Montag, 17. Juni 2019

Gruner+Jahr Kundruns folgenschwerer Flirt

Der Chef des größten deutschen Zeitschriftenverlags Gruner+Jahr, Bernd Kundrun, hat seinen Vorstandsposten beim Mutterkonzern Bertelsmann mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Hintergrund ist offenbar ein tiefes Zerwürfnis mit der Verlegerfamilie Jahr als auch dem Mutterkonzern Bertelsmann. Jetzt wackelt Kundruns Stuhl bei Gruner + Jahr.

Hamburg/Gütersloh - Kundrun (51) habe seinen Rücktritt mit sofortiger Wirkung am Dienstagabend mitgeteilt, sagte ein Bertelsmann-Sprecher am Mittwoch gegenüber Nachrichtenagenturen. Zu den Gründen für den Schritt äußerte sich der Sprecher nicht.

Tritt überraschend ab: Bernd Kundrun, Chef von Europas größtem Zeitschriftenkonzern Gruner + Jahr, gibt seinen Vorstandsposten beim Mutterkonzern Bertelsmann mit sofortiger Wirkung auf.
Aus Medienkreisen hieß es zunächst, Hintergrund der Demission sei der seit längerer Zeit schwelende Streit mit Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski um Investitionsmittel, die der Gütersloher Medienkonzern seiner Hamburger Verlagstochter in der Vergangenheit nicht in ausreichender Höhe zur Verfügung gestellt habe.

Wie manager-magazin.de allerdings aus informierten Kreisen erfuhr, hatte sich Kundruns Verhältnis zur Verlegerfamilie Jahr sowie dem Mutterkonzern Bertelsmann in den vergangenen Wochen jedoch aufgrund eines anderen Ereignisses dramatisch verschlechtert.

Kundrun, der eine tiefgreifende Restrukturierung bei Gruner + Jahr mit erheblichen Personalkürzungen in Gang gesetzt hatte, führte nach Informationen von manager-magazin.de mitten in dieser Phase Gespräche über einen Wechsel in den Vorstandvorsitz der ProSiebenSat.1 Media. Die Münchner Senderkette ist in Deutschland Hauptkonkurrent der Bertelsmann-Tochter RTL.

Jahr-Familie empört über Kundruns Flirt

Die Jahr-Familie reagierte empört auf Kundruns Flirt mit dem Konkurrenten ProSiebenSat.1, Bertelsmann betrachtete die Avancen als unverzeihlichen Vertrauensbruch, erfuhr manager-magazin.de aus den Kreisen. Dass Kundrun am Abend des 23. Dezember dem Bertelsmann-Aufsichtsratchef Gunter Thielen mitteilte, dass er, Kundrun, sein Vorstandsmandat bei Bertelsmann niederlege, wertete man als Gipfel der Provokation. Kundrun lasse Bertelsmann nun kaum eine andere Wahl, als ihn seines Amtes als G+J-Premier zu entheben, heißt es.

Bertelsmann ist an dem in Hamburg ansässigen Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr ("Stern", "Brigitte") mit 74,9 Prozent beteiligt. Gruner + Jahr wiederum hält eine Beteiligung von 25,5 Prozent am Spiegel-Verlag. Im Bertelsmann-Vorstand saßen bisher neben Ostrowski und Kundrun auch Thomas Rabe (Finanzen), Rolf Buch (Arvato), Gerhard Zeiler (RTL) sowie Markus Dohle (Random House).

"Abberufung nur eine Frage von wenigen Wochen"

Mit Befremden habe man zudem in Gütersloh die in der Öffentlichkeit kursierende Begründung zur Kenntnis genommen, dass Kundruns Rücktritt von unzureichender Unterstützung durch die Holding motiviert gewesen sei. Aufgrund der hohen Verschuldung von Bertelsmann hätten Gruner + Jahr keine ausreichenden Kapitalmittel für Investitionen zur Verfügung gestanden. Kundrun versuche den Eindruck zu erwecken, als habe er sich mit seinem Rücktritt für die Interessen von Gruner + Jahr geopfert. Das Gegenteil sei der Fall gewesen: Kundrun habe das Unternehmen in schwieriger Zeit verlassen wollen.

"Die Abberufung ist jetzt nur eine Frage von wenigen Wochen. Nach diesem Eklat erscheint es völlig ausgeschlossen, dass Kundrun den Verlag im Februar noch führen wird", behauptet ein mit dem Vorgang vertrauter Insider im Gespräch mit manager-magazin.de.

Suche nach einem Nachfolger bereits im Gange

Dem Vernehmen nach ist die Suche nach einem Nachfolger Kundruns bereits aufgenommen worden. Zwei verlagseigene Vorstände stünden als Kandidaten zur Diskussion: Bernd Buchholz (Leiter G+J Deutschland) und Torsten-Jörn Klein (Leiter G+J International).

Ob sie dem Idealbild des G+J-Chefs entsprechen, daran aber hat man zumindest in Gütersloh noch einige Zweifel. Wie zu hören ist, fahnde man deshalb sicherheitshalber auch außerhalb der eigenen Reihen. Klein oder Buchholz böten freilich den Vorteil, ihren Dienst umgehend antreten und einen reibungslosen Regierungswechsel ermöglichen zu können.

Kundrun selbst dürfte es angesichts seiner bevorstehenden Demission nur noch um die Höhe seiner Abfindung gehen. Sein Vertrag endet 2010. Er kann im Falle einer Einigung mit der Auszahlung in Höhe eines mittleren einstelligen Millionenbetrags rechnen. Kundruns Karriere bei Bertelsmann begann vor knapp 25 Jahren beim Buchclub des Konzerns. Zwischen 1994 und 1997 führte ihn sein Weg ins TV-Geschäft zu Premiere, wo er als Geschäftsführer agierte. Seit 1997 ist Kundrun Vorstand Zeitungen bei G+J und seit dem Jahr 2000 Vorstandsvorsitzender des Verlages.

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