofert aus Hamburg empfehlen ihren Klientinnen, ihre Kinder weder im Bewerbungsschreiben noch beim Vorstellungsgespräch zu erwähnen - wenn sie die Betreuung organisiert haben und sicher sind, den zeitlichen Anforderungen der Stelle zu genügen.

Selbst Manager müssen tricksen

Selbst Manager müssen offenbar tricksen: "Einer meiner Klienten, der sich auf Führungspositionen bewarb, hat ein bestimmtes äußerliches Merkmal, das ihn selbst auf Profifotos immer etwas unfreundlich wirken lässt." Er hatte arge Schwierigkeiten, eine Stelle zu finden, trotz Topqualifikationen. Schließlich klappte es doch. Hofert hatte ihm geraten, das Foto wegzulassen

In der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wurde die Debatte der vergangenen Wochen interessiert verfolgt - hier wurde der Modellversuch auf den Weg gebracht. "Wir wollten eine Diskussion über die Bewerbungskultur in Deutschland anstoßen, und das ist uns gelungen", resümiert Leiterin Christine Lüders, "Die lautstarken Gegenstimmen der Unternehmensverbände beweisen, dass wir offensichtlich einen Nerv getroffen haben." Und sie setzt hinzu: "Wenn ein Verbandssprecher offen sagt, die Unternehmen müssten doch aber nach Geschlecht und Herkunft aussuchen, entlarvt sich das von selbst und zeigt, wie groß das Problem unbewusster Diskriminierung hierzulande ist."

Auch junge Unternehmer haben Vorbehalte

Die Skepsis, wie sie die BDA artikuliert, findet sich überraschend stark auch unter jungen Unternehmern. Bei einer Kurzumfrage, die die Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD) im Verband durchgeführt haben, hielten rund 36 Prozent der befragten Führungskräfte unter 40 Jahren anonyme Bewerbungen für nicht praktikabel, weil für den Arbeitgeber wesentliche Informationen fehlen. Die Mehrheit von rund 39 Prozent meint, anonyme Bewerbungen seien nicht notwendig: Arbeitgeber seien sich ihrer Verantwortung bewusst und Profis genug, um allein auf der Grundlage von Qualifikationen zu entscheiden.

Thomas Oehring, Mitglied des WJD-Bundesvorstandes und Vorstand der FScon AG, möchte aus diesen Ergebnissen keine totale Ablehnung der anonymen Bewerbung herausgelesen wissen - und schon gar keine Diskriminierung: "Es ist lediglich eine Ablehnung der Bevormundung. Wir setzen uns eigeninitiativ gegen die Diskriminierung zum Beispiel von Müttern und für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein."

Von Bevormundung kann für Christine Lüders keine Rede sein. Selbst bei einem erfolgreichen Ausgang ihres Pilotprojekts werde sie kein Gesetz befürworten: "Eine Idee wie diese muss sich per Überzeugungskraft durchsetzen. Bisher konnte ich noch jedes Gegenargument widerlegen." Beispielweise würden die Bewerber keineswegs zu gesichtslosen Phantomen degradiert. Im Motivationsschreiben bleibe genug Raum für die Persönlichkeit, und spätestens zum Vorstellungsgespräch komme ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Bewerbungen sind sowieso nicht ehrlich

Bewerbungsexpertin Svenja Hofert allerdings beobachtet schon länger einen Trend, nach dem ohnehin nur noch Spezialistenjobs per klassischer Stellenausschreibung vergeben werden: "Und wo ein Spezialist gebraucht wird, kommt es wirklich nur auf die Qualifikationen an."

Vielen Personalern, zumal aus der IT, seien Fotos seit jeher unwichtig. Bei den generalistischen Stellen im Bereich Führung und Kommunikation dagegen, wo ein Foto vielleicht eher sinnvoll ist, würden die Stellen immer öfter per Networking vergeben. Setzt sich diese Entwicklung fort, hätte sich die Frage nach der anonymen Bewerbung ohnehin erübrigt.

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