Dienstag, 25. Juni 2019

Berufsqualität Bogenkarriere, nein danke

Nach zwei oder drei Jahrzehnten im Berufsleben fehlt vielen Menschen die Perspektive für das letzte Karrieredrittel. Doch es muss nicht zwangsläufig langweilig werden oder sogar bergab gehen. Mit Erfahrung und Eigeninitiative lässt sich die berufliche Reifephase erfolgreich gestalten.

St. Gallen - Sven Müller ist 50 Jahre alt und fühlt, dass er vor einer wichtigen Entscheidung steht. Nach einer kaufmännischen Lehre und dem Studium der BWL war er in verschiedenen Unternehmen und Funktionen tätig. Derzeit ist er Geschäftsbereichsleiter und hat 400 Mitarbeitende. Bei seinem aktuellen Arbeitgeber ist Müller nun seit zehn Jahren, seit fünf Jahren in der letzten Funktion. Er hat jedoch das Gefühl, dass es Zeit ist für einen Wechsel. Wie geht es mit ihm beruflich und persönlich weiter?

Bogenkarriere vermeiden: Den letzten Karriereabschnitt selbst gestalten
[M] Corbis; DPA; mmde
Bogenkarriere vermeiden:
Den letzten Karriereabschnitt selbst gestalten
Müller hat eigentlich Freude an seinem Job, er liebt berufliche Herausforderungen und die intellektuelle Auseinandersetzung mit seinem Team. Er ist stolz auf sein Familienleben, die beiden Kinder sind im Studium und sein Haus abbezahlt. Seine Frau ist mit ihrem Teilzeitjob und ihren Hobbys gut ausgelastet und er fragt sich manchmal, ob sie überhaupt Lust darauf hätte, wenn er beruflich weniger engagiert wäre.

Ähnlich ist die Situation in Müllers Bekanntenkreis. Abgesehen von sportlichen Ambitionen macht sich eine gewisse Langeweile breit. Ein Vorruhestand mit Golfreisen nach Florida scheint für viele keine dauerhafte Alternative zu sein. Müller steht also mit seinen Überlegungen nicht allein. Wie kann es weitergehen, nachdem man 20 oder 30 Jahre ein ausgefülltes Berufsleben geführt hat?

Ist man automatisch mit 50 Jahren auf Abstieg und Abbau gepolt, wie es der Begriff "Bogenkarriere" der derzeit unter Personalmanagern kursiert, impliziert? Die Executive School der Universität St. Gallen vertritt den Ansatz, dass die Zeiten für die Generation mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, nie besser waren. Die Zeit ist reif für einen Perspektivwechsel.

Von Bogenkarrieren zu sprechen, ist ein grundlegend missverständliches Signal. Ein nach unten führender Bogen, symbolisiert graduellen Abbau und Verlust. Dies verkennt zentrale Trends in der Gesellschaft, der Wirtschaft und der gesundheitlichen Entwicklung, die dafür sprechen, dass die Möglichkeiten von "Very Experienced Persons", ihre Karriere- und Lebensgestaltung selbstbestimmt und selbstmotiviert zu gestalten, besser sind als je zuvor. Es hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden. Der Wert der Reife wird überall geschätzt. Ausgereifte Produkte zeichnen sich durch hohe Qualität aus, reife Weine sind teuer.

Reife und Erfahrung gewinnt in unserem Wirtschaftsumfeld zunehmend an Bedeutung. Gerade Erfahrungs- und implizites Wissen, die Fähigkeit zur Übersicht und ein breites Beziehungsnetzwerk helfen in unserem dynamisch-veränderlichen Wirtschaftsumfeld bei der Bewältigung von Aufgaben. Very Experienced Persons haben solche Fähigkeiten. Sie wissen durch die eigene Berufs- und Lebensbiografie mit verschiedenen Phasen und Krisen um eigene Stärken und Schwächen. Eine Stärke, die erfahrene Personen mitbringen, ist die Fähigkeit, auftauchende Probleme in Relation zu setzen. Gerade auf hohen Führungsebenen hilft diese Fähigkeit, in Krisenzeiten besonnen und mit größerer Selbstsicherheit zu agieren.

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