Warren-Buffett-Biografie Buffetted

Der US-Investor Warren Buffett ist eine lebende Legende. Autorin und Morgan-Stanley-Analystin Alice Schroeder hat nun sein Geschichte erzählt. Dies ist der letzte Teil der von manager-magazin.de präsentierten Auszüge aus ihrer Buffett-Biografie "Das Leben ist wie ein Schneeball".

Omaha, Sommer bis Herbst 2003

Im September war Buffett freudig erregt. Die Zeitschrift "Fortune" hatte ihn zum mächtigsten Menschen in der Geschäftswelt ernannt. Zum allgemeinen Erstaunen hatte er kürzlich seine alte, abgewetzte Brieftasche mit einem Aktientipp darin versteigern lassen. Der Erlös von 210.000 Dollar kam Girls Inc. zugute, einer Wohltätigkeitsorganisation, die Susie junior sehr am Herzen lag. Dann ließ er sich selbst auf eBay versteigern - oder besser gesagt ein Abendessen mit ihm für acht Personen -, zugunsten der Glide Memorial Church in San Francisco, die von Susie unterstützt wurde.

In dieser Kirche wurden während der Gottesdienste Aidstests durchgeführt; man organisierte dort Beerdigungen und Gedenkveranstaltungen für schwule Männer, deren Familien und Kirchen sie verstoßen hatten. Das Motto von Reverend Cecil Williams lautete "bedingungslose Liebe". Susie hatte diesen Ausdruck wie ein Mantra übernommen, und selbst Warren kam er manchmal über die Lippen. In Glide war jeder willkommen: Nutten, Junkies, Säufer, Landstreicher.

Nach dem höchsten von fünfzig Geboten auf Ebay zu schließen, waren zwei Stunden von Buffetts Zeit und ein Abendessen für acht Personen bei Michael's 250.100 Dollar wert - also mehr als der Aktientipp in seiner Brieftasche. Wenige Tage später wurde er in Forbes in einer Toga dargestellt, so als sei er gerade vom Olymp herabgestiegen - als Illustration einer Liste der "bestgekleideten Milliardäre". Zwar gab es nicht viele Konkurrenten (obwohl die Zahl der Milliardäre damals zunahm), aber Buffett konnte man nicht ernsthaft als Bewerber für den bestgekleideten Was-auch-immer in Erwägung ziehen, wäre er nicht so berühmt und populär bewesen, dass sein Foto auf dem Titelblatt für höhere Auflagen sorgte. Aber damit nicht genug.

Die beiden Susies waren als Rednerinnen zum Thema Wohltätigkeit beim von Fortune organisierten Treffen der "Mächtigsten Frauen" in der folgenden Woche vorgesehen. Daran würden viele der wichtigsten Frauen in Amerika teilnehmen, darunter Vorstandschefinnen, Unternehmerinnen und einflussreiche Frauen auf vielen verschiedenen Gebieten. Buffett freute sich sehr über diese Krönung seiner Frau und seiner Tochter; vor allem deshalb, weil sie gemeinsam auftreten würden. Am Freitagnachmittag vor der Konferenz rief Susie Warren an und sagte ihm, dass sie einen Tag später kommen werde, weil ihr am Montag eine Biopsie bevorstand. Sie hatte im Juni ihren Zahnarzt aufgesucht, und dieser Termin war wegen ihrer anderen gesundheitlichen Probleme um einen Monat verschoben worden. Der Arzt hatte in ihrem Mund kleine, stecknadelkopfgroße Punkte entdeckt und sie an einen Spezialisten überwiesen. Seither waren zwei Monate vergangen, in denen es nicht gelungen war, den Terminplan des Spezialisten und ihren komplizierten Reiseplan aufeinander abzustimmen, um einen Termin zu vereinbaren. Nachdem das endlich gelungen war, hätte sie ihn beinahe zugunsten eines Besuchs bei der Gates-Stiftung abgesagt.

"Nein, nein, nein, nein, nein! Du wirst den Termin nicht absagen ", sagte Kathleen Cole. Kathleen widersprach ihrer Freundin und Chefin nur selten so direkt. Aber nun bestand sie darauf: "Du musst da hingehen."

Beim Arzttermin tastete Dr. Deborah Greenspan Susies Hals ab und fand auf einer Seite geschwollene Lymphknoten. Sie bestand darauf, dass Susie einen weiteren Spezialisten aufsuchte, Dr. Brian Schmidt, der am folgenden Montag eine Gewebeprobe entnehmen würde. Susie schien sich darüber keine Sorgen zu machen. Sie wollte die Biopsie verschieben, um nichts von der Konferenz bei Fortune zu verpassen. "Ich muss das tun", sagte sie zu Kathleen, und sie meinte damit ihr Erscheinen auf der Konferenz. Der Spezialist weigerte sich aber, den Termin zu verschieben.

"Als habe sie ein Blitzschlag getroffen"

Buffett nahm die Nachricht ruhig auf, aber er war zutiefst erschüttert. Ein paar Stunden nach Susies Anruf führte er ein langes Telefongespräch mit jemand anderem. Wenige Sekunden vor dem Beginn seiner Bridgepartie sagte er, wie beiläufig, aber mit ernster Stimme: "Oh, übrigens, Susie hat am Montag eine Biopsie." "Weswegen?", fragte sein Gesprächspartner geschockt. "Wegen irgend etwas in ihrem Mund. Ich werde dich später anrufen." Dann legte er auf.

Susie unterzog sich der Biopsie. Sie flog zur Konferenz und sprach dort, dann flog sie nach Decatur, um Howie auf seiner Farm zu besuchen, ihre Enkelkinder zu sehen und mit dem Mähdrescher zu fahren, bevor sie nach San Francisco zurückkehrte. Im Rückblick dachte Howie: Sie hatte immer davon gesprochen, uns zur Erntezeit zu besuchen, hatte es aber noch nie getan. Damals aber bemerkte er nichts Ungewöhnliches; sie verhielt sich wie immer.

Warren starrte auf den Computerbildschirm, durchstöberte die Nachrichten, spielte Bridge oder Helikopter. Seine wachsende Angst äußerte sich auf die übliche Art; er stellte immer wieder die gleichen Fragen über ein Thema, und wenn man ihn fragte, leugnete er seine Besorgnis.

Am Freitag gingen Susie und Kathleen zum USC Medical Center, um sich über die Ergebnisse der Biopsie zu informieren. Susie schien den möglichen Ernst der Situation noch immer nicht zu realisieren. Als sie in der Praxis von Dr. Schmidt ankamen, sagte Susie zu Kathleen: "Du bist so nervös. Warum bist du so nervös?" Kathleen dachte: "Mein Gott, versteht sie wirklich nicht, dass es sehr schlechte Nachrichten geben könnte?" Dann teilte der Arzt Susie mit, dass sie an Mundhöhlenkrebs im dritten Stadium litt. Die Diagnose machte sie sprachlos. Cole sagte: "Es war, als habe sie ein Blitzschlag getroffen. Offenbar hatte sie nie an diese Möglichkeit gedacht." Susie weinte. Aber als sie ins Auto stiegen, hatte sie sich typischerweise wieder im Griff und sorgte sich um alle anderen, nur nicht um sich selbst. Sie rief Warren an. Er sagte nicht viel. Dann rief sie Susie junior an und sagte: "Ruf deinen Vater an. Er wird zusammenbrechen. " Dann fuhr sie heim, sprach noch einmal mit Warren, Susie junior, Howie und Peter. Zu diesem Zeitpunkt hatte Susie junior schon im Internet recherchiert. Sie rief ihren Vater an und sagte: "Lies nicht die Websites über Mundhöhlenkrebs."

An Mundhöhlenkrebs erkranken jährlich nur 34.000 Menschen, aber mehr als 8000 sterben daran. Diese oft schmerzlose, aber rasch wachsende Art von Krebs ist tödlicher als Hautkrebs, Gehirntumore, Leberkrebs oder die Hodgkin-Krankheit. Besonders gefährlich ist sie deshalb, weil sie meist erst entdeckt wird, nachdem sie sich auf die Lymphknoten des Halses ausgebreitet hat. Zu diesem Zeitpunkt kann der Primärtumor bereits umliegendes Gewebe befallen und sich auf andere Organe ausgebreitet haben. Ein Mensch mit Mundhöhlenkrebs hat ein besonders hohes Risiko, dass sich ein zweiter Primärtumor entwickelt. Wenn man den ersten Schub der Krankheit überlebt, besteht ein um das Zwanzigfache erhöhtes Risiko einer erneuten Erkrankung.

Mehr als 90 Prozent aller Patienten sind langjährige Raucher oder Verwender von Kautabak. Wenn Alkohol hinzukommt, steigt das Risiko noch weiter. Susie Buffett hatte nie geraucht oder getrunken. Sie wies keine signifikanten Risikofaktoren auf. Die Tatsache, dass ihre Erkrankung sich im dritten Stadium befand, bedeutete, dass der Krebs sich schon auf mindestens einen Lymphknoten, aber wahrscheinlich nicht auf weiter entfernte Organe ausgebreitet hatte. Susie kehrte in ihre Wohnung mit Blick über die Golden Gate Bridge zurück.

Keine Angst vor dem Tod

An allen Wänden hingen Reiseandenken, Geschenke von Freunden und Kunstwerke, die ihr etwas bedeuteten. Die Frau, die niemals eine Sache oder einen Menschen losgelassen hatte, sagte plötzlich: "Ich hatte ein wunderbares Leben. Meine Kinder sind erwachsen. Ich habe es noch erlebt, meine Enkelkinder zu sehen. Ich liebe mein Leben, aber ich habe meinen Job erledigt und werde nicht mehr unbedingt gebraucht."

"Wenn es nach mir ginge", sagte sie zu Kathleen, "würde ich mich in eine Villa in Italien zurückziehen und einfach sterben." Vor einem langen, schmerzhaften Sterben hatte sie viel mehr Angst als vor dem Tod selbst. Aber wenn sie einfach aufgab, dann ließ sie Menschen im Stich, die ihr wichtig waren, die seit Jahrzehnten ein Teil ihres Lebens waren. Eigentlich würde sie sich für Warren operieren lassen. Aber sie sagte Kathleen, ihrer Freundin Ron Parks und einigen anderen, dass sie sich noch nicht für die anschließenden Bestrahlungen entschieden hatte. Sie gehörten standardmäßig zur Behandlung, um das hohe Risiko einer erneuten Erkrankung zu reduzieren. Aus irgendeinem Grund schien sie nicht zu verstehen, wie wichtig das war; wahrscheinlich, weil sie immer noch unter Schock stand.

Am nächsten Morgen plante sie mit Kathleen das in Zukunft Nötige. Sie erlaubte es Kathleen nicht, all die Dinge für ihre Wohnung zu kaufen, die sie nach der Operation brauchen würde. Sie würde einen Treppenlift benötigen, um in ihre Wohnung im Obergeschoss des Gebäudes zu gelangen. Susie wollte nichts davon hören. Kathleen dachte, Susie sei in einer Art Schock- oder Verweigerungszustand. Schließlich rief sie Susie junior an. Diese sagte, sie solle ihre Mutter einfach ignorieren und die nötigen Vorkehrungen treffen.

In der Zwischenzeit erledigte der geschockte Warren seine täglichen Routineaufgaben, wie er es in Krisensituationen immer tat. Er begleitete die sehr erschütterte Astrid zu einem Footballspiel nach Lincoln. Am nächsten Morgen flog er nach San Francisco, wo er erfuhr, dass sich Susie in den nächsten Wochen einer großen Operation unterziehen musste. Ihre Chancen, die nächsten fünf Jahre zu überleben, standen bei 50 Prozent. Ein großer Teil ihres Rachens und die meisten - oder alle - Zähne mussten entfernt werden. Nach der Operation würde sie mehr als einen Monat lang über einen Schlauch ernährt werden müssen, der direkt in ihren Magen führte. In dieser Zeit würde sie auch nicht reden können, und die Operation könnte sie möglicherweise entstellen. Viel mehr erzählte Susie Warren nicht. Allerdings sagte sie, sie habe Angst davor, dass ihre eigenen Enkel vor ihr erschrecken könnten. Sie beschloss, in der nächsten Woche nach New York zu fliegen, um im Memorial Sloan-Kettering Cancer Center eine zweite Meinung einzuholen, aber dabei handelte es sich eher um eine Formalität.

Zurück in Omaha verbrachte Warren seine Zeit mit Telefongesprächen, Bridgepartien im Internet, Arbeit und der Planung eines bevorstehenden Treffens mit Karen Elliott House, der Herausgeberin des "Wall Street Journals". Buffett hatte mit dem Journal schon mehrere Auseinandersetzungen gehabt wegen der Art, wie er dort geschildert wurde, beginnend mit dem Artikel von 1992, der ihn als "harten, geschliffenen Mann" hinter der "Maske" eines volkstümlichen Weisen beschrieben hatte.

Vielleicht wollte House mit ihrem Besuch etwas reparieren, vielleicht wollte sie auch vorfühlen, ob er Interesse am Kauf der Zeitung hatte, die in finanziellen Schwierigkeiten steckte. Aber eigentlich dachte er ständig an Susie, mit der er oft kurze, tränenreiche Gespräche führte. Er hatte beschlossen, in den kommenden Monaten jedes Wochenende bei ihr in San Francisco zu verbringen. Obwohl er nicht wirklich wusste, worauf er sich damit einließ, wollte er ihr das geben, was sie ihm im umgekehrten Fall auch gegeben hätte. Er sei sicher, so sagte er, dass sie seine Gegenwart brauche. Und mit absoluter Sicherheit brauchte er ihre Gegenwart.

Warren Buffett: Die lebende Legende

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