Prinovis Trügerische Hoffnungen

Stephan Krauss, Chef von Europas größter Tiefdruckerei Prinovis, sieht seiner baldigen Ablösung entgegen. Die Unruhe unter den rund 3700 Beschäftigten wächst. Für dringend gebotene Investitionen fehlt das Geld, einen langfristigen Bestand aller Standorte kann niemand garantieren.
Von Klaus Boldt

Gütersloh/New York - Der Aufsichtsrat des Gemeinschaftsunternehmens Prinovis, an dem die Bertelsmann-Firmen Gruner + Jahr (G+J) und Arvato mit jeweils 37,45 sowie die Axel Springer AG mit 25,1 Prozent beteiligt sind, ist zu der Überzeugung gelangt, dass Krauss nicht der richtige Mann sei, um die Schwierigkeiten zu beenden, in denen die Firma seit geraumer Zeit steckt, und von denen man nicht genau weiß, wie hoch sein eigener Anteil an ihrer Verursachung ist.

Über seine Nachfolge soll die Öffentlichkeit in Kürze unterrichtet werden. Es heißt, man habe einen Aushäusigen angeworben. Der Glaube an die Qualität der eigenen Leute ist bei den Prinovis-Gesellschaftern derzeit schwach ausgeprägt.

Die Operationen von Krauss (47) waren in ihrem Kern von einer spürbaren Wesenlosigkeit wie von einem Nebel durchzogen. Seine eigenen Ziele hat der Manager nie erreicht, vielleicht auch nie gefunden, wobei der Gerechtigkeit halber hinzugefügt werden muss, dass sehr viel Unvermögen gar nicht nötig ist, um im Druckereigewerbe heutzutage schlechte Geschäfte zu machen. Krauss hat eine klippenreiche Fahrt hinter sich.

Zeit ihres Bestehens führen die Prinovis-Druckereien ein sorgenvolles Dasein, ein scharfer Wind treibt ihnen den Regen seitwärts entgegen. Die Gründung des Betriebs im Jahre 2005 war keineswegs munterer Zuversicht und lebendiger Hoffnungsfreude entsprungen, wie das Akronym aus "Print-Innovation-Vision" nahelegen sollte, sondern Ausdruck eines desperaten Abwehr- und Abnutzungskampfs, in den die Tiefdruckereien seit Jahren verwickelt sind.

Depression statt Rezession

Ein Zusammenschluss versprach Schutz und Sicherheit: Denn nach einer Rezession, die heute alle fürchten, sehnen sich die Drucker sozusagen zurück. In ihrer Gilde hat sie sich längst zur Depression gesteigert.

Der Markt gefährdet seine Beschicker durch ungezählte Maleschen und Störungen, durch Engpässe, Umschwünge und Wendepunkte sowie durch die zähe Klebrigkeit jener Klein- und Nebenkrisen, die sich wie ein klammer Wickel um die eine große Krise gelegt haben, die von dem Zuspruch ausgelöst worden ist, den die Angebote des Internets inzwischen finden: Verleger und Versender erteilen immer weniger Aufträge für immer dünnere Zeitungen und Zeitschriften, Prospekte und Kataloge, verlangen aber immer höhere Preisnachlässe. Gleichzeitig klettern die Kosten für Papier und Strom. 10 Prozent der Gesamtkosten bei Prinovis verschlingt inzwischen der Posten Energie. Der einsetzende Wirtschaftsabschwung wird die Lage nicht verbessern.

Zweifel am Wirklichkeitssinn

Zweifel am Wirklichkeitssinn

Die Unruhe unter den rund 3700 Beschäftigten an den Prinovis-Standorten in Nürnberg, Dresden, Itzehoe und Ahrensburg sowie in Liverpool wächst. Die Druckerei Darmstadt will Prinovis zum Jahresende räumen, und auch Ahrensburg und Itzehoe gelten, internen Aufzeichnungen zufolge, als desolate Veranstaltungen: Für dringend gebotene Investitionen fehlt das Geld, einen langfristigen Bestand kann niemand garantieren.

Neu und unbekannt jedenfalls waren die Probleme nicht, mit denen es Prinovis-Lenker Stephan Krauss 2005 aufgenommen hat. Gewiss, mit manchem Ärgernis war nicht zu rechnen, und der Niedergang des Tiefdruckens vollzieht sich rascher, und er währt länger und ist auch steiler, als von vielen befürchtet.

Doch bei Bertelsmann und Springer fand man schon bald Anlass, die Aktionen von Krauss zu beargwöhnen und seinen Vorhersagen zu misstrauen, deren unbeschwerter Zukunftsglaube auch in der Belegschaft einen falschen Eindruck nicht verfehlte. Die Zweifel an seinem Wirklichkeitssinn wuchsen.

Denn Krauss hatte bei seinem Amtsantritt nicht nur seinen Angestellten und der Öffentlichkeit, sondern auch seinen Gesellschaftern geweissagt, dass ihr neues Gemeinschaftsunternehmen den Umsatz um jährlich 3 Prozent erhöhen würde - stattdessen aber ist er bis Ende 2007 (Prinovis veröffentlicht keine Bilanzzahlen) um knapp 20 Prozent eingefallen: von rund einer Milliarde auf gut 800 Millionen Euro, erlahmt und ermattet.

Rechnung ohne die Wirtschaft

Im laufenden Geschäftsjahr hat sich die Lage aus naheliegenden Gründen nicht verbessert. Die Umsatzrendite erreicht nicht 8, wie erwartet, sondern mit Mühe 5 Prozent und ist gar im Begriff vollends zu verschwinden. Bertelsmann hatte bereits im Jahresabschluss 2007 Werberichtigungen über 131 Millionen Euro auf Prinovis vornehmen müssen. Bei allem Verständnis, auf das der Druckmann Krauss in Gütersloh rechnen konnte, hörte man zuletzt doch immer häufiger Beschwerden über dessen fehlerhafte Rechen- und Prognosekünste.

Strategisch bewegte sich Krauss im Zickzack und in Achterfiguren, aber voran kam er nicht. Im Sommer verkündete er: "Wir haben die Talsohle durchschritten", befand sich aber, Beobachtern zufolge, noch wie ein Bergsteiger mitten in der Wand beim Abstieg. Krauss bemerkte sinnigerweise, "unsere Mitarbeiter können mehr, als effizient Farbe auf Papier zu bringen", und stellte Planungen an, den Kunden verwandter Branchen ein paar Tricks zur Lösemittelrückgewinnung anzubieten. Im Milliardenkonzern Bertelsmann stöhnten die Merkantilisten auf: Das war dann doch ein bisschen zu viel Illusionsdämmer und zu viel Klein-Klein.

Vielleicht hatte sich Krauss, dessen Spielzüge klug angelegt waren, aber allzu häufig in Sackgassen endeten, auch der trügerischen Hoffnung hingegeben, sich als unentbehrlich erweisen zu können, indem er einen Optimismus ausbreitete, der ebenso unbegründet war wie er zur allgemeinen Geschäftsauffassung unter Medienschaffenden gehört, zumal bei einer Neugründung. Aber er hatte die Rechnung ohne die Wirtschaft gemacht.

Nicht auszuschließen, dass sein Abgang mit einem Wechsel an der Aufsichtsratsspitze von Prinovis in Zusammenhang steht: Im Sommer löste Rolf Buch (43), Vorstandschef von Arvato, den G+J-Dirigenten Bernd Kundrun (50) als Leiter des Kontrollgremiums ab, der seinerseits wenig unternomen hatte, um berichtigend auf Krauss einzuwirken. Seit Buch Wache schiebt, scheint alles etwas zügiger vonstatten zu gehen.

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