Mittwoch, 19. Juni 2019

Berufsqualität Bogenkarriere, nein danke

2. Teil: Länger leistungsfähig

Die Zahlen der demografischen Entwicklung sprechen eine deutliche Sprache. Unternehmen passen sich diesen nachweislichen Fakten derzeit massiv an. Die Wirtschaft ist auf die Arbeitskraft älterer Mitarbeiter angewiesen, es existiert ein Gegentrend zur Frühpensionierungswelle vor ein paar Jahren. Ziel muss es sein, dass man Mitarbeitende durch den gesamten Lebenszyklus motiviert und leistungsfähig hält. Hier ist das Entwickeln adäquater beruflicher Perspektiven in allen Karrierephasen zentral.

Ursula Knorr ist Projektleiterin an der Executive School der Universität St. Gallen, für die Programme "Neue Perspektiven für Very Experienced Persons (50+)" sowie für ein Programm zum Demographiemanagement in Unternehmen. Sie lehrt Personalmanagement und Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.
Denn nicht nur die Lebenserwartung steigt. Ein 50-Jähriger hat die Perspektive, rund weitere 30 Jahre zu leben - und dabei fit zu bleiben. Die Phase der sogenannten gesunden Lebenserwartung hat sich also deutlich verlängert. Jemand im mittleren Lebensalter hat wichtige Lebensstationen hinter sich und verfügt über privaten Freiraum, sich beruflich zu engagieren - eine langfristige Perspektive, die eine zunehmende Selbstverwirklichung in der beruflichen Reifephase ermöglicht.

Die früher existierende Dreiteilung zwischen Ausbildungszeit, Erwerbsleben und Pensionierung gibt es immer seltener. Heutzutage ist es völlig normal, dass Lern-, Arbeits- und Auszeiten einander abwechseln. Damit verbunden sind im Gegensatz zu früher auch häufigere Laufbahnwechsel und lebenslanges Lernen. Dies ist auch aus psychologischer Sicht sinnvoll, da man sich bei jedem Wechsel neu motivieren kann. Warum sollte man seine Karriereabschnitte auf 20 Jahre ausrichten, wenn alles andere viel kurzlebiger ist?

Der Altersforscher François Höpflinger beschreibt, dass sich ab einem Alter von etwa 55 Jahren durchschnittliche Europäer acht bis zwölf Jahre jünger fühlen. Diese soziokulturelle Verjüngung bewirkt, dass Menschen länger jugendlich bleiben und sich auch so verhalten. Sport, Mode und Reisen gehören zu diesem Lebensgefühl, die Bewältigung mentaler Herausforderungen auch.

Die Chancen auf eine Selbstverwirklichung in der beruflichen Reifephase werden größer. Very Experienced Persons haben den Vorteil, dass sie besser mit eigenen Stärken und Schwächen vertraut sind. Sie wissen, ob sie Teamplayer oder Fachexperten sind, ob sie gerne komplexe Prozesse steuern oder gut Beziehungen aufbauen und unterhalten können. Der Weg zur Realisierung der eigenen Visionen muss realistisch mit den eigenen persönlichen Möglichkeiten abgeglichen werden, dann steht dem Projekt Selbstverwirklichung nichts mehr im Weg.

Herr Müller sollte sich also überlegen, wie er für sich Berufs- und Lebensqualität definieren möchte. Auch sollte er seine persönlichen Potenziale aufgrund seiner Berufs- und Lebensbiografie ergründen. Dies kann ihm helfen, herauszufinden, welche Möglichkeiten ihm offen stehen. Dann sollte er detailliert planen, wie er seine Wünsche und Präferenzen in die Tat umsetzen kann und welche berufliche Aufgabe dazu passt. Müller ist erst 50 Jahre alt - er hat ein ganzes Drittel seiner Karriere noch vor sich.

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