Federal Reserve Bernanke bangt um zweite Amtszeit

Amerikas oberster Geldhüter ist nicht mehr unangefochten. Ben Bernanke könnte seine Rolle beim Notverkauf der Investmentbank Merrill Lynch zum Verhängnis werden. Außerdem ist unsicher, welche Haltung der Notenbank zur Inflation in Zukunft politisch erwünscht ist.

Washington - Als Ben Bernanke im Februar 2006 ins Washingtoner Eccles Building, den Hauptsitz der US-Notenbank Federal Reserve, einzog, schien die Welt noch in Ordnung. Bernanke stand zwar von Beginn seiner Amtszeit als Zentralbankchef der Vereinigten Staaten im langen Schatten des legendären Vorgängers Alan Greenspan, doch die Reputation des Princeton-Professors Bernanke war kaum zu überbieten und er wurde mit vielen Vorschußlorbeeren bedacht.

Fast dreieinhalb Jahre später muss der mächtigste Notenbanker der Welt trotz seines vielfach gelobten Krisenmanagements mitten in der schwersten Rezession seit Jahrzehnten und einer der härtesten Bewährungsproben der Fed um eine zweite Amtszeit bangen. Zwar meinen die meisten Beobachter, dass Bernanke nach wie vor das Vertrauen des neuen US-Präsidenten hat. Doch mehren sich die Stimmen, die Barack Obamas Berater Larry Summers bessere Chancen auf das wichtige Amt an der Spitze der Notenbank zutrauen.

Bernanke könnte - ungeachtet seiner Rolle im Kampf gegen die Rezession - sein Verhalten bei der Übernahme der angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch durch die Bank of America  im Winter 2008 zum Verhängnis werden. Bank-of-America-Chef Ken Lewis ließ jedenfalls bei einer Parlamentsanhörung vergangene Woche kein gutes Haar an Bernanke. Dieser habe ihn dazu gedrängt, trotz der absehbaren Milliardenverluste von Merrill das Geschäft nicht abzusagen. Nach Angaben von Teilnehmern der Anhörung hätten Bernanke und Ex-Finanzminister Henry Paulson Lewis "eine Pistole an den Kopf" gehalten. Lewis habe dann seine Aktionäre getäuscht.

Sollte das stimmen, könnten Bernankes Tage bei der Fed gezählt sein. Der Fed-Chef wird wegen der Vorwürfe schon bald von den Abgeordneten in die Mangel genommen werden. Bei diesen hat der 55-jährige Geldpolitik-Experte ohnehin nur bedingt gute Karten: Viel zu selbstständig agierte die Fed nach Meinung nicht weniger Parlamentarier in der Krise. Versuche, die Unabhängigkeit der Fed zu verringern, gab es zuletzt immer wieder. Bernanke ist auf die Kritiker immer wieder zugegangen und die Fed lässt sich inzwischen viel tiefer in die Karten schauen als noch unter Bernankes Vorgänger Greenspan, der für seine bewusst verklausulierten und langatmigen Erklärungen bekannt und berüchtigt war.

Ökonomen geben Bernanke in der Mehrheit gute Noten, vor allem für sein Krisenmanagement. "Er stach als einer der Akteure hervor, die während der Krise ganz vorne waren in ihrem Gebiet", sagt etwa Ethan Harris, Volkswirt bei Barclays Capital. Bernanke hat schneller und heftiger als seine Kollegen bei den anderen Notenbanken die Zinsen gesenkt und er überschwemmt die US-Wirtschaft mit mehr als einer Billion Dollar, um die Banken zu entlasten und eine Kreditklemme mit ihren verheerenden Folgen zu verhindern.

Aber es gibt auch Minuspunkte: Lehman Brothers Pleite gehen zu lassen, hat sich im Nachhinein als Fehlentscheidung erwiesen und konnte auch von Bernanke nicht verhindert werden. Seitdem kehren er und sein ehemaliger Kollege an der Spitze der New Yorker Fed, Timothy Geithner - nun Finanzminister - die Scherben zusammen.

Seine vielleicht größte Herausforderung könnte Bernanke aber noch bevorstehen, wenn Präsident Obama ihn lässt. Nach der Krise muss Bernanke das billige Geld schnell wieder aus dem Finanzsystem absaugen. Dass Bernanke das Zeug dazu hat, auch gegen den politischen Wind, die Zinsen wieder zu erhöhen, trauen ihm viele zu - aber eben nicht alle. Larry Summers werden zudem weniger Skrupel nachgesagt, auch eine höhere Inflation zuzulassen, sollte die von einem schnell wachsenden Schuldenberg belastete Regierung darauf setzen.

Auf dem Papier ist Bernanke zweifelsohne Fachmann, wenn es darum geht Krisen mit den Mitteln einer Notenbank zum richtigen Zeitpunkt zu beenden. Er gilt als einer der besten Kenner der Wirtschaftspolitik während der sogenannten "Großen Depression", die außerhalb der USA als die Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre bekannt ist. Damals machte die Fed viele Fehler und verlängerte die Krise. Professor Ben Bernanke hat daraus seine Schlüsse gezogen.

Mit der Neubesetzung des Chefpostens zum 1. Februar 2010 endet das Stühlerücken bei der Fed aber noch lange nicht. Obama muss sich auch entscheiden, ob Bernankes Vize Donald Kohn für weitere vier Jahre im Amt bleiben darf. Zusätzlicher Druck entsteht durch das Rotationsprinzip der Fed, nach dem immer wieder andere Präsidenten der regionalen Ableger der Notenbank im wichtigen Offenmarktausschuss (FOMC) Sitz und Stimme bekommen.

Ab Januar erhalten diese Thomas Hoenig von der Kansas City Fed und James Bullard von der Fed of St. Louis. Beide sind bekannt dafür, dass sie eine eher harte Gangart gegen die Inflation pflegen und die Zinsen lieber früher als später erhöhen wollen. Bernanke wird sie wohl einbremsen müssen, denn falsches Timing könnte die Wirtschaft abwürgen, noch bevor sie sich stabilisiert hat. Bernanke wird es tun, wenn Obama ihn denn lässt.

Mark Felsenthal und Andreas Framke, reuters

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