Samstag, 7. Dezember 2019

Psyche der Manager "Die Welt steht für viele Kopf"

Die Krise hinterlässt nicht nur sichtbare Spuren in den Unternehmensbilanzen und den Portemonnaies der Manager. Auch ihr inneres Wohlbefinden ist stärker angegriffen als es scheint. Mit Georg Fischer, Psychoanalytiker und Executive Coach, sprach manager-magazin.de über Ängste, psychosomatische Störungen und falsche Selbstbilder.

mm.de: Sie coachen seit über einem Jahrzehnt Manager aus den oberen Führungsriegen. Welche Veränderungen in Ihrer täglichen Arbeit bemerken Sie derzeit im Umgang mit Ihren Klienten?

Fischer: Zu meinem Metier gehören unter anderem die Beratung bei der Übernahme einer neuen Verantwortung, Leadership-Themen, Selbstmanagement und die Begleitung als Sparring-Partner, auch ohne ein konkretes Problem. Diese Anlässe treten ein Stück weit zurück und brennende Krisenthemen überwiegen. Ebenso kommen Aufträge hinzu, die aus speziellen Belastungen in besonderen Situationen oder Geschäftsbereichen entstehen.

Zur Person
In seiner Coaching-Praxis auf der Düsseldorfer Königsallee begleitet Georg Th. Fischer Manager der ersten und zweiten Führungsebene. Sein Ansatz basiert auf tiefenpsychologischen, hirnbiologischen und systemischen Konzepten. Der promovierte Arzt und Psychoanalytiker ist außerdem Lehrbeauftragter an der Wirtschaftsfakultät der Privaten Universität Witten/Herdecke.
mm.de: Welche Themen sind es konkret, die jetzt in den Vordergrund rücken?

Fischer: Da ist zum einen die hohe Arbeitsbelastung zu nennen, die aktuell noch größer geworden ist. Auch die Zwickmühle zwischen den eigenen Belangen und denen des Unternehmens und der Mitarbeiter ist ein Thema. Hinzu kommen Sorgen um die eigene Karriere und eigene Existenzängste und zum anderen die Sorgen und Ängste der Mitarbeiter sowie schließlich der Marktkampf des Unternehmens. Diese Konstellation hat sich sehr verschärft.

mm.de: Wie offen äußern sich die Führungskräfte angesichts der Probleme Ihnen gegenüber? Benennen sie ihre Ängste ganz konkret? Oder wird in Unkenntnis ein bisschen drum herumlaviert?

Fischer: Sie sagen es - oft in Unkenntnis. Vielleicht auch in Ermangelung eines Vokabulars. Eine Führungskraft ist dazu da, Probleme aufzuspüren und Lösungen zu finden. Es ist ein rationales Vorgehen, das nach Möglichkeit nicht zu sehr von Emotionalität überlagert werden soll. Und wenn so etwas wie Angst aufkommt, wird diese nicht immer konkret benannt. Vielfach auch, weil man glaubt, sie nicht benennen zu dürfen.

mm.de: Wie ist die Nachfrage nach Ihren Coaching-Leistungen?

Fischer: Es werden mehr Klienten. Das normale Executive Coaching geht ganz normal weiter. Aber es gibt darüber hinaus die Coachings und die Seminare, die speziell aus dieser Krise heraus motiviert sind. Zurzeit besteht eine Tendenz zur Desintegration. Das heißt, fast jeder hat beispielsweise Angst um seine Projekte und versucht, sich selbst so gut wie möglich zu positionieren. Deswegen habe ich das Konzept entwickelt, Führungskräfte auch in Teamcoachings zusammenzubringen, um diesem Desintegrationsvorgang entgegenzuwirken.

mm.de: Vom Tenor her: Wir haben die gleichen Ängste ...

Fischer: ... genau. Und: Gemeinsam sind wir stark. Ein Stück weit. Auch wenn es klar ist, dass es zum Teil auch Konkurrenten sind. Aber es sind auch die gleichen Ängste und Probleme, die man hat, und durch Vernetzung lösen sich manche Probleme eher.

mm.de: Wie sieht es denn im Einzelnen aus - inwieweit schlägt die Wirtschaftskrise auf das Gemüt der Manager?

Fischer: Schwer. Ziemlich schwer.

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