Bundesbank Thilo Sarrazin degradiert

Nach seinen umstrittenen Äußerungen über Ausländer hat Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin an Einfluss verloren. Der 64-Jährige büßte heute seine bisherige Zuständigkeit für eine wichtige Bundesbank-Abteilung ein. Künftig ist er nur noch für die Informationstechnologie und das Risiko-Controlling der Bank verantwortlich.

Frankfurt am Main - Die Deutsche Bundesbank hat dem umstrittenen Vorstand Thilo Sarrazin wichtige Aufgaben entzogen. Der 64-Jährige werde künftig nicht mehr für den Bereich Bargeldumlauf zuständig sein, teilte die Bundesbank am Dienstag mit. Den Bereich übernehme Vorstandskollege Hans Georg Fabritius. Sarrazin bleibt damit weiterhin für Risiko-Controlling und Informationstechnologie zuständig. Damit fiel der Machtverlust jedoch nicht so stark aus wie erwartet. Vor der Vorstandssitzung war darüber spekuliert worden, dass Sarrazin nur ein Aufgabengebiet bleiben würde.

Der erst im Mai in den Vorstand gewechselte Sozialdemokrat hatte sich in einem Interview kritisch über in Berlin lebende Türken geäußert und damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Bundesbank distanzierte sich daraufhin in einem ungewöhnlichen Schritt demonstrativ von den Äußerungen ihres Vorstandsmitglieds und bezeichnete sie als diskriminierend.

Ein knallharter Sparkurs als Finanzsenator in Berlin und markige Sprüche jenseits aller "political correctness" haben Sarrazin bundesweit bekannt gemacht. Der SPD-Politiker empfahl Hartz-IV-Empfängern, im Winter zu Hause dicke Pullover zu tragen, rechnete ihnen vor, dass ein Mittagessen nicht mehr als 1,15 Euro kosten müsse und ermunterte öffentlich Erwerbslose zur Schwarzarbeit.

Auch nach seinem Wechsel in den Vorstand der Bundesbank im Mai nahm Sarrazin weiter kein Blatt vor dem Mund. Doch war sich der 64-Jährige offenbar nicht darüber im Klaren, dass in der Finanzbranche andere Regeln herrschen als in der Politik. Seine jüngsten Äußerungen über Ausländer, von Kritikern als rassistisch gebrandmarkt, könnten nun zur Entmachtung von "Thilo Taktlos" in der distinguierten Notenbank führen.

Dabei genießt der in Gera geborene und in Recklinghausen aufgewachsene Volkswirt einen guten Ruf als Finanzfachmann. Er promovierte in Bonn "magna cum laude", leitete das Büro des früheren SPD-Finanzministers Hans Matthöfer und sanierte für den rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Rudolf Scharping die öffentliche Verwaltung. Ende der 90er Jahre kam Sarrazin als Geschäftsführer der TLG Treuhandliegenschaftsgesellschaft nach Berlin, wo er auch ein kurzes Gastspiel bei der Bahn AG gab - dort rasselte er aber schnell mit seinem ebenso eigenwilligen Chef Hartmut Mehdorn zusammen.

Sieben Jahre lang war Sarrazin dann der oberste Kassenwart in Berlin, dessen marode Finanzen er ohne Furcht vor unpopulären Entscheidungen halbwegs sanierte. "Die Strukturen sind jetzt in Ordnung", ließ er sich zum Abschied zitieren. Eine Niederlage musste er jedoch 2006 einstecken, als das Bundesverfassungsgericht ihm beschied, dass die mit 60 Milliarden Euro verschuldete Hauptstadt keinen Anspruch auf zusätzliche Bundeshilfen zur Schuldentilgung hat.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit brauchte nicht nur wegen des Sanierungskurses seines Finanzsenators bisweilen ein dickes Fell. Denn Sarrazin würzte seine Tätigkeit immer wieder mit Äußerungen, die von denen einen als erfrischende Wahrheiten, von anderen als Stammtischparolen wahrgenommen wurden.

Lebenstipps für Minderheiten

Dabei war sich meistens sicher, im Recht zu sein. Er watschte die Schüler und Lehrer der Hauptstadt ab. Die Schüler in Bayern "können aber mehr ohne Abschluss als unsere in Berlin mit Abschluss", ätzte er. Zum Entsetzen der Gewerkschaften fiel ihm zu Arbeitslosen ein: "Ehe jetzt einer im 20. Stock sitzt und den ganzen Tag fernsieht, bin ich schon fast erleichtert, wenn er ein bisschen schwarz arbeitet." Immer wieder gab der Senator auch Hartz-IV-Empfängern Lebenstipps. Zum Körperbau von Langzeitarbeitslosen hatte er ebenfalls eine Meinung: "Wenn man sich das anschaut, ist das kleinste Problem von Hartz-IV-Empfängern das Untergewicht."

Seine Neigung zum Polarisieren verließ ihn auch mit dem Umzug zur traditionsreichen Bundesbank nach Frankfurt nicht, wo er im Vorstand bisher für die Bereiche Bargeld, Informationstechnologie und Risiko-Controlling zuständig ist.

Sein eigenes Risiko-Controlling funktionierte jedenfalls nicht, als er der Zeitschrift "Lettre International" ein Interview gab. "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären, mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung", sagte er dort und legte nach: "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert. Das gilt für 70 Prozent der türkischen und für 90 Prozent der arabischen Bevölkerung in Berlin."

Zahlreiche Politiker hatten Sarrazin zum Rücktritt aufgefordert. Sarrazin hatte sich für seine Äußerungen entschuldigt, einen Rücktritt aber abgelehnt. Die Entlassung eines Vorstandsmitglieds ist rechtlich schwierig: Nur bei Krankheit oder bei schwerwiegenden Verfehlungen kann der Vorstand beim Bundespräsidenten beantragen, ein Mitglied zu entlassen. In der mehr 50-jährigen Geschichte der Bundesbank ist noch nie ein Vorstand wegen Verfehlungen gefeuert worden.

Auch der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, hat die Entlassung von Sarrazin gefordert. Die Äußerungen Sarrazins über bestimmte Einwanderergruppen seien "rassistisch", sagte er am Montagabend dem Fernsehsender N24. Sarrazin habe das Bild Deutschlands im Ausland beschädigt, sagte Mazyek dem Sender zufolge. "Solch eine Aussage darf nicht fallen von einer solchen Persönlichkeit, die an der Spitze der Deutschen Bundesbank steht. Und deswegen hat er auch dort in dem Vorstand nichts mehr verloren."

Der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) stellte sich unterdessen vor Sarrazin. "Ich schätze ihn sehr", sagte der Politiker dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Ich würde mir wünschen, dass es mit seiner Entschuldigung sein Bewenden hat." Sarrazin hatte unter Waigel im Bundesfinanzministerium gearbeitet.

Mit seinem Interview in der Zeitschrift "Lettre International" fachte Sarrazin unterdessen eine Debatte über Integrationspolitik an. Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann, fordert für die künftige Bundesregierung ein Ministerium für Zuwanderung und Integration. Der Berliner SPD-Politiker Heinz Buschkowsky erklärte, auch wenn Sarrazins "Rundumschlag zur Integrationsproblematik" nicht hilfreich sei, sei seine Analyse "den Realitäten sicherlich schon sehr nahe gekommen".

Auch der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet (CDU) erklärte in der "Bild"-Zeitung, Deutschland könne es sich nicht leisten, junge Talente zu verlieren. Er sprach sich daher für ein neues Bleiberecht aus, "damit gut integrierte Kinder und Jugendliche nicht abgeschoben werden, auch wenn deren Eltern vor Jahren ohne gültige Papiere eingereist sind".

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa und reuters