US-Notenbank-Chef Bernanke steht mit dem Rücken zur Wand

Ben Bernanke muss um eine zweite Amtszeit fürchten. Kritiker werfen ihm vor, sein Aktivismus habe die Krise verschlimmert. Der Chef der Federal Reserve Bank könnte so zu einem Bauernopfer werden - damit Präsident Obama seine umstrittene Finanzreform retten kann.

Washington - Ben Bernanke gibt sich Mühe, seine Gefühle im Zaum zu halten. Steif und unbeweglich sitzt er da, die Arme fest verschränkt, die Schultern hochgezogen. Seine Miene ist zur grauen Maske gefroren. Nur der Mund bewegt sich kaum merklich, wenn er antwortet, in dürren, knappen Sätzen, die allernötigsten Worte nur.

Über Stunden hält Bernanke diese Pose durch, bis er zum Schluss seine innere Wallung nicht länger verbergen kann. Seine Augen verengen sich zu verächtlichen Schlitzen, die Finger nesteln gereizt mit einem Kuli, er bohrt sich im Ohr. Der Blick huscht immer wieder zur Wanduhr, als erhoffe er sich davon Erlösung. Nach drei Stunden und zwölf Minuten ist es vorbei. "Thank you", murmelt Bernanke kaum hörbar.

Bernanke auf der Sünderbank - dieses seltene Schauspiel war vor kurzem im Kontrollausschuss des Repräsentantenhauses zu beobachten. Der hatte den Zentralbankchef als Zeugen geladen - doch behandelt wurde er wie ein Angeklagter. Auf der Tagesordnung stand der umstrittene Notverkauf von Merrill Lynch  an die Bank of America  Ende 2008, bei dem Bernanke eine tragende Rolle gespielt hatte. Tatsächlich aber wollten die Abgeordneten die US-Regierung vor laufenden TV-Kameras für ihren Umgang mit der Finanzkrise geißeln - und führten deshalb den stillsten Strippenzieher im Hintergrund des Dramas vor: Ben Bernanke.

Vom Olymp des Unantastbaren gestürzt

Kaum einer ließ ein gutes Haar an dem Vorsitzenden der Federal Reserve Bank, der wohl mächtigsten Zentralbank der Welt. Er bezweifle Bernankes "Urteilsvermögen" und "Weisheit", bellte der Republikaner Darrell Issa. "Dies", schimpfte Issas Parteikollege Dan Burton, "ist keine sozialistische Gesellschaft." Selbst die Demokraten verzichteten auf die übliche Reverenz. Dennis Kucinic beschuldigte Bernanke, durch seine ungewöhnlich aktive Rolle in der Finanzkrise das "Risiko nur noch verstärkt" zu haben. Bernanke, resümierte Ausschusschef Edolphus Towns zum Schluss eiskalt, sei ein Komplize gewesen bei der womöglich "größten Erpressung aller Zeiten".

Bernanke ließ das an sich abprallen und parierte die brisantesten Fragen mit der klassischen Nichtantwort: "Ich kann mich nicht erinnern." Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da war das Amt des Notenbankchefs eines der respektiertesten in Washington. Bernankes Vorgänger Alan Greenspan war das "Orakel", seine Worte hatten Donnerhall. Kritik wurde nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert - wenn überhaupt.

Doch diese Zeiten sind vorbei. Bernanke, dessen erste Amtszeit im Januar 2010 abläuft, ist dank der Rezession aus dem Olymp der Unantastbaren gestürzt, zum Sterblichen geworden. Mehr noch: Seine Qualifikation, bei Greenspan erst nach dessen Pensionierung ein Thema, wird offen debattiert, ja sogar in Frage gestellt - nicht zuletzt von denen, die im Kongress seine Dienstverlängerung absegnen müssten, falls Präsident Barack Obama an ihm festhalten will.

Der findet bisher zwar nette Worte, hat sich aber noch nicht festlegt, ob er Bernanke für eine zweite Vierjahresrunde nominieren will. Fragen danach weicht Obama gekonnt aus: "Ich werde zu Ben Bernanke nichts Neues sagen, auch wenn ich finde, dass er unter sehr schweren Umständen gute Arbeit geleistet hat."

"Dann gibt es am Montag keine Wirtschaft mehr"

Dabei war es Obama selbst, der Bernankes Zukunft erstmals zum Gesprächsthema machte. Nach seinem Einzug ins Weiße Haus beförderte er Tim Geithner zum Finanzminister, damals Chef der New Yorker Fed-Filiale, und nicht den früheren Harvard-Präsidenten Larry Summers, wie viele vermutet hatten. Summers wurde stattdessen Chef des National Economic Council im Weißen Haus - eine Wartestellung, so wird spekuliert, für den Posten des Notenbankchefs.

Die aktuelle Diskussion um Bernanke kommt allerdings nicht ganz von ungefähr - er hat sie selbst provoziert: Selten hat sich die Federal Reserve so stark in die Wirtschafts-, Finanz- und Firmenpolitik eingemischt wie in den letzten Krisenmonaten. Bernanke hat die Leitzinsen fast auf Null gedrückt. Als dieser Hebel nicht weiter zu stemmen war, hat er buchstäblich neues Geld gedruckt: In nur einem Jahr schwoll die Bilanz der Fed - also ihre frei verfügbare Geldsumme - von 1,1 Billionen Dollar auf fast 2,1 Billionen Dollar an. Und er hat hinter den Kulissen kräftig Einfluss auf die Akteure der Wall Street ausgeübt - etwa in besagtem Merrill-Lynch-Deal, bei dem Bank-of-America-Chef Ken Lewis im letzten Moment noch Angst bekam.

Bernanke verteidigt dieses beispiellose Handeln. Zu Beginn der schlimmsten Zeit, kurz nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008, soll ihn jemand gefragt haben: "Und was passiert, wenn wir nichts tun?" Seine Antwort: "Dann gibt es am Montag keine Wirtschaft mehr." Dass die Fed dabei aber nicht immer glücklich agiert hat, räumt selbst Obama ein. "Sie würden als Erste zugeben", sagte er über die Zentralbanker, "dass sie beim Umgang mit systemischem Risiko nicht alles getan haben, was getan werden musste." Trotzdem will er der Fed mit seiner neuen Finanzreform nun eine noch viel größere Machtposition geben - als Supercop für Banken und Märkte.

Obamas "White Paper"

Das stößt in Washington allerdings auf Widerstand. Und es ist Bernanke, an dessen Person sich die Kritik nun hochschaukelt. Sein persönlicher Einsatz macht es vielen einfacher, ihn direkt zu attackieren - obwohl sie eigentlich Obamas Finanzreform meinen. Er könnte so am Ende zum Baueropfer des Präsidenten werden.

Ökonomen sorgen sich um Unabhängigkeit der Fed

Das wäre nicht frei von Ironie - denn der 55-jährige Ökonom, der von Obamas Vorgänger George W. Bush ernannt wurde, hat seine akademische Laufbahn ausgerechnet damit verbracht, Ursachen und Folgen der großen Depression in den dreißiger Jahren zu erforschen. Dass er jetzt selbst in den Sog der seither größten Wirtschaftskrise geraten könnte, zeigt der Spießrutenlauf im Kontrollausschuss. So gnadenlos ist seit Jahrzehnten kein Fed-Chef mehr zerpflückt worden.

Die Anhörung offenbarte dabei das breite Unbehagen über die Eingriffe der Regierung und der Zentralbank in die Privatwirtschaft. Diese gingen, so die Kritiker, längst viel zu weit über die eigentliche Rolle der Fed als Geldmarkt- und Inflationswächter hinaus. "Wenn die Fed weiter von ihrem Kurs abweicht und sich nicht auf das besinnt, was sie in den achtziger und neunziger Jahren getan hat", sagte der Ex-Finanzstaatssekretär John Taylor der "New York Times", "dann werden wir weniger Kontrolle über die Inflation haben. Sie wird ihre Unabhängig verlieren. Sie wird politischer werden müssen."

Tatsächlich ist das genau die Sorge, die von vielen Ökonomen geteilt wird: Dass die Fed, falls sie mehr Macht eingeräumt bekäme, zugleich etwas viel Wichtigeres verlöre - ihre Unabhängigkeit von der Regierung. "Die Unabhängigkeit der US-Geldmarktpolitik ist in Gefahr", warnten denn auch mehr als 175 der namhaftesten US-Wirtschaftswissenschaftler in einer Petition an den Kongress. Sollte sich die Politik zu sehr mit der Notenbank vermengen, könnte dies "die Grundlagen der wirtschaftliche Stabilität der USA" gefährden. Unterzeichnet war der offene Brief unter anderem von drei Nobelpreisträgern, dem Präsidenten der American Economics Association, dem Präsidenten der American Finance Association und zwei früheren Board-Mitgliedern der Fed.

Unterstützung erhalten sie dabei ausgerechnet von Bernankes Vorgänger Greenspan. Auch der hält wenig von einer Kompetenzausweitung der Zentralbank. Die Vorstellung der Fed als systemweitem Supercop, schrieb er bereits voriges Jahr in seiner Autobiografie "The Age of Turbulence", sei eine "mission impossible".

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