Business-Angel Boersch "Da wird massenhaft geblufft"

Cornelius Boersch, frisch gekürt als Europas bester Business-Angel, erklärt im Interview mit manager-magazin.de, wie Gründer selbst in Zeiten der Krise noch Millionen für den Aufbau des eigenen Unternehmens bekommen können - und wie sie bei Verhandlungen mit den Investoren ihre Anteile möglichst teuer verkaufen.
Von Claus G. Schmalholz

mm.de: Sie sind vor Kurzem vom europäischen Verband der Business-Angels (Eban) als erster Deutscher zum besten Business-Angel Europas gewählt worden. Liegt das daran, dass Sie einer der wenigen Privatinvestoren sind, die sich überhaupt noch trauen, eigenes Geld in junge Unternehmen zu stecken?

Boersch: Da gibt es schon noch einige andere von den 2000 Business-Angels in Deutschland, aber ich bin sicher einer der aktivsten von den rund 50, die das professionell betreiben. Als ehemaliger Mitgründer des Chiphändlers ACG ist es mir ein Anliegen, die Gründungsaktivitäten in Deutschland weiter zu fördern.

mm.de: Warum haben es Gründer heutzutage so schwer, Kapital für den Aufbau ihres Unternehmens zu bekommen?

Boersch: Den meisten Investoren ist mit dem Platzen der Internetblase einfach der Risikoappetit vergangen. Das Problem ist, dass in den letzten Jahren kaum eine Venture-Capital-Firma mit dem Investment in junge Firmen Geld verdient hat. Deshalb sind diese Risikokapitalfirmen dazu übergegangen, die Start-ups nicht mehr in der ersten, sogenannten Seed-Phase, mit Summen von bis zu zwei Millionen Euro zu unterstützen, sondern das Wachstum bereits etablierter Unternehmen mit Summen zwischen fünf bis zehn Millionen Euro zu finanzieren. Eine der Ausnahmen ist die KfW, die mit dem Hightech-Gründerfonds nach wie vor öffentliches Geld in Gründerfirmen steckt und damit durchaus erfolgreich ist.

mm.de: Welche Geschäftskonzepte haben am ehesten Chancen von kapitalkräftigen Privatleuten wie Ihnen unterstützt zu werden?

Boersch: Im Internet, aber auch im Mobilfunk gibt es immer noch viele interessante Möglichkeiten. Hier sehen wir den E-Commerce-Markt sowie mobile Applikationen wie Einkauf per Handy als wichtige Themen der nächsten Jahre.

mm.de: Wie muss ein Geschäftskonzept aussehen, damit es nicht sofort im Papierkorb landet?

Boersch: Das Konzept muss einen klaren Eindruck von der Geschäftsidee vermitteln und auf einem Businessplan mit nachvollziehbaren Annahmen zur Geschäftsentwicklung basieren. Richtig prüfen wird diesen Businessplan allerdings sowieso keiner der Geldgeber. Wenn ich mir etwa das Portfolio meines Unternehmens Mountain Partners mit rund 100 Unternehmensbeteiligungen ansehe, würde ich sagen, dass 90 Prozent der Unternehmen signifikante Abweichungen im Businessplan haben - natürlich nach unten - die wir mit einberechnen müssen.

Businesspläne taugen daher vor allem dazu, sich einen fundierten Überblick über die Kosten einer Unternehmensgründung zu machen. Hilfreich für Gründer sind die vielen Businessplan-Wettbewerbe, weil die Gründer hier die Möglichkeit haben, ihre Ideen praktisch gratis von Profis prüfen zu lassen.

mm.de: Wie finden Sie heraus, ob Sie ein gutes Team vor sich haben?

Boersch: Ich gehe da nach der Devise: Schau Dir nicht das Pferd an, sondern den Jockey. Es geht also um die Frage: Wer bringt dir den Deal? Die Erfahrung zeigt, dass es Investoren gibt, die regelmäßig gute Gründerteams aufspüren, während andere stets nur Leute liefern, deren Konzepte sich hinterher als Flops erweisen. Die meisten Gründerteams lernen wir über unser Netzwerk aus anderen Business-Angels und Investoren kennen. Wir laden die Gründer zu uns ein, schauen uns pro Tag bis zu drei Teams an, um sie kennenzulernen und damit einen persönlicheren Eindruck zu bekommen.

"Was zählt ist das richtige Team"

mm.de: Wie können Gründer den passenden Business-Angel finden?

Boersch: Zum Beispiel über Organisationen wie Band  oder einen der zahlreichen regionalen Business-Angel-Clubs, wie das Netzwerk Nordbayern, in denen sich in Deutschland aktive Business-Angels zusammengeschlossen haben. Europaweit gibt es rund 10.000 aktive Business-Angels, von denen die meisten allerdings keine riesigen Summen zur Verfügung stellen können. Die Investments für ein Unternehmen bewegen sich typischerweise zwischen 50.000 Euro und einer Million Euro. Typisch ist, dass eine handvoll Business-Angels eine Start-up-Finanzierung von rund einer Million Euro zusammen stemmt.

mm.de: Wie können Gründer sicherstellen, dass ihre Idee nicht einfach kopiert wird?

Boersch: Es wird viel darüber geredet, allerdings ist es in meiner Karriere als Investor kaum vorgekommen, dass eine Idee von Investoren kopiert und ohne das Team umgesetzt wird. Ohne wirklich offen zu sein, wird man aber schwer Investoren finden. Mal ehrlich: Kaum ein Start-up verfügt über eine wirklich grundlegend neue Innovation. Was tatsächlich zählt ist das richtige Team zur Umsetzung der Idee.

mm.de: Wie können Gründer erkennen, ob sie einen seriösen, gut vernetzten Business-Angel vor sich haben?

Boersch: Eine gute Anlaufstelle sind die Internetforen, auf denen sich Gründer austauschen, zum Beispiel www.deutsche-startups.de . Wenn man dann noch ein bisschen rumfragt unter anderen Business-Angels und Gründern, dann kriegt man schnell raus, ob einer wirklich das Know-how und gute Kontakte hat, um das eigene Geschäft voranzutreiben. Wie im richtigen Leben muss man aber auch etwas Glück haben.

mm.de: Was dürfen Gründer von einem guten Business-Angel erwarten?

Boersch: Geld allein ist zu wenig. Ein guter Business-Angel verfügt über ein ausreichend großes Netzwerk und nutzt dies, um den Unternehmern Kontakte zu machen. Typische Fragen, die mir immer wieder gestellt werden sind: Kannst du mir die Tür bei einem bestimmten Unternehmen öffnen, um zum Beispiel neue Kunden zu akquirieren. Im Prinzip arbeitet ein Business-Angel wie ein klassischer Unternehmensberater, nur dass er dafür kein Honorar bekommt, sondern Anteile am Unternehmen kauft und durch die Wertsteigerung des Unternehmens profitiert.

mm.de: Wie viele Anteile ihrer Firma dürfen Gründer behalten, wenn sie Business-Angel ins Unternehmen holen?

Boersch: Business-Angels halten in der Regel weniger als 30 Prozent eines Unternehmens. Wenn später weitere Investoren hinzukommen, reduzieren sich die Anteile der Gründer entsprechend. Natürlich leiden die Gründer darunter und wehren sich bisweilen auch dagegen. Aber auch hier gilt die Devise, lieber ein Prozent von einer guten Sache als 100 Prozent von nichts. Ein Problem ist jetzt natürlich, dass die Bewertungen für die jungen Firmen seit rund zwei Jahren deutlich zurückgegangen sind. Da wecken die Millionensummen, die für Anteile an jungen Unternehmen wie Facebook oder StudiVZ gezahlt wurden, oftmals falsche Erwartungen.

"Ab und zu einen Volltreffer landen"

mm.de: Welches Einkommensniveau dürfen Gründer erwarten, die von Business-Angels unterstützt werden? Verdienen etwa Berufserfahrene so viel wie zuvor, oder müssen sie Einschränkungen ihres Lebensstandards hinnehmen, als Teil ihrer persönlichen Risikobeteiligung?

Boersch: Das bewegt sich typischerweise zwischen 2000 und 5000 Euro Monatsgehalt. Das hängt natürlich davon ab, was einer vorher gemacht hat. Das bedeutet im ein oder anderen Fall deutliche Einschränkungen, aber damit verbunden ist natürlich die Hoffnung, dass das Unternehmen rasch wächst und dadurch an Wert gewinnt.

Wer zum Beispiel als Gründer 30 Prozent am Unternehmen hält und eine Firma führt, die nach ein paar Jahren mit fünf Millionen bewertet wird, ist praktisch schon Millionär. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass es meistens fünf bis sieben Jahre dauert, um ein Unternehmen aufzubauen. So lange muss man schon durchhalten. Der Weg zur schnellen und einfachen Million ist eine Unternehmensgründung jedenfalls nicht.

mm.de: Welche Gegenleistung erwarten Business-Angels für ihr Geld? Welche Kapitalverzinsung erwarten sie und wie lange bleiben sie durchschnittlich im Unternehmen investiert?

Boersch: Gründer müssen wissen, dass ein Business-Angel Risikokapital einsetzt und damit auf schnell wachsende Firmen setzt. Ein Konzept mit Wachstumsraten von jährlich 10 Prozent ist völlig uninteressant. Das ist keine arrogante Haltung, sondern die Folge der hohen Ausfallquoten in diesem Geschäft. Von zehn Firmen, in die man investiert, sind in der Regel nur eine oder zwei richtig erfolgreich. Als Business-Angel ist man schon darauf angewiesen, dass man ab und zu mal einen Volltreffer landet.

Aber selbst nach so vielen Investments in junge Firmen stelle ich fest, dass das Investieren schon eine Glücksache ist. Obwohl ich so viele Investments getätigt habe, erkenne ich kein Muster, das zukünftig den Erfolg garantieren könnte. Oftmals hatten wir die besten Renditen in Bereichen, von denen wir nur wenig Know-how hatten. Das irritiert mich natürlich selbst auch gewaltig, aber es zeigt einfach, dass es vor allem auf das richtige Team ankommt. Ich entscheide deshalb meist direkt nach dem ersten Treffen und mit meinem Bauchgefühl, ob wir in eine Firma investieren. Manchmal scheint es mir zudem egal, in welches Geschäftskonzept man investiert. Hauptsache, man macht es zum richtigen Zeitpunkt.

mm.de: Wie können die Gründer bei den Investitionsverhandlungen dafür sorgen möglichst viele Anteile zu behalten?

Boersch: Da gibt es kein bestimmtes Modell, das ist tatsächlich eine Frage von gutem Verhandlungsgeschick. Das ist schon oft vom Zufall getrieben.

mm.de: Wird da viel geblufft?

Boersch: Oh ja, da wird massenhaft geblufft, auf beiden Seiten. Aber das liegt eben daran, dass kein Business-Angel wirklich wissen kann, wie gut sich eine Firma entwickeln wird. Also versuchen die Gründer, die Zukunft möglichst rosig auszumalen, während die Geldgeber die Erwartungen eher dämpfen.

mm.de: Warum sind Sie denn Business-Angel geworden?

Boersch: Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch. Es ist einfach wahnsinnig spannend, immer wieder neue Gründer und Geschäftskonzepte kennenzulernen. Man trifft viele interessante Leute und man lernt viel. Zudem hat jeder von uns Business-Angel den Traum, auch mal auf eine Firma wie Google  zu stoßen.

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