Doping im Büro Manager auf Speed

Einer aktuellen Studie zufolge dopen sich zwei Millionen Menschen am Arbeitsplatz, vor allem Akademiker. Männer neigen dabei eher zu aufputschenden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf", sagt DAK-Chef Herbert Rebscher.

Berlin - Noch ist Doping am Arbeitsplatz kein Massenphänomen, doch die Tendenz ist steigend: Rund zwei Millionen Menschen haben ihrer Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz schon einmal nachgeholfen. Knapp die Hälfte davon nimmt entsprechende Medikamente gezielt und regelmäßig. Das geht aus einer Studie der Krankenkasse DAK hervor, die am Donnerstag in Berlin veröffentlicht wurde.

Vor allem Akademiker und Leistungsträger sind betroffen. "Suchtprobleme von Managern gehören zu den bestgehüteten Geheimnissen in Unternehmen", sagt Angelika Nette, Referentin für betriebliche Suchtprävention in Hamburg. "Je höher die Position, desto größer ist die Angst, entdeckt zu werden." Sie könnte viele Beispiele nennen – darf sie aber nicht. Es gibt auch keine Zahlen über das Ausmaß des Problems.

Nur selten berichten Aussteiger von ihrer Leidensgeschichte. Fast alle nennen die gleichen Ursachen: Extreme Leistungserwartungen, Zeitdruck, hohe Arbeitsbelastung, kaum Ausgleich, praktisch kein Privatleben. Eine Kienbaum-Studie ergab: Die Hälfte der Manager mit einem Jahreseinkommen von mehr als 200.000 Euro bringt es auf 60 bis 70 Arbeitsstunden pro Woche. Das Erstaunliche dabei: Manche scheinen eine besondere Lust dabei zu empfinden und den Stress regelrecht zu brauchen. Die Kienbaum-Berater nennen diesen Typus " Extremjobber".

"Chronischer Stress in der modernen Arbeitswelt ist ein ernsthafter Risikofaktor für seelische Krankheiten", weiß DAK-Chef Herbert Rebscher. 5 Prozent der Beschäftigten haben als Gesunde schon einmal mit leistungsstärkenden Mitteln nachgeholfen. Von diesen zwei Millionen "dopen" 800.000 Menschen laut DAK regelmäßig, um am Arbeitsplatz leistungsfähig zu sein.

Suchtkarrieren begännen häufig mit dem Bedürfnis, den Körper schnell für die Arbeit fit zu machen und rechtzeitig zum Feierabend abschalten zu können. Dabei geht es nicht nur um Kaffee und Zigaretten, Wein und Bier: Vier von zehn Beschäftigten nehmen täglich bis mehrmals wöchentlich leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Medikamente ein.

Dabei neigen Männer eher zu aufputschenden und konzentrationsfördernden Präparaten, Frauen bevorzugen beruhigende Mittel gegen depressive Verstimmung oder Ängste. "Männer frisieren ihr Leistungspotenzial - Frauen polieren ihre Stimmungen auf", sagte Rebscher.

Mittel gegen Demenz

Zu den Medikamenten, mit denen vorzugsweise gedopt wird, gehören Antidepressiva, Mittel gegen Demenz und gegen Aufmerksamkeitsstörungen. Am häufigsten verordneten Ärzte den Wirkstoff Piracetam, der gegen hirnorganisch bedingte Leistungsstörungen wie Demenz wirkt, ohne entsprechende Diagnose, heißt es.

Methylphenidat gegen das "Zappelphilipp-Syndrom" (ADHS) wird ebenso bei Gesunden zur Konzentrationssteigerung eingesetzt wie die Psychostimulanzien Modafinil und Fluoxetin. Auch der Betablocker Metoprolol wird nicht nur gegen Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder Migräne verwendet, wie es der Beipackzettel empfiehlt.

Die Studie ergab weiter, dass Beschäftigte mit hohem Stresspotenzial, einem unsicheren Arbeitsplatz oder starker Konkurrenz Doping im Job für vertretbarer halten als Arbeitnehmer mit weniger Leistungsdruck. Hans-Dieter Nolting, der Geschäftsführer des IGES-Instituts, das die Studie verfasste, sagte, besonders häufig sei die Einnahme der Mittel in akademischen Kreisen verbreitet sowie in allen Berufen, die Lampenfieber verursachten.

Bisher betreiben nur ein bis zwei Prozent der Deutschen "Hirndoping". Doch ihre Zahl wird nach Expertenmeinung zunehmen. "Es ist zu beobachten, dass es hier eine gewisse Aufgeschlossenheit gibt", sagt Nolting. Viele Berufstätige hätten inzwischen den Eindruck, sie müssten "in der 24-Stunden-Dienstleistungsgesellschaft stets fit und leistungsfähig sein". Zudem werde es immer einfacher, sich Arzneimittel übers Internet oder den Versandhandel zu beschaffen.

"Doping am Arbeitsplatz ist keine Alternative zum Abbau von Belastungen", sagt Nolting. Der Psychologe Frank Meiners, der an der DAK-Studie mitarbeitete, hält die Wirkung der Medikamente ohnehin für überschätzt. Die Arzneien seien oft gar nicht so leistungssteigernd wie erwartet, sagt er. Und mittelfristig seien sie schlichtweg nicht gesund. "Natürlich freut sich jedes Unternehmen über Höchstleistungen", sagte Meiners in einem Interview mit "sueddeutsche.de". "Auf Dauer werden Doper jedoch richtig krank. Das ist nicht im Sinne des Arbeitgebers."

manager-magazin.de mit Material von ap, dpa und afp

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