Business in Arabien Salam, Merhaba und der Bruderkuss

Wer in Arabien erfolgreich Geschäfte machen will, sollte wissen, wen er wie begrüßen muss, welchen Status der Geschäftspartner hat und zu welchem Clan er gehört. Vor allem in den Golfstaaten ist es wichtig, Rituale und Regeln zu kennen. Denn manche Fehler können fatale Folgen haben.
Von Sylvia Ortlieb

Sie landen in Beirut, in Kairo oder in Riad, haben Ihren Besuch rechtzeitig angekündigt und erfahren, dass Sie am Flughafen von einer kleinen Delegation abgeholt werden. Das Komitee, das Sie in der Ankunftshalle erwartet, wird nicht viel anders aussehen als Ihre Partner in New York, gleich ob es sich um Christen handelt, die heute weniger als 40 Prozent der Bevölkerung stellen und dem Libanon seine spezifische Identität verliehen haben, oder um sunnitische, schiitische oder drusische Geschäftsleute.

Bei modernen Libanesen werden Sie kaum mit ungewohnten Begrüßungszeremonien zu rechnen haben. Das Merhaba ("guten Tag") ist nicht nur leicht zu merken, sondern kommt bei Christen auch besser an, als der islamische Gruß Salam aleikum ("Friede sei mit dir"). Händeschütteln ist zwischen Mann und Frau üblich. Eine Christin von einer Muslima zu unterscheiden, ist jedoch nicht einfach, denn auch Muslimas kleiden sich hier (wie auch in anderen arabischen Großstädten) gerne im westlichen Stil.

Christliche Namen wie Maria und Josef helfen weiter. Doch häufig fällt bei der Begrüßung die Namensnennung weg, sodass eine abwartende Haltung empfehlenswert ist. Reicht die muslimische Frau die Hand nicht zum Gruß, dann genügt ein Merhaba. Die Europäerin wartet so lange, bis der muslimische Partner die Hand zum Gruß reicht. Unterlässt er dies, so ist er seiner Tradition verpflichtet; mit Respektlosigkeit hat das nichts zu tun.

Bei sunnitischen oder schiitischen Delegationen wird derjenige zuerst begrüßt, der die höchste Position innehat (Männer immer zuerst, danach die Frauen). Salam aleikum ("Friede mit euch") und die Antwort wa aleikum as-Salam ("Frieden auch mit euch") ist die gebräuchlichste islamische Grußformel, die auch von Nicht-Muslimen verwendet wird. Manche streng islamisch orientierten Araber beanspruchen sie aber exklusiv für ihre eigene Religionszugehörigkeit; dann ist das neutrale Merhaba angebracht.

Warum die namentliche Vorstellung bei der Begrüßung unwichtig ist

Im Unterschied zu europäischen individualistischen Gesellschaften zählt in kollektivistischen Gesellschaften wie der arabischen, die Familie, der Clan, mehr als das Individuum. Wichtig ist deshalb der Name des Clans, nicht der persönliche Name. Bei beduinischen Gesellschaften handelt es sich um überschaubare Einheiten, deren Mitglieder sich im Allgemeinen kennen. Trifft man auf eine unbekannte Gruppe, interessiert der übergeordnete Zusammenhang, aus welcher Region die Gruppe stammt und welchem Clan sie angehören. Mit persönlichem Namen macht man sich oft erst später bekannt.

Begrüßen sich zwei Araber, tauschen sie dabei eine lange Reihe standardisierter Grußformeln aus, in denen in raschem Tempo das Wohlbefinden der Familienangehörigen abgefragt und gegenseitige Segenswünsche ausgesprochen werden. Fragen nach der Gesundheit und nach der Familie sind im arabischen Raum ritualisiert und gelten als eine Art Respektbezeugung.

Tiefer gehende und vor allem problematisierende Antworten werden jedoch nicht erwartet, im Gegenteil – sie sind sogar unerwünscht. Lassen Sie sich durch solche Fragen nicht dazu verleiten, über Ihre Migräne oder den Jobverlust des Bruders bei der Begrüßung zu diskutieren. Al-hamdu l’illah ("Gott sei Dank") ist die Standardformel, mit der man nichts falsch machen kann. Erst sehr viel später, wenn eine vertrauensvolle Beziehung hergestellt ist, können auch persönliche Sorgen besprochen werden; in einer Geschäftsbeziehung wird dies aber eher selten sein.

Zeigen Sie Interesse an Ihrem arabischen Partner, und stellen Sie die gleichen Fragen nach Gesundheit und dem Wohlbefinden der Familie, fragen Sie aber niemals direkt nach Ehefrau oder Töchtern, und überreichen Sie Geschenke immer dem Herrn des Hauses, dann kann Ihnen kein zweifelhaftes Ansinnen unterstellt werden.

Abu und Umm

Sobald ein Sohn geboren wird, erhalten beide Eltern einen Namenszusatz: Abu (Vater) und Umm (Mutter) plus Name des Erstgeborenen. Heißt der Sohn Karim, so wird fortan sein Vater Abu Karim und seine Mutter Umm Karim genannt. Wird eine Tochter geboren, erhalten die Eltern keinen Namenszusatz. Bleibt der Nachwuchs aus, wird die Ehefrau auch Umm ghra"ib, Mutter des Abwesenden (Kindes) genannt.

Im arabischen Raum sind bei der Begrüßung körperliche Nähe und der Bruderkuss unter Männern ein Brauch, der auf die Tradition der Beduinen zurückgeht. Das Leben in der Wüste ist beschwerlich und einsam. Wenn man dann endlich auf Menschen trifft, ist die Freude groß und wird deutlich kundgetan. Sie sollten aber behutsam bei der Adaption derartiger Begrüßungsszenarien sein; den Bruderkuss mit Ihrem arabischen Geschäftspartner zu tauschen, setzt eine gewisse Vertrautheit voraus. Ihr arabischer Partner wird Sie spüren lassen, wann er diese Nähe erwartet. Ihr Vorpreschen könnte sonst leicht als plump empfunden werden.

Arabische Männer gehen zuweilen gerne Arm in Arm oder Hände haltend auf der Straße spazieren, um Freundschaft und auch Zusammenhalt zu signalisieren. Dies hat nichts mit Homosexualität zu tun. In vielen arabischen Ländern ist sie verboten und wird mit Gefängnisstrafe geahndet. Für den Europäer mag das arabische Straßenbild genauso ungewohnt erscheinen wie für den Araber die westliche Freizügigkeit in der Öffentlichkeit. Darüber lange Diskussionen zu führen oder gar Veränderungsvorschläge vorzubringen, wirkt belehrend und ist dem Aufbau einer Geschäftsbeziehung nicht förderlich.

Ein anderes Thema ist die Geschlechtertrennung: Hier sollte man das eigene Verhalten anpassen und auf den Austausch von Zärtlichkeiten oder Händehalten zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit grundsätzlich verzichten. Im Libanon oder in Marokko, Tunesien und Ägypten werden Sie zwar selten mit Konsequenzen rechnen müssen, in Saudi-Arabien hingegen dürfte der Kontakt mit den Religionswächtern unerfreulich und kostspielig werden. Er kann sogar dramatische Wendungen nehmen, wenn man in die Mühlen der Justiz gerät oder gar Spannungen in den Auslandsbeziehungen erzeugt. So wurde ein harmloser Kuss eines deutschen Kaufmanns im Iran vor wenigen Jahren zu einem verhängnisvollen Fall öffentlichen Interesses.

Begrüßung in den Golfstaaten

Während die Begrüßung im Libanon und in Ägypten (dies gilt stellvertretend für die Länder des Maghreb und Maschrek) relativ unkompliziert erscheint, ist sie in konservativen arabischen Ländern, vor allem in Saudi-Arabien und den anderen Golfstaaten, deutlich formalisierter. Der Status der Delegationsmitglieder muss gemäß der Hierarchie berücksichtigt werden. Frauen werden nicht mit Handschlag begrüßt. Empfehlenswert ist es, sich vor Abreise über die jeweiligen Herrschaftsstrukturen der Gastgeber zu informieren und per Internet den Familienstammbaum auszudrucken.

Vergegenwärtigen Sie sich diesen nochmals während Ihres Fluges beispielsweise in die Vereinigten Arabischen Emirate; damit können Sie peinliche Schnitzer vermeiden. Auf jeden Fall sollten Sie für Ihre Gespräche vor Ort die Herrscher-Clans auseinanderhalten können: Die Familie Al-Nahyan herrscht in Abu Dhabi, Al-Maktoum in Dubai und Al-Quasimi in Schardscha (Sharjah). Sie erwarten ja auch umgekehrt, dass der arabische Partner weiß, wer in Deutschland Kanzler ist, auch wenn dieser bei uns häufiger wechselt als in Arabien die Familiendynastien abtreten.

Die Aneinanderreihung unzähliger arabischer Namen wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Kennt man aber einmal das System, dann erscheint das Ganze nicht mehr so kompliziert. Zuerst kommt der Eigenname, dann der Name des Vaters, danach eventuell noch der Name des Großvaters (und gelegentlich auch der Name des Urgroßvaters), und schließlich der Familienname und (in längeren Versionen) der Name des Clans. Beispielsweise H.M. ("His Majesty") Sultan Qabus Bin Said Bin Taimur Al-Said, der Herrscher Omans (Bin/Ibn bedeutet Sohn, Bint Tochter).

Im Sprachgebrauch genügen Titel und Vorname, im Schriftverkehr Titel, Vorname und Nachname. Die Titel "Seine/Ihre Hoheit" ("His/Her Highness") für Herrscher und "Scheich" ("Sheikh") sollten in entsprechender Korrespondenz niemals fehlen. Der König trägt den Titel "Seine Majestät" ("His Majesty"). Botschafter, Minister, Angehörige der Herrscherfamilie und andere hochrangige politische Persönlichkeiten haben den Titel "Seine/Ihre Exzellenz", "His/Her Excellency" (für führende Mitglieder der Herrscherfamilie werden jedoch auch öfter der Titel "His / Her Highness" verwendet). Bei Unklarheiten recherchieren Sie am besten im Internet oder fragen im jeweiligen Vorzimmer nach.

Im Geschäftsalltag werden Sie es jedoch eher selten mit führenden Regierungsoberhäuptern zu tun haben, dann ist die allgemeine, recht einfache Praxis der Nennung des Vornamens angebracht. Dies zeigt nicht automatisch eine besondere private Beziehung an, und man ist auch nicht automatisch per Du (da die Geschäftssprache in den Golfstaaten Englisch ist, entfällt diese Problematik, das You entspricht dem Sie). Uns fällt es schwer, auf formaler Ebene einen Geschäftspartner oder Untergebenen mit dem Vornamen anzusprechen, deshalb ist die Hilfskonstruktion "Mr. Hassan" beziehungsweise "Mr. Peter" hilfreich. In einigen arabischen Ländern des Maghrebs oder Maschreks, die eine lange Kolonisationszeit hinter sich haben, ist es zu einer Adaption der europäischen Namensnennung gekommen: "Hassan Shalabi", also Vorname plus Familienname, dann heißt es dementsprechend "Mr. Shalabi". Am besten klärt man gemeinsam, wie man angesprochen werden möchte.

Berufsbezeichnungen wie Ingenieur (Muhandis), Arzt (Tabib) und Rechtsanwalt (Muham) werden gerne in der Anrede genannt. Der Doktortitel und die Bezeichnung Hadschi für einen Mekkapilger gehören zum Namen dazu. Mit Professor (Ustaz) kann man sich behelfen, wenn man den genauen Titel nicht kennt. Diese höfliche Form der Anrede sollte immer so lange verwendet werden, bis der andere signalisiert, dass man darauf verzichten kann, beispielsweise wenn aus einer Geschäftsbeziehung eine Freundschaft entstanden ist.

Besondere Anreden und Titel

Mit Exzellenz (Excellency) spricht man Persönlichkeiten in herausragender offizieller Stellung an, wie zum Beispiel Botschafter. Scheich (Sheikh) bedeutet im arabischen so viel wie "Ältester" oder "Oberhaupt" und wird verwendet, um Respekt auszudrücken. In den Golfstaaten sind Scheichs die Herrscher und Prinzen der Scheichtümer und Angehörige der Herrscherfamilie. In anderen arabischen Ländern ist der Scheich der Stammes- oder Clanführer. Dieser Titel wird auch für religiöse Würdenträger verwendet (bei Sufis für das Oberhaupt eines Derwisch- Ordens) Hadschi ist ein religiöser Ehrentitel für den Mekkapilger, der die Hadsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, auf sich genommen hat, die früher mit großen Anstrengungen verbunden war.

Auch das äußere Erscheinungsbild kann verunsichern: Die Männer tragen lange, weiße Gewänder (Dischdascha) und die Kuffi yeh, das weiße oder rot-weiß karierte Tuch auf dem Kopf, gehalten von einer schwarzen Kordel (Agal), und wecken mit ihrer stolzen Haltung bei manchen Deutschen Ehrfurcht. (Doch nicht jeder Weißgekleidete gehört automatisch der Herrscherfamilie an und verfügt über entscheidende Kontakte, er könnte auch nur ein Office-Angestellter sein …).

Frauen sind in Schwarz gehüllt, viele tragen entweder eine Gesichtsmaske oder haben ihr Gesicht verschleiert. Versuchen Sie nicht, dahinter das Wesen der Frau zu ergründen! Handelt es sich um eine Frau, deren Schleier das Gesicht frei lässt, beschränken Sie den Blickkontakt auf das Nötigste. Allzu leicht könnten Sie sich als Geschäftsmann nicht nur ihre Sympathien, sondern die des gesamten Clans verscherzen.

So wie die europäische Frau dem arabischen Mann nur kurz in die Augen schauen sollte, so wird dieser, wenn er traditionell orientiert ist, es vermeiden, seinen Blick auf die Frau zu richten. Das ist ungewohnt für europäische Frauen. Wie leicht kann sie solch ein Verhalten als Ignoranz missdeuten. Reden Sie mit ihm, aber versuchen Sie nicht, seinen Blick einzufangen. Das würde ihn nur irritieren. Betrachten Sie stattdessen einen anderen attraktiven Punkt beispielsweise das Kragenband oder seinen Schnurrbart.

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