US-Eliteunis Die fetten Jahre sind vorbei

Weil US-Eliteunis wie Harvard mit ihren Milliarden an den Börsen spekulierten, schmelzen ihre Stiftungsvermögen im Zuge der Finanzkrise wie Schnee in der Sonne. Neben den privaten Nobelunis der Ivy League geht auch öffentlichen Hochschulen das Geld aus. Die Rettungspläne ähneln sich: Baustopp, Einstellungsstopp, Gebühren rauf.

Harvard ist der ultimative Gradmesser für die US-amerikanische Hochschullandschaft, im Guten wie im Schlechten. Die reichste Universität der Welt - und die bekannteste mit einem Ruf wie Donnerhall - musste zu Beginn der Woche erstmals eingestehen: Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise wird auch die Ostküsten-Uni am Charles River hart treffen wird.

Herbst in Harvard: Der Elite-Uni drohen "nie dagewesene Verluste"

Herbst in Harvard: Der Elite-Uni drohen "nie dagewesene Verluste"

Foto: Getty Images

Drew Gilpin Faust schrieb am Montag eine E-Mail an alle Mitarbeiter und Studenten. Sie wurde 2007 die erste Präsidentin der Harvard University, die auf einem Vermögen rund 37 Milliarden Dollar sitzt. Oder saß. Der Hochschule stünden "nie dagewesene Verluste" bevor, es komme eine "Zeit der größeren finanziellen Einschränkungen", warnte Faust. Deutliche und späte Worte von einer Universität, die in den letzten Jahren gern mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg hausieren ging.

Harvard setzt, was die finanzielle Ausstattung angeht, alles auf die Börsen. Die Fondsmanager der Harvard Management Company (HMC) rekrutieren sich direkt aus der Elite-Universität und streuen das Risiko so breit wie möglich. Ihre Bilanz ist eindrucksvoll: 13,8 Prozent Zuwachs im Jahresdurchschnitt spielten die Manager zwischen 1998 und 2008 ein und verteilten das Vermögen dabei nicht nur US-Aktienmarkt, sondern auch in Europa und Asien und darüber hinaus in Geschäften mit Öl, Holz und anderen Rohstoffen.

So schifften die Finanzjongleure die Uni auch sicher durch die Krise im Jahr 2002, als die Börse in den USA sechs Prozent verlor, während sich die Einbußen Harvards mit 2,7 Prozent bescheiden ausnahmen. Dafür genehmigten sich die Manager selbst fürstliche Boni von bis zu 35 Millionen Dollar in Spitzenjahren - pro Kopf. Das trieb ehemaligen Harvardstudenten und Spendern die Zornesröte ins Gesicht . "Man braucht rund zehn Leute wie mich, nur um das Gehalt von einem dieser Schweine zu bezahlen", fluchte ein Großspender vor vier Jahren.

Gewaltiges Minus bahnt sich an

Diesmal ist alles anders. In der globalen Talfahrt nützt es den HMC-Finanzartisten auch nichts, wenn ihr Geld in Tokio oder Johannesburg auf der hohen Kante liegt. Zwar wies die letzte Bilanz von Ende Juni immer noch einen Gewinn von 8,6 Prozent aus, doch das Portfolio auf dem US-Markt und auch die im Ausland gebunkerten Anleihen stürzten um rund zwölf Prozent ab. Seitdem schwieg Harvard eisern zu den Konsequenzen der Krise für die Uni - bis zum vagen Eingeständnis von Präsidentin Faust.

Das kommende Jahr wird alles andere als lustig für die Universitäten in den USA, denn die Finanzkrise schlägt eine breite Bresche in die Haushalte der Hochschulen. Die Rating-Agentur Moody's Investors Service hat errechnet, den US-Unis drohe allein in diesem Jahr ein Minus von 30 Prozent beim Vermögen. Angerechnet auf Harvards bisheriges Vermögen wäre das ein gigantischer Verlust von über zehn Milliarden Dollar, aber die Universität kommentiert solche Zahlenspiele nicht.

Die Welt-Elite-Uni aus Boston hatte über viele Jahre verblüffenden Erfolg mit ihren Geldanlagen. Nicht alle US-Hochschulen waren in Finanzmarktfragen so gut beraten: So machte die Washington University, größte und älteste Hochschule im Nordwesten der USA, ordentlich Miese mit Wertpapierleihgeschäften. Das ist ein Finanzierungsmodell, über das ein Investmentstratege der Yale University sagt, eine Uni "verdient damit ein wenig, ein wenig, ein wenig - und verliert dann ganz viel". So lief es auch für die größte Uni im Staat Washington: Erst auf dem Klageweg bekam die Uni ihre Wertpapiere vom Finanzdienstleister Northern Trust zurück und vereinbarte einen Vergleich mit 6,6 Millionen Dollar Verlust, wie die US-Tageszeitung "Wall Street Journal" berichtet.

Die Efeuklasse zittert wie Espenlaub

Harvards Elite-Kollegen der sogenannten Ivy League (Efeuklasse) , eines Zusammenschlusses traditionsreicher Privatunis in den USA, werden es schwer haben - und zittern jetzt wie Espenlaub. Wie Harvard finanzieren sie rund ein Drittel ihres jährlichen Budgets aus dem Stiftungsvermögen der Uni.

Das Dartmouth College in New Hampshire gab jüngst bekannt, 220 Millionen Dollar verloren zu haben. Die Brown University in Rhode Island verhängte einen Einstellungsstopp; die Cornell University im Staat New York fror alle Bauvorhaben für 90 Tage ein und will bis Ende März kein neues Personal einstellen. Die Elite-Uni Stanford in Kalifornien, die nicht zur Ivy League gehört, kündigte an, ihr Budget um 45 Millionen Dollar zu kürzen.

Doch nicht nur die privaten Unis sind verwundbar, auch die öffentlichen Universitäten ringen derzeit mit der Krise. So hatte die University of Wisconsin bis Ende 2007 noch ein Vermögen von 1,8 Milliarden Dollar. Davon sind jetzt 18 Prozent futsch. Weil den Bundesstaaten in den USA außerdem die Steuereinnahmen wegbrechen, reduzierten etwa die Staaten Massachusetts und Arizona ihre Hochschulzuschüsse um 4 und 5 Prozent.

Auch auf Hawaii und in Kalifornien mussten die öffentlichen Hochschulen Einbußen hinnehmen. Die öffentlichen Universitäten bilden mit 17,5 Millionen Studenten den Löwenanteil des Akademikernachwuchses in den USA aus; insgesamt drei Viertel aller US-Studenten besuchen die etwas weniger teuren öffentlichen Hochschulen.

Studiengebühren werden steigen

Noch nicht auszumachen ist, wie weit die Spendenbereitschaft schwindet. Ihren Reichtum verdanken amerikanische Universitäten auch der immerwährenden Bereitschaft vieler Absolventen, die frühere Alma mater mit großzügigen Geldgeschenken zu verwöhnen. Die Wirtschaftskrise dürfte die Neigung der Alumni zumindest dämpfen, mit lockerer Hand Schecks zu unterzeichnen. Das gilt nicht nur für Privatspender, auch für Institutionen - und die Beträge aus dem Finanzsektor fallen besonders ins Gewicht.

Mit Sparen allein ist es nicht getan. Um die Verluste halbwegs wettzumachen, werden die US-Unis die Gebühren erhöhen - ob private oder öffentliche Hochschulen. In Arizona sollen die Studiengebühren im kommenden Jahr um satte 10 Prozent klettern. In Pennsylvania sind noch keine Kürzungen beschlossen, die Gebühren sollen an öffentlichen Unis dennoch um 4 Prozent steigen. Weil Eltern durch die Immobilien- und Kreditkrise viel Geld verloren ging, das sie für die Ausbildung ihrer Kinder fest eingeplant hatten, sollen sich nach einer Umfrage der Stipendienvermittlung MeritAid.com bereits jetzt 57 Prozent der künftigen Studenten nach günstigeren Colleges umsehen als zunächst geplant.

Ein Harvardstudium inklusive Unterkunft und Verpflegung kostet zwar heute schon 47.215 Dollar pro Jahr. Doch auch diese Gebühr (tuition) soll noch steigen, wenn auch "moderat", wie Präsidentin Faust in ihrer E-Mail ankündigte. Die Sorgen an der bestens ausgestatteten Elite-Universität sind so groß wie das Gesamtvermögen.

Wie die Tageszeitung "New York Times" berichtet, plante Harvard bislang ein milliardenschweres Bauvorhaben: Südlich des Charles River sollte ein Gelände mit einem Wissenschaftskomplex, einem Museum, Wohnungen, Parks und Plätzen entstehen. Dieses Ziel, aus der Universität eine eigene Stadt zu machen, liegt jetzt erstmal auf Eis.

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