manager-lounge Das Leid eines Spätzyklikers

Hotellerie, Luxusgüter und Maschinenbau gehören zu den wichtigen Stützen der Schweizer Wirtschaft. Und diese Branchen spüren Krisen meist erst mit Verzögerung. Die Konjunktur des Alpenlands ist deshalb bislang weniger hart als andernorts getroffen, doch die Konjunkturmisere könnte mit Verspätung noch voll zuschlagen.

Zürich - Die Uhren in der Schweiz ticken anders, das gilt auch für die Finanzkrise. "Die Schweizer Wirtschaft gilt als Spätzykliker, die Situation in dem Land ist eine besondere" - mit dieser Einschätzung eröffnet Wirtschafts- und Sozialpolitikexperte Beat Kappeler seine Ausführungen vor den Züricher Mitgliedern der manager-lounge. Die Statistiker geben ihm recht: Während in Deutschland die Wirtschaft in den ersten drei Monaten des Jahres gegenüber dem Vorquartal um 3,9 Prozent einbrach und in der Euro-Zone um 2,5 Prozent, betrug der BIP-Rückgang in der Schweiz im gleichen Zeitraum nur 0,8 Prozent.

"Viele starke Branchen in der Schweiz geraten erst in wirkliche Schwierigkeiten, wenn die Krise lange andauert. Außerdem stieg das Lohnniveau fast überall um 2,5 Prozent, was eine enorme reale Stützung bedeutet", sagt Kappeler. Doch wahrscheinlich werde die Schweiz, wenn auch mit Verzögerung, trotzdem noch voll von der Krise getroffen. "Spätestens im Herbst dürften sich auch Maschinenbauindustrie, Luxusgüterhersteller oder die Hotellerie stark abschwächen. Darüber hinaus könnten nächstes Jahr sowohl die Lohnsumme stagnieren oder fallen als auch die Zahl der Arbeitsplätze zurückgehen", so der Buchautor.

Weltweit war die reale Wirtschaft für Kappeler allerdings schon in einem kritischen Zustand, als die Finanzkrise sich verschärfte. "Die Schnelligkeit, mit der die reale Wirtschaft seit Herbst 2008 in Europa eingebrochen ist, hat mit der über alle Weltteile ausgedehnten Wertschöpfungskette zu tun", sagt Kappeler: "Dadurch schlagen sich Konsumrückgänge sofort in Abbestellungen der auslagernden Betriebe nieder, die keine Fertig- oder Halbfabrikatelager mehr unterhalten".

Für die Zukunft zeigt sich der Schweizer Publizist jedoch vorsichtig optimistisch. Die enormen Dimensionen der Notenbank- und Konjunkturprogramme werden laut Kappeler Wirkung zeigen, mit dieser starken Ankurbelung dürften die Outsourcing-Ketten weltweit wieder in Gang gesetzt werden. "Viele halten die Stabilisierung der US-Häuserpreise für eine wesentliche Voraussetzung", so Kappeler, "dann werden die Abschreibungen in den Banken aufhören, die Kapitalvernichtung ebenfalls, das Vertrauen steigt wieder und die Ausleihungen auch".

"Im Moment subventionieren die tiefen Rohstoff- und Energiepreise die Kaufkraft der Konsumenten und senken die Produktionskosten", berichtet er, mahnt allerdings an, dass sich die USA auf allen Ebenen so stark verschuldet hätten, dass der Konsum noch lange stagnieren könnte. Auch senke der sehr schwache Arbeitsmarkt die Konsumlust: "Somit werden auch die Firmeninvestitionen stagnieren oder zurückgehen und die Handelspartner einen Rückgang des enormen Handelsbilanzdefizits ertragen müssen".

Durch die Beteiligungen der Staaten an Banken und Unternehmen werden laut Kappeler solche "Staatsfirmen" auf Jahre hinaus im Wettbewerb stehen. "Diese werden günstige Kapitalkosten haben und zumindest inoffiziell im Inland Aufträge vergeben und bekommen - eine neue Art des Protektionismus", sagt Kappeler. Andererseits hätten sie politische Vorgaben zu beachten, die erschwerend wirken: keine Entlassungen, weniger internationale Tätigkeiten, kaum Attraktivität für Manager sowie eine langsamere Expansion und weniger Innovation.

"Eine Baisse kann länger dauern, als man liquide ist", zitiert Kappeler den Ökonomen John Maynard Keynes. Liquidität sei daher momentan das allererste Gebot - in jeder Lage und zu jeder Zeit. Dies könne zwar die Rentabilität schmälern und attraktive Kapitalrückkäufe bremsen, aber das sei letztendlich der Preis für das Überleben in solchen Krisen.

Für die Schweiz macht Kappeler jedoch auch Mut. "Wenn der Franken nicht im Kurs überschießt und der Dollar nicht fällt, kann dies im Gegensatz zu anderen Rezessionen zusammen mit den tiefen Zinsen eine Stütze sein". Sein Fazit: "Die Bremsspuren der Weltwirtschaft könnten sich dennoch in der Schweiz verspätet und mit deutlicher Dramatik zeigen". Als typischer Spätzykliker werde das Land dann auch erst mit Verzögerung einer möglichen globalen Aufwärtsbewegung folgen.

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