Christopher Flowers Doppelt gekniffen, dreifach motiviert

Er blickt nach vorne, genug hat er anscheinend noch nicht. Obwohl ihm die deutsche Bundesregierung mit der Enteignung seiner Hypo-Real-Estate-Aktien droht, obwohl sein Anteil an der HSH Nordbank massiv an Wert verliert. Christopher Flowers macht trotzdem das, was er seit zehn Jahren tut: Er kauft angeschlagene Finanzunternehmen.
Von Grit Beecken

Hamburg - Christopher Flowers verdient sein Geld seit rund zehn Jahren mit der Sanierung angeschlagener Finanzdienstleister. In der Krise ist der Mathematiker daher gut aufgehoben, das Angebot an wackelnden Instituten ist riesengroß. Drohende Enteignungen bremsen ihn nicht. Im Gegenteil: Vergangene Woche schlug Flowers beim schwer angeschlagenen US-Immobilienfinanzierer IndyMac zu.

Flowers ist studierter Mathematiker und entspricht dem landläufigen Bild des Grüblers: Dicke runde Brillengläser, Knopfaugen, schlanke Statur. Gemeinhin wird dem 51-Jährigen ein gutes Gespür für Restrukturierungsfälle nachgesagt. Doch mit Restrukturierung ist es bei seinen Deutschland-Engagements nicht getan. Sie verschlingen Kapital, Kapital und nochmals Kapital. Privat hat Flowers davon genug - laut dem US-Magazin "Forbes" belegt er auch in der Krise seinen Platz in der Liste der 100 weltweit reichsten Menschen. Doch derzeit ist nicht sein Privatvermögen gefragt, sondern das seiner Firma J. C. Flowers, über die er Unternehmen erwirbt.

Die gründete der Sohn eines Marineoffiziers 1998. Flowers studierte an der amerikanischen Eliteuniversität Harvard angewandte Mathematik. Anschließend arbeitete er 25 Jahre lang für die US-Investmentbank Goldman Sachs , seit 1986 leitete er dort die Beratung für Übernahmen in der Finanzindustrie. Zwölf Jahre später verließ der Vater zweier Kinder die Bank.

Er machte sich selbstständig und begab sich auf die Suche nach angeschlagenen Finanzkonzernen. Dabei hat sich Flowers niemals verschuldet. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Konkurrenten und könnte ihm in der Krise, in der große Kredite immer seltener vergeben werden, helfen. Das Unternehmen J. C. Flowers hat insgesamt neun Milliarden US-Dollar investiert, verteilt auf über 20 Beteiligungen in aller Welt.

Zur Jahrtausendwende stieg der Finanzexperte bei der maroden japanischen Long Term Credit Bank ein. Er sanierte sie und vervielfachte beim Börsengang im Jahr 2004 seinen Einsatz. Auch Flowers' Deutschland-Debüt zwei Jahre später sorgte für Furore: Zum ersten Mal beteiligte sich ein Finanzinvestor maßgeblich an einem Dax-Unternehmen und an einer Landesbank. Zuvor waren der Einstieg bei der Bankgesellschaft Berlin  und der Hypothekenbank AHBR gescheitert.

Drei lockende Investments

Im Sommer vergangenen Jahres kaufte Flowers dann 24,9 Prozent der HRE-Aktien, zu 22,50 Euro je Aktie. Das Paket kostete ihn 1,1 Milliarden Euro. Seitdem sind rund 85 Prozent des Marktwerts an der Börse verbrannt, kurz vor Weihnachten musste sich der Immobilienfinanzierer aus der höchsten deutschen Börsenliga, dem Dax, verabschieden.

Jetzt will Flowers retten, was zu retten ist und verhandelt mit der Bundesregierung über einen Verkauf seines Pakets. Denn eine Vollverstaatlichung der Hypo Real Estate erscheint als die einzige Möglichkeit, sie noch zu retten. Das Institut hat bisher Staatshilfen im Umfang von 92 Milliarden Euro erhalten, ohne dass sich ihre desaströse Lage geändert hätte.

Der öffentlichkeitsscheue Flowers muss sich fügen, den Staatseinstieg kann er nicht abwehren. Doch er gilt als ein Mann mit Geduld, verhandelt seit Tagen mit der Bundesregierung über die Modalitäten des Ausstiegs. Aus Finanzkreisen verlautete, Flowers sei vor allem daran gelegen, einen Teil seines Einsatzes zu retten. Doch auch die Regierung übt sich in Geduld: Derzeit bestehe beim Thema Hypo Real Estate "kein brennender Zeitdruck", sagte ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums am Montag in Berlin. Relevant sei aber der Termin am 27. März - dann stelle die HRE ihre Jahresbilanz für 2008 vor. Bis dahin müsse eine Lösung gefunden werden.

Auch die 26,6-Prozent-Beteiligung an der HSH Nordbank dürfte sich für Flowers vorerst nicht rentieren. Der für Ende 2008 angekündigte Börsengang des Instituts wurde angesichts der Finanzkrise abgesagt. Statt eines Ausstiegs mit Gewinn musste Flowers, der 2006 für den ehemaligen WestLB-Anteil 1,25 Milliarden Euro zahlte, im Juli neues Kapital nachlegen. Zudem musste die auf die Schiffsfinanzierung spezialisierte Bank beim Soffin bislang Liquiditätsgarantien in Höhe von bis zu 30 Milliarden Euro beantragen.

Flowers lässt sich durch die Probleme nicht von seinem Geschäftsmodell abbringen. Am Freitag kündigte er vor Studenten der Columbia University an, künftig in drei Bereichen zuzukaufen. Erstens bei Instituten, bei denen ein Staat engagiert sei - über Garantien oder andere Beteiligungsmodelle. Zweitens bei den Finanzunternehmen, die andere Investoren angesichts der Krise unbedingt loswerden wollen. Drittens gebe es derzeit insbesondere im Versicherungssektor Unternehmen, deren Börsenwert unter ihrem Bargeldvermögen liegt. Auch dort locke der Einstieg.

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