Uni im Umbruch Wer will jetzt noch Banker werden?

Früher wurde hier über die Weltrevolution diskutiert, jetzt über Aktienportfolios - die Frankfurter Uni hat sich gewandelt wie kaum eine andere deutsche Hochschule. Heute zieht sie die Banker von morgen heran. Und selbst die Finanzkrise kann die Euphorie kaum trüben.

So ein bisschen Weltwirtschaftskrise bringt Rainer Emslander nicht aus dem Konzept. Banken mögen zusammenkrachen, ganze Branchen wanken, das Studium geht weiter. "Es wird immer Krisen geben", sagt Emslander.

Auch die Kommilitonen Ann Sofie Aschenbrenner und Markus Rückert sehen mit Fassung auf den Trubel; ohnehin haben sie genug um die Ohren. Sie studieren Wirtschaftswissenschaften an der Frankfurter Goethe-Universität. Und eines Tages wollen sie als Investmentbanker selbst mitspielen im Gewühl der Derivate, Leerverkäufe und Wetten auf irgendwas.

Jetzt erst recht. "Ich fühle mich bestätigt in meiner Wahl", sagt Aschenbrenner. "Leute, die etwas von der Sache verstehen, werden immer gebraucht."

Die Nachwuchsbanker schieben keine Panik

Der Berufsstand an sich mag vorübergehend weniger gefragt sein; weltweit werden die ehemals bewunderten Geldvermehrer gerade in Scharen entlassen. Aber wenn die Frankfurter mit dem Studieren fertig sind und auf den Markt treten, sind schon wieder zwei, drei Jahre um. "Die Finanzwelt", sagt Markus Rückert, "hat sich noch immer erholt." Rainer Emslander sieht das auch so: "Die guten Jahre werden wiederkommen."

Der Pragmatismus ist so gesund, wie es sich gehört für eine Universität an Deutschlands führendem Finanzplatz. Unter den Studenten hier herrscht die Meinung vor, dass es nicht zu viele Investmentbanker gebe, sondern zu wenig gute.

Die Nachfolger rüsten sich schon, es besser zu machen. Und die Stadt stellt ihnen gerade alles hin, was dafür nötig ist: eine nagelneue Universität, befreit von lästigen Regularien, gut ausgestattet mit Spendengeldern und obendrein traumhaft gelegen in der vornehmsten Ecke Frankfurts.

Wenn alles gutgeht, werden die drei unerschütterlichen Zweitsemester ihr Master-Studium im neuen "House of Finance" absolvieren. Das ist ein nobler Neubau, errichtet als interdisziplinäres Zentrum der höheren Finanzmagie. Die besten Wirtschaftsjuristen und Volkswirte aus aller Welt sollen hier unter einem Dach forschen. Wer dazugehört, muss nicht nach der Bundesbesoldungsordnung sein Dasein fristen. Die Uni ist frei, zu zahlen, was sie will. Gerade gelang es, mit einem Betrag ungenannter Höhe die Eheleute Matthias Schündeln und Nicola Fuchs-Schündeln, beide angesehene Forscher, aus Harvard zurückzulocken.

"Es gibt wohl keinen schöneren Campus auf dem Kontinent"

Wieder ein Schritt auf dem Weg zur Spitzenuniversität. Die ist in Frankfurt das erklärte Ziel; in vielen Broschüren ist von Elite und Exzellenz die Rede. Das House of Finance ist schon äußerlich ein Inbild des Drangs nach oben. Es sieht aus wie eine Bank. Für die erzsolide Fassade war teurer Trosselfels gerade recht. Vom Fußboden schimmert polierter Marmor. Es gibt Lounges mit Ledersesseln der Senatorklasse, und in den Hörsälen (hier: Lecture Rooms) ist alles Eiche massiv, vom Parkett bis zu den sanft geschwungenen Sitzreihen.

Durch die Fenster fällt der Blick auf einen Park. Ringsum nichts, was den gehobenen Geschmack beleidigte: Südlich ragt die bogenförmig ausladende Trutzburg des Architekten Hans Poelzig, ein denkmalgeschützter Bau. Darin residierte ehemals der Konzern I. G. Farben; nach dem Krieg bis in die Neunziger hatte das V. Korps der US-Armee hier sein Hauptquartier. Jetzt sind in acht Etagen die Geisteswissenschaften untergebracht.

In dem weitläufigen Parkgelände, das der Poelzig-Bau zum Westend hin begrenzt, wachsen in zwei Reihen Neubauten heran, die nun nach und nach besiedelt werden. Im Zentrum liegt der Hörsaalbau des Architekten Ferdinand Heide. Große Glasfronten sind schiefwinklig in den Kubus eingeschnitten. Sie sind so geschickt verteilt, dass alle Hörsäle Tageslicht empfangen. In der Dämmerung beginnt der Bau von innen heraus wundersam zu leuchten.

Auf den Grünflächen zwischen den Gebäuden werden sich, wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, locker mehr als tausend Bäume verteilen, dazu Teiche, Brunnen, Promenaden. "Es gibt wohl keinen schöneren Campus auf dem Kontinent", sagt Rudolf Steinberg, der scheidende Präsident.

Von der Hochburg der 68er zur Trutzburg der Hochfinanz


Steinberg blickt zurück auf ein umfangreiches Werk. Er war es, der den Umbau der alten Universität, außen wie innen, über lange Jahre vorangetrieben hat. Und jetzt nimmt die neue Uni allmählich ihre endgültige Gestalt an. Noch im Dezember wird die erste Baustufe eingeweiht, am gleichen Tag beginnt die Arbeit an der zweiten.

Die Gebäude, die schon fertig sind, stehen dem House of Finance in wenig nach; fürs gewöhnliche Studentenleben sind sie fast zu schade. Überall Licht, Luft und Geräumigkeit, gediegenes Holz und gebürstetes Metall. Derart edle Materialien etwa mit Transparenten zu verunzieren verbietet sich fast von selbst. Auch für die guten alten Anschlagzettel im Kleinformat ("Suche MFG gegen BKB") ist die Zeit des unbekümmerten Irgendwohinklebens wohl vorbei. In den Fluren hängen Anschlagtafeln, die jedoch zum Schutz vor Übermut mit abschließbaren Glastüren eingeschreint sind.

Anders gesagt: In ihrer hundertprozentigen Hochwertigkeit wirkt die neue Uni hie und da schon etwas angespannt.

Es steht aber auch viel auf dem Spiel, symbolisch wie real. Mit dem Umzug in den Neubau, der 2014 abgeschlossen sein soll, geht ein innerer Umbau einher, wie ihn wohl keine zweite Universität des Landes hinter sich gebracht hat.

Rebellion, Adorno, Marx-Uni - das ist passé

Es war ein weiter Weg von der rebellischen Frankfurter Uni, deren verwarzte Zweckbauten drüben in Bockenheim sich jetzt nach und nach leeren. Dort war mal ein Nest der Widerborstigkeit; im Zentrum das legendäre Institut für Sozialforschung, wo Lehrer wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer die jungen Leute gegen gedankenloses Anpassertum impften.

1968 war Frankfurt neben Berlin ein Hauptschauplatz der Studentenunruhen. Aus Protest gegen die Notstandsgesetze hielten damals Aufrührer den Campus Bockenheim tagelang besetzt, an den Zugängen standen Streikposten. Es kam so weit, dass die Goethe-Uni von den Rebellen umbenannt wurde in Karl-Marx-Universität.

Heute ist davon nichts mehr übrig. Am neuen Standort im schicken Westend soll eine Premiumanstalt heranwachsen, die sich allein der Leistung verschrieben hat. Das mag sogar ein Fortschritt sein gegenüber den Zeiten, in denen der Studienerfolg doch irgendwie egal geworden war. Träger ist seit Anfang des Jahres nicht mehr der Staat, sondern eine Stiftung öffentlichen Rechts. Das bedeutet weitgehende Freiheiten für die Hochschule, doch wurde bei der Gelegenheit auch der Einfluss der gewählten Studentenvertretung empfindlich zurückgedrängt.

Für Präsident Steinberg schließt sich mit der Umwandlung ein Kreis: Die Goethe-Uni wurde schon als Stiftungsuniversität gegründet, das war im Jahr 1914. Wohlhabende Frankfurter Bürger legten damals ihr Geld zusammen. Zu den Stiftern gehörten viele jüdische Familien von liberaler Gesinnung. Unter gut 600 Erstsemestern waren immerhin 100 Frauen. Auf die Lehrstühle wurden, anders als fast überall sonst im Land, auch zahlreiche Gelehrte jüdischer Herkunft berufen. Auf eine theologische Fakultät verzichteten die Stifter hingegen. Sie waren der Ansicht, an einer wissenschaftlichen Einrichtung hätten Glaubensdinge nichts verloren.

Unternehmen finanzieren die Uni mit

Das Stiftungsvermögen hielt freilich nicht lange; gleich nach dem Ersten Weltkrieg ging alles verloren. "Das Geld war leider in Staatsanleihen angelegt", sagt Präsident Steinberg, "und nicht in Westend-Grundstücken."

Die heutige Stiftung verfügt nun wieder über einen soliden Grundstock von 120 Millionen Euro, der nicht angetastet wird. Ob die Uni aber auch an die alten aufklärerischen Traditionen anknüpfen wird, steht für die Kritiker des Umbaus noch in Frage. Um die Pläne wurde erbittert gestritten. Vor allem die Studentenvertreter im Asta befürchteten, die Uni würde sich dem Einfluss von Stiftern und Drittmittelgebern ausliefern. Steinberg setzte sich durch.

Nun finanziert das Land Hessen weiterhin mit über 300 Millionen Euro den Grundbetrieb, doch konnte die Uni schon 110 Millionen an Drittmitteln für den laufenden Jahreshaushalt einwerben. Zwar sind private Spender nicht so verlässlich wie der Staat, aber damit komme man klar, sagt Steinberg: "Wir haben ein atmendes Budget."

Zu den zuverlässigen Posten gehören derzeit 33 Stiftungslehrstühle, deren Kosten von verschiedenen Unternehmen und Verbänden getragen werden. T-Mobile bezahlt eine Professur für Mobilfunkgeschäfte, genannt M-Commerce, der Chemiekonzern Degussa eine für Organische Synthetik und die Private-Equity-Firma 3i eine für, richtig, Private Equity.

Hat die Uni ihren Stolz verschleudert?


Das hat früh den Argwohn geschürt, hier könnten Unternehmen ihren Forschungsbedarf einfach an die Uni auslagern - und das auch noch für wenig Geld. Früher verpflichtete sich ein Stifter in der Regel nur auf fünf Jahre, und danach musste oft doch wieder der Steuerzahler den Lehrstuhl übernehmen. Heute nehme die Uni Stiftungsprofessuren möglichst nur noch für zehn Jahre an, versichert der Präsident. Die Unabhängigkeit der Forscher stehe dabei außer Zweifel; die Universität hat kürzlich eine Richtlinie verabschiedet, die das garantieren soll.

Allerdings zeigt gerade die Geschichte des House of Finance, dass auf die Charakterstärke der Uni nicht unbedingt Verlass ist. Rund 30 Millionen Euro an Steuergeldern kostete der Bau; für die Innenausstattung aber hoffte die Universität die ansässige Finanzwelt zu gewinnen - schließlich werden hier die Kapitaljongleure von morgen herangebildet.

Allein es lief nicht nach Plan, der Zufluss genügte nicht, um die Einrichtung zu bezahlen, nicht einmal die halbe. Am Ende kam etwa ein Viertel zusammen, eine Million Euro, vielleicht anderthalb. Gleichwohl sind im fertigen Premiumbauwerk nun sechs Hörsäle nach edlen Spendern benannt: Es gibt einen "Deutsche Bank"-Hörsaal, einen "Commerzbank"- und einen "DZ Bank"-Hörsaal.

Eine Milliarde Euro für den Umbau

Dürfen sich also nun die Banken als die großen Patrone aufspielen, obwohl sie gerade mal jeden vierten Stuhl bezahlt haben? Hat die Uni da nicht schon bei erster Gelegenheit ihren Stolz verschleudert?

Die Studenten sehen das anders. "Mich stört das nicht, wenn die Namensgeber dafür bezahlt haben", sagt David Große, viertes Semester. "Das ist doch leichter zu merken als Hörsaal 2", fügt Markus Rückert hinzu. Ein "Hörsaal des Steuerzahlers" würde sich ebenso gut einprägen, aber das fänden sie doch zu ulkig. "Wo wäre denn da auch der Mehrwert?", fragt Alessandro Cocco, viertes Semester. Gemeint ist wohl: Der Ungenannte zahlt ja ohnehin.

Und er zahlt sehr viel. Der Umbau der Universität kostet das Land Hessen gut eine Milliarde Euro. Das Geld fließt nicht nur in den Campus Westend, sondern auch ins Neubauviertel Riedberg, wo künftig die Naturwissenschaften hausen werden. Auch die Geisteswissenschaften, darauf legt Präsident Steinberg Wert, bekommen ihren Teil: "Wir sind sehr breit aufgestellt."

"Das Risiko war nicht eingepreist"

Das Finanzwesen spielt aber eine tragende Rolle; nirgendwo sonst ist die Ambition so offenkundig wie im House of Finance. Einen "Leuchtturm" wünscht sich Steinberg, der eines Tages den Vergleich mit den besten Adressen der Welt besteht. Bei der Ausbildung der ausgebufftesten Geldprofis konnte Deutschland bislang nicht so recht mithalten. Die herrlichsten Derivate, Credit Default Swaps oder Collateralized Debt Obligations wurden anderswo erfunden. Das soll sich ändern.

Nicht alle Lehrkräfte teilen so ganz die Begeisterung für hochkomplexe Finanzprodukte. "Ich frage mich schon manchmal, ob wir das alles wirklich unterrichten müssen", sagt Heinz Mathes, Studiendekan der Wirtschaftswissenschaften, ein Professor der alten Schule. "Wir füllen ja auch nicht gemeinsam Lottoscheine aus." Sein Kollege Volker Wieland, Professor für Geldtheorie, sieht das anders: "Vielleicht waren die Produkte noch gar nicht komplex genug", sagt er. "Offenbar war ja das Risiko nicht eingepreist."

War es also nur ein Konstruktionsmangel, dass all die raffinierten Geschäfte am Ende vor allem zum trickreichen Verstecken und Hinwegzaubern der Risiken dienten? Und kein Systemfehler? Für die Studenten ist das gar keine Frage. Sie sind überzeugt, dass die Instrumente des Investmentbanking einen rationalen, nützlichen Kern haben. "Das hat mit Zauberei wirklich nicht viel zu tun", sagt David Große. Auch Alessandro Cocco findet wenig Magie in seinem Curriculum: "Wir lernen doch vor allem Risikomanagement."

Ein paar Aktien haben alle laufen

Weil nun das Risiko wieder zurückgekehrt ist wie ein verdrängter Dämon, ist sein Management vorübergehend etwas in Misskredit geraten; das gestehen alle zu. Von Erschütterungen aber blieb der Fachbereich bisher weitgehend frei. Zumindest die Bachelor-Studenten haben andere Sorgen. "Wir diskutieren schon viel", sagt Rainer Emslander, "auch über die eigenen Portfolios."

In der Tat üben sich die fünf Kommilitonen bereits in der kapitalistischen Praxis: Rückert, Große, Emslander, Aschenbrenner, Cocco, alle haben ein paar Aktien laufen. Derzeit freilich, das verlangt die Lage, gehen sie etwas vorsichtiger zu Werke.

Andererseits lockt auch schon wieder die Gelegenheit. "Bekannte fragen uns oft, ob nicht gerade jetzt, wo die Kurse unten sind, der beste Zeitpunkt zum Einsteigen sei", sagt Markus Rückert. Und da ist, so sehen das alle, bestimmt was dran.

Ann Sofie Aschenbrenner will "den Markt noch etwas beobachten". Aber Rainer Emslander und David Große haben sich gerade mit ein paar ausgesuchten Aktien eingedeckt. Wenn der nächste Boom kommt, kann es nicht schaden, davon zu profitieren.

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