Business in Malaysia Die kleinen Unterschiede

Müssen sich die so genannten Bumiputera, die "Söhne des Bodens", weniger anstrengen als die Chinesen, die Inder und die anderen Nicht-Malaien? Das ist nicht die Frage eines überheblichen Europäers. Das ist eine Frage, die immer wieder öffentlich von malaiischen Politikern gestellt wird - um sie dann heftig zu verneinen.
Von Rüdiger Siebert

So beispielsweise geschehen bei der Third International Conference on Malay Civilisation in Kuala Lumpur, als der stellvertretende Ministerpräsident Datuk Seri Najib Razak im Februar 2007 der malaiischen Bevölkerung staatstragenden Fleiß bescheinigte und das Stigma angeblicher Faulheit als "baseless myth" bezeichnete.

Was ausländischen Beobachtern als kurios erscheinen mag, trifft einen Nerv innerstaatlicher Befindlichkeit. Denn eine solche Bemerkung bezieht sich ja eben nicht auf alle Bürger Malaysias, sondern auf die Malaien, die laut offizieller Statistik etwa 55 Prozent der gesamten Bevölkerung stellen, Tendenz steigend. Sie vom Vorwurf träge zu sein loszusprechen, heißt im Umkehrschluss, andere Bevölkerungsgruppen seien vorbildhaft die emsigeren im Lande. Das sind die Chinesen mit einem Anteil von knapp 30 Prozent, Tendenz sinkend, die Inder mit knapp 10 Prozent und 5 Prozent andere Volksgruppen. Die multi-ethnische Vielfalt in solcher Zusammensetzung gehört zu den Besonderheiten Malaysias; und die Fragen, was die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen verbindet und was sie trennt und wer da womöglich fleißiger ist als die anderen, sind seit den Anfängen staatlicher Gemeinsamkeit umstritten. Wer dies diskutiert, analysiert und kommentiert, betritt spannungsvolles, vermintes Gelände gesellschaftspolitischer Empfindlichkeiten.

Die meisten meiner Gesprächspartner sind spontan bereit, das friedliche, harmonische Zusammenleben der Malaysier zu loben. Oft klingt so etwas sprechblasenhaft einstudiert, als müsse eine böse Erinnerung vergessen werden. Das nationale Trauma von 1969 sitzt tief. Die Wahlen im Mai jenes Jahres, bei denen die Chinesen einen Machtzuwachs zu verzeichnen hatten und sich die Malaien weiter zurückgedrängt sahen, lösten Rassenunruhen aus, deren Ursachen zum größten Teil in der ungleichen Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Dominanz der Chinesen zu suchen waren. Ein Konflikt mit langer Vorgeschichte entlud sich in Gewalt. Die Zahl der umgebrachten Chinesen ging in die Hunderte, die der getöteten Malaien wurde offiziell mit 25 beziffert.

Danach wurde die staatliche Politik verstärkt auf die Förderung der malaiischen Bevölkerung eingestellt. "New Economic Policy", hieß das Programm. Bumiputera erhielten Quoten für Stipendien, Schulen und Universitäten, günstige Kredite für Haus- und Autokauf, erleichterte Startbedingungen für Firmengründungen. Die malaiische Sprache, Bahasa Melayu, wurde zur nationalen Sprache erklärt. Das umfassende Aufholprogramm für Malaien sollte sie aus der Ecke der wirtschaftlichen Unterrepräsentanz herausholen. Mit der zunehmenden Betonung des Islam in den vergangenen dreißig Jahren, den zahlreichen Moschee-Neubauten und der sichtbaren islamischen Beteiligung in Staat und Gesellschaft wurden die Gleichsetzung von Malaie und Muslim und die Festschreibung des Islam als Staatsreligion zum Leitbild Malaysias, an dem sich auch alle Non-Bumiputera auszurichten haben. "Balanced development" heißt das offiziell.

Die wirtschaftlichen Erfolge Malaysias sprechen für sich. Es ist ein von der Natur reich ausgestattetes Land. Erdöl- und Erdgasvorkommen, tropische Regenwälder, Palmölpflanzungen, verarbeitende Industrie, Herstellung elektronischer Bauteile und Tourismus bieten enorme Ressourcen. Nach den einschneidenden Defiziten der Asienkrise in den späten 1990er Jahren, die die so genannten Tiger-Staaten ins Trudeln brachte, wurde kräftig aufgeholt. Der jährliche Zuwachs der Wirtschaft liegt nun wieder um die sechs Prozent. Die Bumiputera sind heute weitaus stärker daran beteiligt als früher. Offizielle Zahlen spiegeln Veränderungen wider: 1970 hielten sie als Geschäftsleute gerade mal 2,4 Prozent der Unternehmen in Händen; 1990 waren es 20,3 Prozent; so von Claudia Derichs in ihrer verständnisvollen Studie mit dem sperrigen Titel "Nationalbildung in Malaysia als strategisches Staatshandeln. Bemühungen um die Schaffung nationaler Identität" herausgefunden.

Doch dabei gilt es, genauer hinzuschauen. Zum einen, sagen die Kritiker, habe das staatliche Förderprogramm letztlich nur eine Elite unter den Malaien bereichert. Zum anderen geben aktuelle Studien deutliche Hinweise, was von der geschäftstüchtigen Begabung der Bumis – so der populäre Ausdruck – zu halten ist: 85,3 Prozent der ihnen von Staats wegen eingeräumten und bevorzugt ausgestatteten Lizenzen und Verträge für Unternehmungen sind 2006 innerhalb weniger Monate an Non-Bumiputera weiterverkauft worden. Zu diesem Ergebnis kam eine regierungsamtliche Untersuchung. Solche Transaktion wird "Ali-Baba-Partnership" genannt: Ali für malaiisch, Baba für chinesisch, denn jedermann weiß, dass die Wirtschaft weiterhin von den Chinesen dominiert wird und Malaien oft nur Frühstücksdirektoren sind.

Malaien machen Politik, Chinesen Geschäfte

Die Arbeitsteilung im Lande folgt noch immer weitgehend historischen Wurzeln und der Weichenstellung der Staatsgründung. Die Malaien machen die Politik, sind überrepräsentiert in Bürokratie, Justiz, Armee und Polizei. Die Chinesen machen die Geschäfte. Die Inder reinigen die Straßen, sind am Handel beteiligt, werden Advokaten, Ärzte. So in groben Zügen das Grundmuster. Patrick Teoh, Schauspieler und Autor, brachte das Selbstverständnis der Volksgruppen ironisch auf den Punkt: "Die Malaien: ‚Never mind lah. Macht nichts. Was immer passieren mag, wir werden stets die Mehrheit bilden, und der Staat (kerajaan) wird schon für uns sorgen. Uns gehört der Boden.‘ – Die Chinesen: ‚Macht nichts. Wir können genug Geld machen. Meine Familie ist eh in Perth. Und deine?‘ – Die Inder: ‚Du siehst uns sowieso nur, wenn du krank bist oder einen juristischen Rat brauchst, nicht wahr?‘"

Aus dem Malaysia der ersten 50 Jahre ist kein Meltingpot geworden, kein Schmelztiegel, in dem ein neuer asiatischer Mensch entstanden ist, kein Asien im Miniformat, wo sich die Konturen vermischten. Der Beobachter hat eher den Eindruck von Parallelgesellschaften, in denen die jeweiligen Insider streng auf ihre Eigenheiten achten, ihre Religion bewahren, ihre Riten pflegen und fast ausschließlich ihresgleichen heiraten. Dazu hat wesentlich die stärkere Rückbesinnung der Malaien auf den Islam beigetragen, was im Aufwind der weltweiten Re-Islamisierung die Abgrenzung vertieft. Nahrung und Getränke mit dem islamkonformen Etikett "halal" sind zum Standard und neuen, lukrativen Geschäft geworden – an dem interessanterweise zu 80 Prozent nicht-muslimische Produzenten beteiligt sind. Man isst, betet und lebt nebeneinander und voneinander getrennt. Das trifft auch bei den Festivals und Feiertagen zu, beim Besuch der Schulen und Universitäten sowie beim Gebrauch der eigenen Sprachen, obwohl das Malaiische, Bahasa Melayu, mehr oder weniger allen Kindern vermittelt wird.

Oberflächlich betrachtet scheint das Trennende größer zu sein als das Verbindende. Daraus machen auch die Gesprächspartner nach dem üblichen Statement zur Friedfertigkeit und Harmonie keinen Hehl. In chinesischen und indischen Kreisen wird auf die Malaien ziemlich unverhohlen geschimpft und deren staatliche Bevorzugung kritisiert. Umgekehrt wird in Gesprächen mit Malaien deutlich, dass sie die Cleverness der anderen geradezu fürchten und das Bedürfnis haben, ein postkoloniales Minderwertigkeitsgefühl zu überspielen. In den Amtsjahren des Premierministers Mahathir Mohamad von 1981 bis 2003 wurde das moderne Malaysia der wirtschaftlichen Zuwachsraten geschaffen, das sich mit Putrajaya eine neue Vorzeigestadt leistete, eine Vielzahl von Prestigebauten in den Himmel wachsen ließ, die nationale Automarke "Proton" auf die Straßen brachte, auf Hightech setzte und mit fast süchtigem Verlangen nach Superlativen – am liebsten im Guinnessbuch registriert – wie ein stets verkanntes Kind dem Rest der Welt zeigen will, was der überall propagierte Slogan mitteilt: "Malaysia boleh – Malaysia kann‘s." Das ist im regierungsoffiziellen Verständnis stets als "Malaien können es – auch!" auffordernd an deren Adresse gerichtet.

"Von Geschäften verstehen die Bumis nichts", sagt dagegen der chinesische Unternehmer in Ipoh, "woher auch, die sind ihren Kampung gewöhnt und werden von Staats wegen bevorzugt. Beim Quotensystem an Schulen und Universitäten zählt nicht Leistung, sondern familiäre Herkunft. Wer malaiische Eltern hat, braucht sich weniger anzustrengen. Was bleibt also chinesischen Eltern anderes übrig, wenn sie es sich leisten können, als ihre Kinder in eigene Schulen und Institute oder schließlich zum Studium ins Ausland zu schicken." Der Mann sagt das ohne Erregung und in der pragmatischen Einstellung, die Grundregeln Malaysias nicht ändern zu können, sondern sich ihnen anzupassen und nach Nischen des eigenen Vorteils zu suchen. Uralte Überlebenstechnik, die offenbar Chinesen in Malaysia zur hohen Kunst entwickelt haben.

"Malaien haben keine Dialog-Kultur"

Er stammt aus Johor, lebt in Ipoh und macht Geschäfte in Kuala Lumpur. Ein Mann Mitte 50, der kantonesisch, englisch und malaiisch spricht, in Australien studiert hat und die Selbstsicherheit ausstrahlt, die von verlässlichen Familienbanden und einem ordentlichen Einkommen getragen wird. "Wir sind in der Politik vertreten, haben eine chinesisch-orientierte Partei, wir haben chinesische Minister in der Regierung, aber die können gar keine wirklich eigenständige oder oppositionelle Politik betreiben, weil auch sie eingebunden sind in das von Malaien und ihrem Islamverständnis festgelegte System", fasst er seine Analyse zusammen, "wir werden nicht eigentlich diskriminiert. Unser Anteil am Wirtschaftsaufkommen ist unsere Stärke. Aber es ist immer wieder spürbar, wie uns die Bumis kleinreden wollen. Ein chinesischer Tempel darf nicht höher als eine Moschee sein. Vor Jahren schon wurden die Feuerwerkskracher am chinesischen Neujahrfest verboten, angeblich aus Sicherheitsgründen; doch es ist ein uralter chinesischer Brauch, der den Malaien nicht gefällt."

Das Gespräch hat sich in einer Bar von Ipoh ergeben. "Ich habe muslimische Freunde", greift er den Faden wieder auf, "geschäftlich und auch privat. Man hat aus unterschiedlichen Gründen miteinander zu tun, hat Sympathien, Antipathien, das ist ja alles menschlich. Aber ich stoße dann doch immer an Grenzen. Nehmen Sie eine Einladung als Beispiel. Wenn wir in unserem Hause Muslime zu Gast haben, dann ist da stets das leidige Thema Essen und Trinken. Halal muss das sein, selbstverständlich kein Alkohol. Aus purer Angst, es könnten in unseren Töpfen ein Hauch von Schweinefett sein oder andere unreine Zutaten, essen die dann gar nichts und trinken bestenfalls einen Schluck Wasser. Na, solche Einladungen werden kaum wiederholt. So bleibt jeder in seiner Umgebung, da, wo er sich wohlfühlt." Sagt‘s und bestellt ein weiteres Bier.

Ortswechsel. Eine Hotellobby in Penang. "Die Malaien haben keine Dialog-Kultur", sagt der Advokat aus chinesischer Familie, "abgesehen von intellektuellen Ausnahmen und Malaien mit Auslandserfahrung fühlen sie sich bei einer kritischen Diskussion stets verunsichert. Eine Meinung zu vertreten, Argumente auszutauschen, als Individuum den Mund aufzumachen, ist nicht ihre Sache. Mit der Tradition der ländlichen Lebensweise fühlen sie sich im Kampung geborgen und sind zufrieden. Die Stadt ist Herausforderung, ist Konkurrenz. Die wird nicht angenommen, sondern löst das Gefühl der Unterlegenheit aus. So sind die vielen Sonderrechte zu erklärten, die die Malaien in ihrer Position als Staatsvolk und Inhaber der politischen Macht für sich geschaffen haben." Der Rechtsanwalt, Anfang 60, der selbst politische Ämter bekleidete und zur einflussreichen Elite zählt, stellt das nüchtern fest. "Natürlich bestehen die vor Jahrzehnten eingeführten Privilegien fort, die nicht allen Malaien gleichermaßen zugute kommen, aber doch ihre besondere Stellung in der Gesellschaft insgesamt absichern. Dieses Selbstverständnis wird mit dem Islam verbunden, woraus Malaien ihre Identität ableiten."

Der Advokat versteht zu differenzieren: "In brenzligen Situationen erfolgt stets der Rückzug in die eigene Gruppe, Rasse, Religion. Das gilt für alle in Malaysia. Deshalb hat die Religionszugehörigkeit eine so große Bedeutung. Sie werden hier kaum ein Prozent unter der Bevölkerung finden, die sich als Atheisten bezeichnen." Er schaut durch die starken Gläser seiner randlosen Brille. Ein von Berufs wegen redegewandter Mann, schlagfertig, mehrsprachig, gebildet mit Auslandserfahrungen, genau der Typ, dem sich Malaien unterlegen fühlen können. Er macht in Gesten und Bemerkungen deutlich, dass sie dazu wohl auch allen Grund haben sollten. Der Mann des Rechts bezieht die Weltgeschichte in seine Deutung malaysischer Gegebenheiten ein und erwähnt die englische Königin Elizabeth I. Die habe schon im 16. Jahrhundert Politik und Religion nicht nur miteinander vermischt, sondern auch in dieser Kombination missbraucht, sagt er und fügt lachend an: "So ist das auch hier bei uns."

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Erst mal essen: Tipps für den malaysischen Alltag

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