Trainees Adieu Theorie, willkommen Praxis

Nach dem Lernen ist vor dem Lernen: Mit Trainee-Programmen angeln sich Arbeitgeber begehrte Fachkräfte und schicken sie auf den großen Rundflug durchs Unternehmen. Für Einsteiger ist das ein eleganter Übergang - beliebter sogar als der Direkteinstieg in einen Job.
Von Miriam Hoffmeyer

Mit dem Auto auf einer beheizten Piste über einen zugefrorenen See zu karriolen, hört sich nicht nach einer guten Idee an. Daniel Schmitz, 28, macht das freiwillig. Im vergangenen Winter brachte der Trainee beim Bosch-Konzern einige Wochen auf dem firmeneigenen Testgelände in Nordschweden zu - dort, am Polarkreis, ist das Eis dick genug für waghalsige Experimente.

Wirtschaftsingenieurin Nicola Trevisany: "Ich komme aus einer autobegeisterten Familie"

Wirtschaftsingenieurin Nicola Trevisany: "Ich komme aus einer autobegeisterten Familie"

Foto: Monica Menez

"Mit zwei Rädern von der Piste aufs Eis und dann eine Vollbremsung", schwärmt Schmitz. "Jeden Tag durfte ich verschiedene Prototypen fahren, um ABS- und ESP-Bremshilfen zu testen" - eine Erfüllung des Kleine-Jungs-Traums aus Matchboxauto-Zeiten.

Mit Automobilen hatte Daniel schon während seines Studiums an der RWTH Aachen zu tun, seine Diplomarbeit: Akustikmessungen bei Hybridmotoren. Nach dem Studium entschied er sich, noch mal eine Lernphase einzuschieben, diesmal aber in einer Firma.

Schmitz bewarb sich um eine Stelle als Trainee beim weltgrößten Autozulieferer - und wurde genommen. Nun wechselt sein Arbeitsplatz alle paar Monate: zunächst die Entwicklungsabteilung nahe Stuttgart, dann ein Hybridmotorenwerk in Hildesheim. Seit ein paar Wochen lernt der Berufseinsteiger in der Nähe von Detroit den technischen Vertrieb kennen. Zwischendurch übte er sogar Chef-Sein bei einem Führungs-Workshop. Seine erste Stelle nach dem Ende der zweijährigen Trainee-Zeit wird er sich als Spezialist für die angesagten Hybridantriebe wohl aussuchen können.

Die große Hafenrundfahrt

Schmitz konnte es kaum besser treffen. Kein Wunder, dass die Programme bei Hochschulabgängern immer beliebter werden - das Dasein als Trainee überbrückt die Kluft zwischen Studienwissen und Berufspraxis, verspricht einen glatten Übergang in einen festen Job. Wo gibt's den sonst noch?

"Früher war vielleicht der Direkteinstieg beliebter", sagt die Ökonomin Alexandra Gorke, 26, die noch nach einem passenden Programm sucht. "Mittlerweile versucht jeder, eine Trainee-Stelle zu bekommen." Inzwischen bewerben sich sogar Leute, die bereits irgendwo eine Stelle haben.

Trainees sind in der Regel festangestellt, die Gehälter liegen meist etwa 10 Prozent niedriger als die von Direkteinsteigern. Spielraum für Gehaltsverhandlungen gibt es eher nicht. Dafür bekommen die neuen Kollegen einen mehrmonatigen Rundflug durchs Unternehmen, Seminare inklusive.

"Das Geld ist gut investiert"

Große Konzerne wie Bosch, Daimler , Volkswagen  oder die Deutsche Bank  haben vor etwa 30 Jahren Trainee-Programme eingeführt. Seitdem haben sie sich auch für die Firmen zu einem Gewinnmodell entwickelt: In einer Studie der Universität Bern und der Kölner Staufenbiel Media GmbH gaben mehr als 60 Prozent der befragten deutschen Unternehmen an, dass sie künftig noch stärker auf solche Programme setzen wollen. Industriebetriebe, Banken, Versicherungen oder Handelsfirmen bieten Trainee-Maßnahmen an, in der Mehrzahl sind es große Unternehmen.

"Trainees sind nicht billig, das Geld ist aber gut investiert. So können die Unternehmen ihren Nachwuchs aus den eigenen Reihen rekrutieren, und das ist langfristig kostengünstiger", erklärt Norbert Thom, Personalexperte an der Universität Bern. Und in der Mehrzahl der Unternehmen sei man überzeugt, dass der derzeitige Fachkräftemangel sich weiter verschlimmern werde.

Eine gute Nachricht für qualifizierte Absolventen: Sie sind begehrt. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch widerstandslos den Job ihrer Träume ergattern können - die Konkurrenz für die gefragten Programme ist hart. Bosch stellt pro Jahr 70 Trainees ein, für die Plätze bewerben sich im Schnitt 5000 Absolventen. Ebenso drängeln sich die Aspiranten auch bei anderen beliebten Arbeitgebern, die Bewerbungsverfahren sind deshalb mehrstufig und meist sehr aufwendig.

Alexandra Gorke hat vor fünf Monaten ihr Wirtschaftsdiplom an der Uni Mannheim gemacht, seither fahndet sie nach einem Trainee-Platz, der sie irgendwann in die Personalabteilung einer guten Firma führen soll. "Man muss viel Geduld mitbringen", sagt Gorke. "Eigentlich hatte ich eine so große Lücke nach dem Diplom nicht eingeplant."

Die Bewerbung beginnt häufig mit einem Online-Test, es folgt ein telefonisches Interview. Hat die Jungakademikerin alles richtig gemacht, wird sie persönlich eingeladen, meist zu einem Assessment Center und weiteren Gesprächen.

Neben den "soft skills", also Talenten wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, erwarten die Unternehmen einen überdurchschnittlich guten Abschluss, meist in Wirtschaft, Technik oder Naturwissenschaften, und die passenden Praktika. Gelegentlich nimmt man auch gern Juristen, Sozial- und Geisteswissenschaftler sind eher Exoten.

Erbsenzählerei als Traumjob

So wie Caroline Bandulet. Die Anglistin leitet heute die Marktforschung der Klett-Gruppe in Stuttgart. Ihr war der Einstieg ins verlagseigene Trainee-Programm gelungen, weil sie sich nach ihrem Studium zunächst bei einem Marktforschungsinstitut verdingt hatte. "Man sollte eine Bilanz lesen können", sagt Bandulet, "aber mein geisteswissenschaftlicher Hintergrund war dem Verlag auch wichtig."

Mitten im Beruf stehen, dann aber doch noch mal den Trainee-Weg einschlagen - so selten kommt das gar nicht vor. Auch die Wirtschaftsingenieurin Nicola Trevisany, 27, hatte nach ihrem Studium in Edinburgh und Darmstadt zunächst eine Stelle angetreten: Bei Dornier Consulting im schwäbischen Sindelfingen hatte sie als Projektmanagerin die Elektronikentwicklung des Mercedes SLK begleitet. Im vergangenen Juli wechselte Trevisany dann als Trainee zum Daimler-Konzern. "Ich komme aus einer autobegeisterten Familie, ich wollte schon immer in der Automobilindustrie arbeiten", sagt Trevisany.

Daimler stellt pro Jahr weltweit rund 500 Trainees ein. Anders als bei Bosch zum Beispiel muss sich der Bewerber von Anfang an auf eine Zielposition festlegen. Daher weiß Nicola Trevisany schon genau, dass sie im nächsten Herbst eine Stelle in der Produktionsplanung antreten wird. Während ihrer 15-monatigen Trainee-Zeit wird sie drei Monate nach Südafrika gehen und im Controlling arbeiten - aber auch für einige Tage am Fließband stehen.

Erbsenzählerei als Traumjob

Bei Trainee-Treffen und -Fortbildungen hat sie schon zahlreiche Kollegen aus Amerika und Asien kennengelernt. Das hilft, einen Überblick über den komplexen Konzern zu bekommen: "Das Networking ist das A und O des Programms."

Im sonnigen Barcelona durfte Stefanie Jäger, Trainee beim Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen Ernst & Young, ihre Auslandserfahrungen sammeln. Die angehenden Wirtschaftsprüfer müssen international ausgebildet werden, sie sollen später Mandate von Kunden betreuen, die in aller Welt Geschäfte machen.

Die Wirtschaftsjuristin Jäger begeistert sich für die Kleinarbeit mit den Zahlenkolonnen: "Wenn zum Beispiel ein Mandant Forderungen gegen ein Unternehmen hat, das abweichende Berechnungen in seinen Büchern stehen hat, müssen wir herausfinden, wo die Differenzen herkommen. Das grenzt schon an Detektivarbeit!" Ein großartiger Job, findet Jäger, manchmal müsse sie sogar eine Produktionshalle besuchen, um nachzusehen, ob eine aufgeführte Maschine tatsächlich existiert.

Erbsenzählerei als Traumjob? O ja, findet die 24-Jährige. Zurzeit prüft sie eine große Recyclingfirma - und hat dabei unerwartete Talente in sich entdeckt: "Ich kann zum Beispiel recht gut schätzen, welche Mengen Alu-Späne auf einem Schrottplatz liegen."

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