manager-lounge Die Hand am Geldhahn

Martin Kind kann ohne Weiteres als schillernde Persönlichkeit bezeichnet werden. Als Vorsitzender des Fußballvereins Hannover 96 polarisiert er seit Jahren. Nun möchte der Unternehmer die deutschen Spitzenclubs für Investoren öffnen. Ein gewagtes Anliegen - besonders in Zeiten der Finanzkrise.

Hannover - Die Hinrunde in der Bundesliga ließ so manches Fußballerherz höher schlagen. Das Überraschungsteam aus Hoffenheim ist Herbstmeister, dicht dahinter folgen Bayern München, Hertha BSC und der Hamburger SV - eine spannende Rückrunde ist zu erwarten. Auch im Kampf gegen den Abstieg, wo mindestens ein Dutzend Teams um den Klassenverbleib zittern muss.

Dazu gehört auch die Mannschaft von Hannover 96. Deren Vorsitzender Martin Kind ist Geschäftsführer einer gleichnamigen Unternehmensgruppe, die ihr Geld mit Hörgeräten verdient. Sportlich erwartet Kind eine schwere Saison und verriet den Mitgliedern der manager-lounge zur Eröffnung der local lounge in Hannover damit kein Geheimnis. Nur vier Siege gab es in 17 Spielen - doch die Fans des Klubs kennen viel schwerere Zeiten.

Martin Kind war es, der 1997 die Führung des von der Insolvenz bedrohten Vereins Hannover 96 übernahm und den Klub aus der Versenkung holte. Seine Bilanz kann sich sehen lassen: Seit sieben Jahren ohne Unterbrechung Mitglied der höchsten Spielklasse, dazu der gelungene Umbau des alten Niedersachsenstadions in eine moderne Arena. Und: Hannover 96 steht finanziell wieder gesund da.

Für den umtriebigen Manager allerdings noch lange kein Grund, seine stetigen Angriffsbemühungen einzustellen. Für Kind muss es immer weiter gehen. Sein derzeit größtes Ziel ist es, die 50+1-Regel zu kippen. Diese verbietet es Investoren in Deutschland, die Mehrheit an einem Fußballklub zu übernehmen. Für Kind ist diese Regel ein Unding, denn sie verhindert aus seiner Sicht, dass es mit "den Roten", wie der Verein in der Landeshauptstadt Niedersachsens genannt wird, weiter aufwärtsgeht.

"Mittelfristig will ich den Verein im oberen Tabellendrittel etablieren", sagt Kind. Und das geht scheinbar nur mit mehr Geld. Ohne dieses droht dem Verein bestenfalls die Stagnation auf derzeitigem Niveau. Ein entsprechend großer Kreis an Investoren steht laut Kind bereits in den Startlöchern, doch diese dürfen nicht so, wie sie gerne möchten. Denn Mitstreiter im deutschen Profifußball hat Kind nur wenige, sie sind an einer Hand abzuzählen: Neben Bayern München sagen ihm offenbar nur die beiden Werksvereine aus Wolfsburg und Leverkusen Unterstützung zu - Vertretungen, die sowieso schon seit Jahrzehnten abhängig von den Konzernen Volkswagen  und Bayer  sind.

Doch es gibt eine hohe Zahl an Gegnern: Einer davon ist Josef Schnusenberg, Vorsitzender des FC Schalke 04. Dieser warnte in einem Zeitungsinterview vor einem größeren Einfluss branchenfremder Geldgeber auf die Fußballklubs: "Wir wären dumm, wenn wir unsere Marke fremden Eigentümern opfern würden." Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) will an der 50+1-Regel festhalten - die deutschen Fußballklubs seien solide und seriös finanziert. Das macht sich besonders in der Finanzkrise positiv bemerkbar - in anderen Ländern straucheln die Klubs, da die mehrheitsbeteiligten Sponsoren ihre Gelder zurückziehen müssen. Darüber, dass DFL-Präsident Reinhard Rauball und Kind wohl keine Freunde mehr werden, macht der Unternehmer vor den Mitgliedern der manager-lounge deshalb auch keinen Hehl.

Die Vereinsfarben sind tabu

Doch auch viele Fans fürchten um die Kultur des Fußballs. Schon jetzt lassen die hohe optische und akustische Präsenz von Sponsoren viele Fußballspiele zu einem austauschbaren Event werden. Komplizierte Bezahlkarten in den neuen Arenen verderben die Freude am Stadionbesuch, wenn man sich für ein Bier mehrfach anstellen muss: um die Bezahlkarte aufzuladen, dann das Bier zu kaufen, danach das Becherpfand wieder auf die Karte zu laden und sich später das Restgeld auszahlen zu lassen. Vor allem Auswärtsfans schaffen dies aus zeitlichen Gründen oft nicht. "Das können wir den Leuten nicht auch noch abnehmen", sagt Kind, der in solch kommerziellen Wandlungen des modernen Fußballs kein Problem sieht - kein Wunder, das verbliebene Restgeld kassiert am Ende der Verein.

Auch die Tradition bleibt vielerorts auf der Strecke, wenn wirtschaftliche Belange zu stark werden. Warnendes Beispiel ist der Verein Austria Salzburg, der auf Wunsch des Sponsors in Red Bull Salzburg umbenannt wurde, die Vereinsfarben wurden auf Verlangen des Geldgebers gleich mit geändert und das Vereinswappen durch das Sponsorenlogo ersetzt - viele Fans waren verärgert und wendeten sich vom Verein ab. Und dass es auch Kind nicht primär um die Interessen der treuen Anhänger geht, wird an diesem Abend in Hannover deutlich: "Ich unterscheide zwischen Zuschauern und Fans. Die Zuschauer sind unsere Kunden und bringen das Geld, die Fans nur Emotionen."

Doch von allzu herben Eingeständnissen an die Sponsoren wie in Salzburg hat sich auch Kind mittlerweile verabschiedet. Investoren sollen laut seines Vorschlags nun eine zehnjährige Haltefrist akzeptieren, die Vereine eine Sperrminorität bekommen. Trotzdem ist eine Zweidrittelmehrheit der 36 Erst- und Zweitligisten nicht in Sicht. Für Kind kein hinnehmbarer Zustand, er droht mit Klage gegen den Ligaverband. Die bestehende 50+1-Regel könnte gegen das europäische Wettbewerbsrecht verstoßen. Ebenfalls mögliche juristische Schritte im Zuge des deutschen Handels-, Kartell- und Wettbewerbsrecht würden allerdings zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Blickt man nach England, wo sich die Vereine den Investoren komplett geöffnet haben, sieht man zwar sportliche Erfolge dank teuer eingekaufter Stars, aber auch eine Verschuldung der Premier-League-Klubs in Milliardenhöhe. Einige der Investoren, Oligarchen und Scheichs, haben sich in der Finanzkrise verzockt. Und die Preise für Eintrittskarten, die sich viele der jahrelang treuen Stehplatzbesucher oder Familien nicht mehr leisten können, steigen weiter, mehr als 100 Euro für einen Sitzplatz sind keine Seltenheit mehr.

Auch beim FC Chelsea, wo seit einigen Jahren der Vorzeigeinvestor Roman Abramowitsch das Sagen hat, wendet sich das Blatt: So weit wie in der Vergangenheit macht der russische Milliardär seine Geldschatulle nicht mehr auf. Der Verein ist mittlerweile hoch verschuldet und muss auf einen Sparkurs umschwenken, Abramowitsch droht zur Unperson im noblen Londoner Vorort zu werden. Viel Undank also für einen einst großzügigen und gefeierten Geldgeber. Doch so weit ist man in Hannover noch lange nicht. "Die Roten" müssen erstmal das nächste Heimspiel gewinnen - zum Auftakt der Rückrunde geht es ausgerechnet gegen Schalke 04.

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