Karriere als Ingenieur "Theorie und Praxis verbinden"

Eine neu gegründete Fachhochschule schickt sich an, die Ingenieursausbildung in Deutschland zu reformieren. Mit Günter Pritschow, dem Präsidenten des Hochschulcampus Tuttlingen, sprach manager-magazin.de über die Nachteile eines zu theoretischen Studiums, Studenten in China und Innovation als Folge praktischer Forschung.
Von Karsten Langer

mm.de: Herr Pritschow, Sie sind Präsident des neu gegründeten Hochschulcampus Tuttlingen. Die Fachhochschule hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ingenieursausbildung praxisnaher zu gestalten. Was reizt Sie an der Aufgabe?

Pritschow: Ich habe zunächst einmal mein Studium abgeschlossen, bin dann zur Industrie gewechselt, habe promoviert und danach bin ich C3-Professor geworden. Nach einer weiteren Tätigkeit bei der Industrie bin ich 1984 als C4-Professor nach Stuttgart gegangen, und dort bin ich geblieben. Durch meine Tätigkeit bei der Industrie und im Hochschulbetrieb kenne ich beide Perspektiven des Ingenieursdaseins. Ich weiß, was die Industrie erwartet, und ich weiß, was die Universitäten wollen. Diesen Erwartungen versuche ich gerecht zu werden.

mm.de: Was wollen Sie am Hochschulcampus Tuttlingen verwirklichen, was andere Hochschulen gegenwärtig nicht leisten?

Pritschow: Hier hat sich die Industrie zusammengefunden, um eine Fachhochschule mit viel Geld zu fördern. Ziel ist es, das angehende Ingenieure die neuesten Geräte kennenlernen und unter realistischen Bedingungen in Werkstätten und Laboratorien arbeiten können. An den Universitäten gibt es häufig das Problem, dass Studierende mit veralteten Geräten arbeiten müssen. Außerdem schicken die beteiligten Unternehmen - und das sind immerhin über hundert - ihre Spezialisten an die Hochschule, damit die sich an der praktischen Ausbildung beteiligen. Diese Leute sind auf dem aktuellen Stand der Technik.

mm.de: Die praktische Seite steht bei Ihrem Konzept also klar im Vordergrund?

Pritschow: Die ersten beiden Semester werden sich die Studenten noch mit der Theorie beschäftigen, aber dann soll das Wissen auch erprobt werden, dann beginnt der Laborbetrieb.

mm.de: Hat Ihnen an der Uni der frühe Einstieg in die Praxis gefehlt?

Pritschow: Es wird immer beklagt, dass die Ingenieure in Deutschland in den ersten vier Semestern zu theoretisch ausgebildet werden. Da gibt es auf jeden Fall Verbesserungspotenzial. Tatsächlich gibt es sowohl an FHs als auch an Unis gut ausgestattete Labore. Der entscheidende Unterschied ist aber: Die technische Ausstattung ist dort nach vier bis fünf Jahren veraltet, und dann ist kein Geld mehr da, um neue Geräte anzuschaffen. Das wird in Tuttlingen anders sein. Hier haben wir die Chance, die Studierenden vor Ort in den Laboren der Industrie einzubinden.

"Eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis"

mm.de: Es heißt immer, Ingenieure müssen innovativer werden. Kann denn Innovation aus der Praxis heraus entstehen?

Pritschow: Natürlich braucht man theoretische Grundlagen. Aber wenn man die Theorie nicht durch Experimente begreifbar macht, bleibt sie grau. Wer nie an einer Werkzeugfräse gestanden hat, wird kaum nachvollziehen können, welche Anforderungen an eine solche Maschine gestellt werden und wie man ein Computerprogramm für sie entwickelt. Wie soll ein Ingenieur eine neue Maschine erfinden, wenn er nicht begriffen hat, wie eine Maschine funktioniert? Es muss eine Verbindung geben zwischen Theorie und Praxis. Das eine ist ohne das andere nur halb so viel wert.

mm.de: Aber diese Erkenntnis ist doch nicht neu.

Pritschow: Sicher nicht, allerdings hapert es an der Umsetzung. Ich war lange als Professor in Shanghai tätig. Die chinesischen Studenten waren in der Theorie hervorragend ausgebildet. Aber wenn man die an eine Maschine gestellt hat, wussten die nicht, wo der Einschaltknopf war. Es fehlte der Kontakt zu den Geräten, und das kann fatale Folgen haben, wenn es darum geht, ein solches Gerät zu entwickeln.

mm.de: Sieben Semester dauert das Regelstudium für einen Bachelor-Ingenieur. Reicht das, oder empfehlen Sie, noch einen Master zu machen?

Pritschow: In den ersten drei bis vier Semestern ist der Ausbildungsansatz sehr generalistisch. Da unterscheiden sich die einzelnen Studiengänge kaum voneinander. Die Spezialisierung fängt dann ab dem vierten oder fünften Semester an. Nach dem siebten Semester sind die Studenten auf jeden Fall so gut ausgebildet, dass sie selbstständig in den Laboren arbeiten können. Ob man einen Master aufsatteln will, muss jeder selbst entscheiden.

"FH-Absolventen genießen einen hervorragenden Ruf"

mm.de: Ist der FH-Bachelor schlechter als ein Uni-Diplom?

Pritschow: Zwei Drittel aller Ingenieure in Deutschland werden an Fachhochschulen ausgebildet, die genießen bei der Industrie einen hervorragenden Ruf. Früher betrug die Regelstudienzeit acht Semester, heute sind es sieben. Das liegt aber nur daran, dass das Praxissemester gestrichen wurde.

mm.de: Wie wird Ihr Lehrkörper zum Studienstart besetzt sein?

Pritschow: Geplant sind 14 Professuren und ein Oberingenieur, der sich auch an der Lehre beteiligen wird. Dazu kommen zehn wissenschaftliche Angestellte als Grundstock, mit dem wir in die erste Phase starten wollen. In Tuttlingen wird man gegenwärtig sein Studium nicht im Sommer- und im Wintersemester beginnen können, sondern nur zum Wintersemester. Wenn sich organisatorisch alles eingependelt hat, wollen wir das ändern.

mm.de: Was unterscheidet Ihr Modell von dem eines Werkstudenten?

Pritschow: Es macht nicht ein Student seine Ausbildung bei einer Firma. Die Studierenden werden in Kleingruppen in den Laboren ausgesuchter Unternehmen ausgebildet.

mm.de: Geht die Zusammenarbeit mit den Unternehmen über die Kooperation im Bereich der Labore hinaus?

Pritschow: Die Unternehmen stellen Personal zur Verfügung. Und zwar sowohl für die Lehrveranstaltungen als auch für die Betreuung in den Laboren und die Präsentation und Erklärung von aktuellen Produkten und Maschinen. Wenn man etwa die Bewegungsmöglichkeiten verschiedener Roboterkinematiken vorführt, dann ist es etwas ganz anderes, ob man das theoretisch macht oder vor einem Roboter steht.

"Erst die Grundlagen, dann die Innovation"

mm.de: Bisher umreißen Sie das Aufgabenfeld eines Vertriebsingenieurs. Wie wollen Sie Ihre Studenten dazu befähigen, an neuen Projekten weiterzuforschen?

Pritschow: Wichtig ist zunächst einmal, dass man die Grundlagen erlernt. Wenn ich mit Werkstoffen umgehen will, muss ich wissen, wie eine Ziehmaschine funktioniert. Erst wenn ein Student das gelernt hat, kann er innovativ werden. Dann besteht zum Beispiel die Möglichkeit, seine Abschlussarbeit über eine Fragestellung zu schreiben, die direkt etwas mit der Forschungsarbeit in einem Partnerunternehmen zu tun hat.

mm.de: Viele Unternehmen aus dem Großraum der Hochschule sind international tätig. Soll Englisch Hochschulsprache werden?

Pritschow: Englisch wird auch in ferner Zukunft nicht Sprache der Hochschule werden, sondern wir streben ein Gemisch an. Wenn man versuchen würde, gleich alle Lehrveranstaltungen in Englisch abzuhalten, hätte man möglicherweise die Standortidee verletzt. Denn es ist ja das Bestreben der Tuttlinger Industriegesellschaft, das die, die dort studieren, möglichst auch dableiben sollen. Ob die Studenten dann später für die Firmen im Ausland eingesetzt werden, ist eine ganz andere Frage. Wir planen aber, eine Art Campus-Wikipedia zu schaffen. Dort sollen dann Ausarbeitungen eingestellt werden - und zwar auf Deutsch und auf Englisch. Außerdem werden die Professoren einzelne Vorlesungen auf Englisch halten.

mm.de: Sind Auslandsaufenthalte während des Studiums eingeplant?

Pritschow: Fürs Erste werden die Unternehmen Auslandspraktika in ihren Niederlassungen anbieten. Auf lange Sicht planen wir, auch Auslandssemester für Studierende anzubieten.

mm.de: Welche Kosten kommen auf angehende Studenten zu?

Pritschow: 500 Euro pro Semester, das ist die Studiengebühr.

mm.de: Wie groß ist die Resonanz angehender Studierender auf Ihr Projekt?

Pritschow: Wir bieten im ersten Anlauf 105 Studenten einen Studienplatz. Das Interesse ist sehr groß. Ich freue mich darauf, aus einer Vielzahl von Bewerbern die geeigneten auszuwählen.

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