Dienstag, 25. Februar 2020

Manager-Abwanderung Rennet, rettet, flüchtet

Aktuellen Berechnungen zufolge haben seit 2003 rund 180.000 Fachkräfte Deutschland verlassen. Vor allem Akademiker suchen ihr Heil jenseits der deutschen Grenzen. Dem Staat entgehen durch die Abwanderung Milliarden, die Chancen auf eine schnelle Überwindung der Rezession schwinden.

Berlin - Die Abwanderung von Fachkräften gilt in Deutschland seit langem als Problem - in der Weltwirtschaftskrise verschärft sich der Fachkräftemangel sogar noch: Nach einer Studie des Sachverständigenrats für Integration und Migration verlassen jährlich Zehntausende Fachkräfte Deutschland. Nur wenige kehrten zurück. Dabei sind die Auswanderer im Schnitt deutlich besser qualifiziert als die sesshafte Erwerbsbevölkerung in Deutschland.

Auf dem Sprung: "Deutschland hat keine Willkommenskultur"
[M] DDP ; mm.de
Auf dem Sprung: "Deutschland hat keine Willkommenskultur"
Die Politik hat die Entwicklung nach Meinung des im Oktober 2008 gegründeten Rats lange verschlafen. "Die Firma Deutschland hat Personalprobleme", resümierte Ratsvorsitzender Klaus J. Bade am Dienstag in Berlin. "Wir haben keine Willkommenskultur." Und das habe verheerende Folgen: Wenn es jetzt nicht gelinge, die negative Wanderungsbilanz zu verbessern, werde der ohnehin harte Weg aus der Krise weiter erschwert, sagte Bade.

Seit 2003 sind laut Studie fast 180.000 Fachkräfte in andere Industriestaaten ausgewandert - dabei sind Deutsche, die aus dem Ausland zurückkehrten, schon rausgerechnet. Und das Problem verschärft sich zusehends: "Die Fortzüge deutscher Staatsangehöriger sind in den letzten Jahren rasant gestiegen", sagte Bade. Seit mehr als 15 Jahren übersteige die Zahl der Fortzüge diejenige deutscher Rückwanderer. Doch 2007 seien unterm Strich schon 55.000 Fachkräfte ausgewandert.

Besonders stark betroffen sei der Medizinsektor. So hätten im Jahr 2008 genau 3065 vorwiegend in Deutschland ausgebildete Ärzte das Land verlassen. Insgesamt praktizierten derzeit rund 19.000 deutsche Ärzte im Ausland. Gleichzeitig nehme in den neuen Bundesländern der Ärztemangel dramatischere Dimensionen an.

Dem Fiskus entgehen durch die Fortzüge Milliarden: Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts liegen die steuerlichen Folgekosten pro Arzt bei einer Million Euro. Die Berechnungen basieren auf der restlichen Lebensarbeitszeit eines Arztes - es wird also hochgerechnet, wie viel Geld dem Staat insgesamt entgeht, wenn ein Mediziner das Land verlässt und nicht wieder zurückkehrt. Auch wenn nur ein Drittel der Ärzte im Ausland bleibe, verlöre der deutschen Staat demnach allein für das Jahr 2008 knapp 1,1 Milliarden Euro - ohne Berücksichtigung der Ausbildungskosten.

Der Sachverständigenrat forderte die Regierung auf, so schnell und so konsequent wie möglich gegen den sich verschärfenden Brain-Drain vorzugehen. Deutschland brauche jetzt rasch ein flexibles, am Arbeitsmarkt orientiertes Zuwanderungssystem, hieß es.

Die benötigten Fachkräfte könnten beispielsweise nach einem Punktesystem ausgewählt werden, und um Hochqualifizierte müsse massiv geworben werden. Ausländische Bildungsabschlüsse müssten einfacher anerkannt werden. Wenn ein Feststoffphysiker Taxi fahre, sei das eine Verschleuderung von Humankapital. Deutschland müsse zudem darum werben, dass ausländische Absolventen deutscher Hochschulen hierblieben.

Der Sachverständigenrat, dem neun Wissenschaftler angehören, ist von acht führenden Stiftungen gegründet worden. Er ist von staatlichen Zuwendungen unabhängig und will die Politik kritisch begleiten.

manager-magazin.de mit Material von dpa

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