Müllers Welt Wie die Inflation uns schadet

Erst die Wirtschaftskrise, dann die Geldwertkrise? Die Aussichten sind beunruhigend derzeit. Gerade Lohnempfänger müssen aufpassen, ihre gewohnte Kaufkraft zu behalten. Diskutieren Sie mit!

Jahrelang waren die Löhne und Preise in Deutschland praktisch eingefroren. Viel tat sich nicht, erst gegen Ende des letzten Aufschwungs stiegen die realen Einkommen endlich mal wieder, ein bisschen wenigstens. Ein Plus, von dem viele jetzt noch profitieren. Nicht mehr lange. Während der Arbeitsmarkt immer tiefer ins Minus rutscht, taucht eine neue Gefahr auf: Inflation. Und das heißt: Lohnentwertung. Wer die Kaufkraft seines Einkommens halten oder sogar steigern will, muss in den kommenden Jahren die Preissteigerungen sehr genau beobachten.

Der "Gehaltsreport", unsere gemeinsame Aktion mit Xing, dessen Ergebnisse wir im Herbst im manager magazin und in vielen Detailauswertungen auf manager-magazin.de veröffentlichen, wird eine Fülle wertvoller Informationen über das Lohngefüge in Deutschland bieten. Insbesondere für jene Teilnehmer, die sich eine individualisierte Auswertung zuschicken lassen.

Brisant wird die Gehälterfrage, weil immer mehr Ökonomen Inflationsgefahren erkennen. So schickte mir ein alter Bekannter, Karsten Junius von der Dekabank, kürzlich eine Studie (PDF) , die offenkundig von einer Diskussion angestoßen wurde, die wir vor einigen Wochen führten.

Viele Bankökonomen spielen das Inflationsrisiko noch herunter. Junius hingegen hält inzwischen das Szenario anziehender Inflationsraten immerhin für einigermaßen wahrscheinlich. Auf 35 Prozent taxiert er die Wahrscheinlichkeit, dass es in den USA und/oder in Euro-Land zu Inflationsraten kommt, die höher sein werden als 2 Prozent, jener Wert, der bislang als Obergrenze dessen gilt, was man bislang noch Preisstabilität nennt. In seinem Papier ist er allerdings vorsichtig und spricht lediglich davon, dass die Raten auf 5 Prozent steigen könnten.

Es sind vorsichtige Schritte auf dem Weg zu radikaleren Schlussfolgerungen. Meine Vermutung ist, dass es noch viel schlimmer kommt.

Entscheidend ist Junius' Analyse zufolge, ob die Notenbanken ihre "Glaubwürdigkeit" behalten - ob die Weltöffentlichkeit weiterhin glaubt, die Banken seien willens und in der Lage, die Inflationsraten bei 2 Prozent zu halten.

Nehmen wir mal an, die Fed oder die Europäische Zentralbank (EZB) verlören tatsächlich ihre Glaubwürdigkeit. Wir würden kaum mit einem moderaten Anstieg der Inflationsraten davonkommen. Dann stünden die beiden wichtigsten Währungen der Welt zur Disposition. Anleger und Notenbanken auf der ganzen Welt würden ihre Dollar- und Euro-Papiere auf den Markt werfen. Die Wechselkurse spielten verrückt, die Preise für Öl und Gold schössen durch die Decke, die Anleihemärkte brächen ein bei dramatisch anziehenden Zinsen. Wir stünden vor einem Double-Dip-Stagflations-Handelskriegs-Szenario.

Die Inflation wäre da, und zwar eher mit zweistelligen Raten als mit 5 Prozent. Und obendrein schneller, als irgendein Lohnempfänger auf seinen Gehaltszettel gucken kann.

Was macht man dann?

Idealerweise bewegen sich Arbeitnehmer genauso wie Unternehmer "vor der Kurve". Am besten steigern sie ihre Preise und ihre Löhne etwas schneller als die allgemeine Inflationsrate - dann können sie in einem inflationären Umfeld sogar Extragewinne machen. Leider gelingt das nur sehr wenigen.

In aller Regel bedeutet Inflation: Lohnentwertung. Die Realeinkommen (nach Abzug der Inflation) sinken. Das ist übrigens ein wichtiger Grund, weshalb es überhaupt zu Inflation kommt: Die Löhne sollen in Relation zu den Preisen gesenkt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen (oder ganzer Volkswirtschaften) wiederherzustellen. Da diese Lohnsenkungen auf dem Verhandlungswege langwierig und konfliktreich sind - kein Mensch willigt gern in explizite Gehaltskürzungen ein -, strebt man eine kalte Einkommensenteignung durch Inflation an.

In der jetzigen Situation trifft sich das Lohnsenkungskalkül der Wirtschaft mit dem Schuldenabbaukalkül des Staates. Die Krise hat die Staatsschulden in vielen Ländern über 100 Prozent der Wirtschaftsleistung gepusht.

Eine Konsolidierung wäre extrem langwierig: Steuern und Abgaben müssten drastisch angehoben werden, während Ausgaben, vor allem Sozialleistungen (der größte Brocken im Etat), gekürzt werden müssten.

Welche Regierung kann sich eine solche Rosskur schon politisch leisten, nachdem sie gerade mit Hunderten Milliarden die Banken gerettet hat und nun mit dem Dauervorwurf konfrontiert ist, "die Banker kriegen all das Geld, aber für Rentner / Kinder / Familien / Kranke / Ausländer /… ist nichts da?!"

So sieht das auch Karsten Junius: "In der Tat würde Inflation die Bedienung der Staatsschulden erleichtern. Dazu müsste die Inflation noch nicht einmal überraschend kommen, denn die Verzinsung der bestehenden Staatsschuld ist mit sehr geringen Inflationserwartungen kalkuliert und kann überwiegend nicht an steigende Inflationsraten angepasst werden; ihr realer Wert sinkt."

Nein, überraschend käme sie nicht, die Inflation. Soll später niemand sagen, er oder sie habe von nichts gewusst.

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