Mittwoch, 16. Oktober 2019

Krank im Beruf "Es stellt sich die Frage nach der Leistungsfähigkeit"

Robert Enkes tragischer Freitod hat eine Erkrankung zum Thema gemacht, die viele Menschen betrifft. manager-magazin.de sprach mit Georg Fischer, Psychoanalytiker und Executive Coach, über Depressionen am Arbeitsplatz, das Verschweigen von Krankheiten und den richtigen Zeitpunkt des Outings.

mm.de: Wir haben vergangene Woche erlebt, wie Robert Enkes Witwe von dessen Depression und Ängsten vor der Veröffentlichung seiner Krankheit erzählte. Solche Erkrankungen können jeden treffen - übertragen auf die Arbeitswelt sowohl Arbeitnehmer wie Arbeitgeber. In welchem Zustand befinden sich die Betroffenen?

Outen oder nicht? Erkrankte Arbeitnehmer sollten einen solchen Schritt genau überdenken
Fischer: Die wahren Hintergründe dieses konkreten Falls entziehen sich meiner Kenntnis, sodass sich Mutmaßungen darüber verbieten. Jedoch muss man zur Depression als Krankheit wissen, dass die betroffenen Menschen einen entsetzlich quälenden Zustand der "Losigkeit" erleben, Freudlosigkeit, Antriebslosigkeit und sogar Trauerlosigkeit. Man sagt von den schwer depressiv Kranken, dass sie nicht nur eine massive Angst haben, sondern dass sie Angst sind. Suizid ist bei Depressiven - in Abhängigkeit, aber auch unabhängig von äußeren Begebenheiten und Umständen - nicht selten.

mm.de: Welche Situationen können das Entstehen von Depressionen begünstigen?

Fischer: Generell muss man unterscheiden zwischen der Depression als Krankheit, die genetisch mit determiniert ist, und einer depressiven Verstimmung. Die depressive Verstimmung kann jeden von uns treffen in einer schwierigen Situation, bei hoher Dauerbelastung, in Krisensituationen, wenn im privaten oder im beruflichen Bereich das Verarbeitungsvermögen überfordert ist. Eine depressive Verstimmung ist immer im Kontext der Biografie und der jeweiligen Lebenssituation zu sehen. Ihr Grad ist abhängig von der Persönlichkeitsstruktur des Einzelnen, von dem System in dem er interagiert und von seinem Beziehungsgeflecht.

mm.de: Und welche Situationen setzen bei den Leistungsträgern im Unternehmen die Daumenschrauben an?

Fischer: Depressive Verstimmungen können entstehen, wenn jemand über eine längere Zeit frustrierende Verhandlungen führt oder wenn ihm Aufgaben misslingen. Oder nehmen wir als Beispiel die derzeitige Krise: Neben dem ohnehin anstrengenden Tagesgeschäft hat man Sorge um die eigene Karriere und die eigenen unternehmerischen Ziele zu verkraften.

Darüber hinaus muss man die Mitarbeiter führen und stützen, mit ihren Ängsten umgehen. Dann auch Mitarbeiter freisetzen und deren aussichtslose Situation miterleben: Was man da verarbeiten muss, kann schon mal zu viel werden. Solche Situationen gefährden das Gleichgewicht einer Person und sind unabhängig von der Ebene - es kann jeden treffen: Topmanager, mittlere Manager oder normale Arbeitnehmer.

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