Rürup beim AWD Maschmeyers "Edel-Strucki"

Sein Lebenswerk AWD hat Carsten Maschmeyer verkauft. Zum Co-Chef des Strukturvertriebs degradiert, liebt er gleichwohl den großen Auftritt. Große Namen gehören dazu - jetzt holt er den renommierten Wirtschaftsweisen Bert Rürup ins Haus. Insider schütteln den Kopf: Vor allem in Sorge um Rürup.

Hamburg - Carsten Maschmeyer mag es groß: große Auftritte, große Worte, große Werbekampagnen, vor allem große Namen. Und wenn der AWD-Gründer einlädt, kommen sie alle, die VIPs aus Politik, Wirtschaft und Showbiz - sei es zum überschaubaren Tête-à-tête in Maschmeyers Villa, zur Jubiläumsfeier mit 10.000 Gästen oder zur ebenso üppigen Mitarbeiter-Motivationssause: Kofi Annan, Gerhard Schröder, Bill Clinton, Klaus-Peter Müller, Thomas Gottschalk, Henry Maske … Deutschlands erster Policenverkäufer sonnt sich gern im Glanz der Prominenten. Einer wird künftig öfter an seiner Seite zu sehen sein: Bert Rürup.

Gern im Kreis der Großen: AWD-Gründer Karsten Maschmeyer (l.) feierte im Juli dieses Jahres das 20-jährige Bestehen seines zu diesem Zeitpunkt bereits an die Swiss Life verkauften Finanzsturkturvertriebes auch mit handverlesenen Gästen in seiner Hannoveraner Villa. Auf der Terrasse plauscht Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) mit dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan und dem Wirtschaftsweisen Bert Rürup. Der Regierungsberater und ausgewiesene Rentenexperte heuert im Frühjahr nächsten Jahres bei AWD an.

Gern im Kreis der Großen: AWD-Gründer Karsten Maschmeyer (l.) feierte im Juli dieses Jahres das 20-jährige Bestehen seines zu diesem Zeitpunkt bereits an die Swiss Life verkauften Finanzsturkturvertriebes auch mit handverlesenen Gästen in seiner Hannoveraner Villa. Auf der Terrasse plauscht Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) mit dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan und dem Wirtschaftsweisen Bert Rürup. Der Regierungsberater und ausgewiesene Rentenexperte heuert im Frühjahr nächsten Jahres bei AWD an.

Foto: DPA

Der Wirtschaftsweise, Regierungsberater und Hochschulprofessor hat einen Dreijahresvertrag bei dem Finanzvertrieb in Hannover unterschrieben. "Chefökonom" soll er werden, zudem bei der Entwicklung neuer Produkte und der Erschließung neuer Märkte wie Russland und China helfen. Seine Position als Vorsitzender des Sachverständigenrates wird Rürup bereits im Februar aufgeben - ein Jahr vor dem offiziellen Ende seiner Berufungszeit. Den Job als Hochschullehrer hängt er im Frühjahr an den Nagel, im April dann wird der "Rentenpapst" für den AWD tätig sein.

Rürup hat durch seine langjährige Beratertätigkeit in der Politik - zunächst als Mitglied der Rentenreformkommission des ehemaligen Bundesarbeitsministers Walter Riester und später als Chef der 26-köpfigen "Rürup-Kommission" - maßgeblich die steuerlich geförderte, private Altersvorsorge in Deutschland auf den Weg gebracht. Dass ein derart honoriger Kopf zu einem Strukturvertrieb wechselt, der unter Insidern einen nicht ganz so honorigen Ruf geniest, löst in der Branche Kopfschütteln aus.

"Maschmeyer ist damit ein öffentlichkeitwirksamer Schachzug gelungen. Aber warum sich eine Persönlichkeit wie Rürup vor diesen Karren spannen lässt, verstehe ich nicht", sagt ein Insider. Schließlich habe der Mann eine ausgezeichnete Reputation zu verlieren. "Ein Wirtschaftsweiser wird Edel-Strucki. Der AWD hat's ja nötig", giftet ein anderer. Diese Branche ist gnadenlos.

"Ein außerordentlich gutes Gewissen"

In der Tat läuft es für den AWD derzeit nicht rund. Der Hannoveraner Strukturvertrieb findet sich häufiger in den Negativschlagzeilen, als ihm recht sein kann. Sein Gründer Carsten Maschmeyer ist daran nicht ganz unbeteiligt.

Im vergangenen Jahr hat Maschmeyer sein "Baby" an die Swiss Life verkauft. Von den Schweizern alsbald zum Co-Chef degradiert, kämpft er seitdem um den unabhängigen Ruf des Finanzvertriebes und derzeit auch gegen erhebliche operative Probleme. Hinter den Kulissen ringt er um Einfluss und Macht in der Swiss Life, die ihn lieber heute als morgen vor die Tür setzen würde, sagen Eingeweihte. Doch so schnell lässt sich ein AWD  von seinem charismatischen Ziehvater nicht entwöhnen.

Der dreht weiter das große Rad, erleidet mit der von ihm eingefädelten Übernahme des Wettbewerbers MLP Schiffbruch. Swiss Life sitzt eher ungewollt auf einem dicken MLP-Aktienpaket, kann jedoch damit nichts Entscheidendes bewegen. Das Klima zwischen Wiesloch und Zürich gilt als vergiftet. Maschmeyers Traum, aus einem Strukturvertrieb den weltgrößten Finanzdienstleister zu formen, ist geplatzt - vorerst jedenfalls.

Viele altgediente Berater haben in diesem Jahr den AWD verlassen. Viele andere Top-Vertriebsleute versucht Maschmeyer mit Treueprämien zu halten. Oder schon mal mit einem einwöchigen Luxusurlaub auf den Bahamas - bezahlt aus eigener Tasche, berichtet das Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz". Zu allem Überfluss belastet ein Gerichtsverfahren den AWD-Gründer, weil er in einer Nacht- und Nebelaktion ohne Rückendeckung der Schweizer Mutter den Strukturvertrieb GKM für einen zweistelligen Millionenbetrag gekauft hat.

"Alterssicherung kann ich ziemlich gut"

Rürup weiß zweifelsohne um die Querelen und die Eigenwilligkeit Maschmeyers. An seinem Entschluss kann er indes nichts Ehrenrühriges finden. Er habe "ein außerordentlich gutes Gewissen", sein Knowhow nun in den Dienst eines Versicherungsvertriebes zu stellen. Er führe die von ihm erfundenen Modelle zur Altersvorsorge jetzt fort, in dem er sie quasi auch verkaufe. "Alterssicherung kann ich ziemlich gut", sagt er selbstironisch.

Um seine Nähe zur Versicherungswirtschaft hat sich Rürup nie wirklich geschert, auf ihren Honorarlisten steht er seit Jahren. Allein im Jahr 2005 hat der Experte mehr als ein Dutzend mal auf MLP-Kundenveranstaltungen über das Alterseinkünftegesetz referiert - und habe dabei jeweils "eine fünfstellige" Summe als Honorar einkassiert, wie Insider berichten. Als Rürup dann seinen späteren Duzfreund Carsten Maschmeyer kennenlernt, streicht er auch beim Konkurrenten gutes Geld ein.

Er tingelt auf Vortragstour gemeinsam mit Walter Riester und "Maschi" durch die Lande, parliert mit den VIPs dieser Republik auf AWD-Großveranstaltungen, lässt sich mit Maschmeyer und anderen in mehrseitigen Anzeigenkampagnen abbilden.

"Strukturvertrieb hat viel mit Show und Motivation zu tun"

Dass Rürup jetzt dauerhaft auf der Gehaltsliste des AWD steht, verwundert einige Beobachter daher nicht. Nur an der nach außen formulierten Funktion und Aufgabe des neuen prominenten Mitstreiters hegen sie erhebliche Zweifel: "Wozu braucht ein Finanzvertrieb einen Chefökonomen, geht's hier um die Deutsche Bank? Das ist doch bizarr. Der AWD hat ganz andere Aufgaben zu schultern."

Rürups Knowhow stellt der Insider nicht Frage. Es sei immer gut, über zusätzliche Expertise zu verfügen. Doch daran dürfte es einem großen Finanzvertrieb wie AWD, der mit vielen anderen Experten zusammenarbeite und eine gute Kundenberatung auf seine Fahnen geschrieben habe, ohnehin nicht fehlen, sagt einer. Ein anderer meldet Bedenken an: "Ich bin da skeptisch. Er ist vom Denken her ein Beamter. Wenn Beamte absatzträchtige, kundennahe Produkte entwerfen sollen, läuft es mir bei diesem Gedanken kalt den Rücken runter."

"Reputation nach außen, Motivation nach innen"

Und die neuen Wachstumsmärkte im Osten, die AWD mit Hilfe von Rürups internationaler Reputation glaubt leichter erschließen zu können? Auch dieser Argumentation wollen die Beobachter nicht folgen: "Dieses Russland- und China-Gedöns vernehmen wir jetzt seit ein paar Jahren vom AWD. Immer dann, wenn es operativ schlecht läuft, zieht man diese Karte, unterstreicht seinen Expansionswillen nach Osten." Tatsächlich dürfte Rürups Arbeit bei AWD vor allem eine Funktion erfüllen: "Reputation nach außen und Motivation nach innen."

Ein intimer Kenner des deutschen Finanzvertriebes stimmt dem zu: "Strukturvertrieb hat viel mit Show und Motivation zu tun. Verkäufer werden in einem Saal zusammengepfercht, und dann steigt die Party. Wenn man da große Namen präsentieren kann, geht der Verkäufer mit stolz geschwellter Brust nach Hause, legt sich beim Kunden am nächsten Tag gleich doppelt ins Zeug."

Ob nun im Großen oder im Kleinen, auf das Orchestrieren von Mitarbeiter-Happenings dieser Art verstehe sich Maschmeyer vorzüglich, bescheinigen ihm die Insider. "Er beherrscht die ganze Klaviatour wie kein anderer."

Zu beobachten zuletzt vor wenigen Tagen im Düsseldorfer ISS Dome, bei "Deutschlands größtem Erfolgskongress". Nach dem ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton tritt der eher nüchtern wirkende Rürup auf. "Der unabhängigen Finanzberatung gehört die Zukunft", ruft er tausenden AWDlern zu. Begeisterte Zurufe, tosender Applaus - einer in der Menge nickt zufrieden mit dem Kopf. Das Investment hat sich gelohnt, scheint sein Gesichtsausdruck zu verraten.

Ob man das bei der Swiss Life auch so sieht, muss sich noch erweisen. Bereits in der kommenden Woche fliegt Rürup nach Zürich, wird dort vor dem Verwaltungsrat und der Konzernleitung ein Referat halten.

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