EDF Neuer König der Kernkraftwerke

Henri Proglio wird neuer Chef des weltgrößten Atomstromkonzerns EDF. Bisher war der 60-Jährige Leiter des Versorgers Veolia. Proglio wird Nachfolger von Pierre Gadonneix und auch Vorsitzender des Direktoriums.

Paris - Die französischen Großkonzerne EDF  (Energie) und Veolia (Entsorgung, Verkehr, Kommunaldienste) rücken enger zusammen. Die französische Regierung ernennt Henri Proglio zum Chef des staatlich kontrollierten Versorgers Electricite de France. Der 60-Jährige werde Nachfolger von Pierre Gadonneix und auch Vorsitzender des Direktoriums, teilte das Büro des Ministerpräsidenten Francois Fillon am Sonntagabend mit. Gadonneix stand nicht mehr zur Wiederwahl zur Verfügung. Die Ernennung wird noch von Präsident Nicolas Sarkozy bekannt gegeben.

Zuvor hatte Fillon erklärt, die Regierung habe beschlossen, die Konzernführung zu erneuern. Ziele seien eine höhere Effizienz der Atomwirtschaft und mehr Kohärenz des Weltgeschäfts. Staatschef Nicolas Sarkozy hatte selbst die Personalwahl getroffen. Fillon versprach aber, das Parlament werde den vorgeschlagenen Kandidaten anhören.

Presseberichten zufolge soll Proglio als EDF-Chef gleichzeitig Aufsicht führender Präsident von Veolia bleiben oder zumindest den Veolia-Strategieausschuss leiten. Proglio will Veolia an EDF anlehnen, weil sein Konzern durch die Fusion des Gaskonzerns Gaz de France  mit dem Versorger und Energiekonzern Suez  auf dem Markt für Energiedienste in die Defensive gedrängt wurde. Veolia könnte auch EDF-Teile kaufen und mit Aktien bezahlen. EDF würde damit als staatlicher Großaktionär ein Garant gegen eine Übernahmen Veolias durch ausländische Konzerne.

Der Vertrag von EDF-Chef Pierre Gadonneix läuft am 22. November aus. Über Gadonneix' Nachfolge wird seit Wochen spekuliert. Im Gespräch waren unter anderem die Chefin des französischen Atomkonzerns Areva, Anne Lauvergeon, sowie Sarkozys Sonderberater Henri Guaino. EDF betreibt in Frankreich alle 19 Atomkraftwerke und hat auf dem Strommarkt praktisch noch immer ein Monopol.

Proglio kommt aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Seine Eltern waren Gemüsehändler, schickten ihre Zwillingssöhne Henri und René trotzdem auf die Eliteschule HEC. Während Henri bei Veolia Karriere machte, profilierte sich René in der Bankszene. Unterdessen ist er Präsident von Morgan Stanley  in Frankreich.

Zur Politik hat Proglio seit jeher einen guten Draht. Er gilt als langjähriger Vertrauter des ehemaligen konservativen Präsidenten Jacques Chirac. Und nach der Wahl von dessen Nachfolger gehörte der Veolia-Chef zum erlauchten Kreis der Gäste, die mit Nicolas Sarkozy im Luxusrestaurant "Fouquet's" den Sieg feiern durften.

Der Vater zweiter Töchter, der als Leidenschaften italienische Küche, "Autos, Geschwindigkeit und Wettbewerb" angibt, hat nach Einschätzung von Branchenexperten bei Veolia eine durchwachsene Bilanz hinterlassen. Auch wenn der Konzern mit 336.000 Mitarbeitern heute auf fünf Kontinenten tätig ist, hat Proglios rascher Expansionskurs seine Spuren hinterlassen. Auf dem Unternehmen lasten Schulden von fast 17 Milliarden Euro. Proglio war gezwungen, mehrere Geschäftsteile zum Verkauf zu stellen, nachdem die Wirtschaftskrise insbesondere zu Einbrüchen im Geschäft mit Industrieabfällen führte.

Bei seinem neuen Arbeitgeber EDF, an dem der Staat 84 Prozent hält, türmt sich ein noch viel höherer Schuldenberg: Nach der Übernahme von British Energy und dem US-Energiekonzern Constellation steht Europas größter Stromkonzern mit fast 37 Milliarden Euro in der Kreide. Viel Spielraum für einen Schuldenabbau hat Proglio nicht. Denn einerseits ist EDF Teil der von Sarkozy ausgerufenen weltweiten Atom-Offensive Frankreichs. Das Unternehmen beteiligt sich dabei an Projekten zum Bau neuer EPR-Reaktoren im Ausland, die voraussichtlich erst einmal viel Geld verschlingen werden.

An der Preisschraube kann Proglio auch nicht deutlich drehen. Sein Vorgänger Gadonneix hat seinen Job auch verloren, weil er bis 2012 eine Strompreiserhöhung von 20 Prozent forderte - der Elysée reagierte verschnupft. Gleichzeitig steht EDF wegen seines Quasi-Monopols aus Brüssel unter Druck. Die EU-Kommission verdächtigt den Konzern, seine Preise künstlich hoch zu halten.

manager-magazin.de mit Material von afp und dpa

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