Donnerstag, 23. Mai 2019

Business in Malaysia Die kleinen Unterschiede

Müssen sich die so genannten Bumiputera, die "Söhne des Bodens", weniger anstrengen als die Chinesen, die Inder und die anderen Nicht-Malaien? Das ist nicht die Frage eines überheblichen Europäers. Das ist eine Frage, die immer wieder öffentlich von malaiischen Politikern gestellt wird - um sie dann heftig zu verneinen.

So beispielsweise geschehen bei der Third International Conference on Malay Civilisation in Kuala Lumpur, als der stellvertretende Ministerpräsident Datuk Seri Najib Razak im Februar 2007 der malaiischen Bevölkerung staatstragenden Fleiß bescheinigte und das Stigma angeblicher Faulheit als "baseless myth" bezeichnete.

Mach mal Pause: Chinesische Manager auf einer Wiese
Was ausländischen Beobachtern als kurios erscheinen mag, trifft einen Nerv innerstaatlicher Befindlichkeit. Denn eine solche Bemerkung bezieht sich ja eben nicht auf alle Bürger Malaysias, sondern auf die Malaien, die laut offizieller Statistik etwa 55 Prozent der gesamten Bevölkerung stellen, Tendenz steigend. Sie vom Vorwurf träge zu sein loszusprechen, heißt im Umkehrschluss, andere Bevölkerungsgruppen seien vorbildhaft die emsigeren im Lande. Das sind die Chinesen mit einem Anteil von knapp 30 Prozent, Tendenz sinkend, die Inder mit knapp 10 Prozent und 5 Prozent andere Volksgruppen. Die multi-ethnische Vielfalt in solcher Zusammensetzung gehört zu den Besonderheiten Malaysias; und die Fragen, was die Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen verbindet und was sie trennt und wer da womöglich fleißiger ist als die anderen, sind seit den Anfängen staatlicher Gemeinsamkeit umstritten. Wer dies diskutiert, analysiert und kommentiert, betritt spannungsvolles, vermintes Gelände gesellschaftspolitischer Empfindlichkeiten.

Die meisten meiner Gesprächspartner sind spontan bereit, das friedliche, harmonische Zusammenleben der Malaysier zu loben. Oft klingt so etwas sprechblasenhaft einstudiert, als müsse eine böse Erinnerung vergessen werden. Das nationale Trauma von 1969 sitzt tief. Die Wahlen im Mai jenes Jahres, bei denen die Chinesen einen Machtzuwachs zu verzeichnen hatten und sich die Malaien weiter zurückgedrängt sahen, lösten Rassenunruhen aus, deren Ursachen zum größten Teil in der ungleichen Verteilung des Reichtums und der wirtschaftlichen Dominanz der Chinesen zu suchen waren. Ein Konflikt mit langer Vorgeschichte entlud sich in Gewalt. Die Zahl der umgebrachten Chinesen ging in die Hunderte, die der getöteten Malaien wurde offiziell mit 25 beziffert.

Danach wurde die staatliche Politik verstärkt auf die Förderung der malaiischen Bevölkerung eingestellt. "New Economic Policy", hieß das Programm. Bumiputera erhielten Quoten für Stipendien, Schulen und Universitäten, günstige Kredite für Haus- und Autokauf, erleichterte Startbedingungen für Firmengründungen. Die malaiische Sprache, Bahasa Melayu, wurde zur nationalen Sprache erklärt. Das umfassende Aufholprogramm für Malaien sollte sie aus der Ecke der wirtschaftlichen Unterrepräsentanz herausholen. Mit der zunehmenden Betonung des Islam in den vergangenen dreißig Jahren, den zahlreichen Moschee-Neubauten und der sichtbaren islamischen Beteiligung in Staat und Gesellschaft wurden die Gleichsetzung von Malaie und Muslim und die Festschreibung des Islam als Staatsreligion zum Leitbild Malaysias, an dem sich auch alle Non-Bumiputera auszurichten haben. "Balanced development" heißt das offiziell.


Rüdiger Siebert: "Vision Malaysia - Multikulti, Malls, Moscheen"; Horlemann Verlag, März 2008, 254 Seiten, 14,90 Euro.
Die wirtschaftlichen Erfolge Malaysias sprechen für sich. Es ist ein von der Natur reich ausgestattetes Land. Erdöl- und Erdgasvorkommen, tropische Regenwälder, Palmölpflanzungen, verarbeitende Industrie, Herstellung elektronischer Bauteile und Tourismus bieten enorme Ressourcen. Nach den einschneidenden Defiziten der Asienkrise in den späten 1990er Jahren, die die so genannten Tiger-Staaten ins Trudeln brachte, wurde kräftig aufgeholt. Der jährliche Zuwachs der Wirtschaft liegt nun wieder um die sechs Prozent. Die Bumiputera sind heute weitaus stärker daran beteiligt als früher. Offizielle Zahlen spiegeln Veränderungen wider: 1970 hielten sie als Geschäftsleute gerade mal 2,4 Prozent der Unternehmen in Händen; 1990 waren es 20,3 Prozent; so von Claudia Derichs in ihrer verständnisvollen Studie mit dem sperrigen Titel "Nationalbildung in Malaysia als strategisches Staatshandeln. Bemühungen um die Schaffung nationaler Identität" herausgefunden.

Doch dabei gilt es, genauer hinzuschauen. Zum einen, sagen die Kritiker, habe das staatliche Förderprogramm letztlich nur eine Elite unter den Malaien bereichert. Zum anderen geben aktuelle Studien deutliche Hinweise, was von der geschäftstüchtigen Begabung der Bumis – so der populäre Ausdruck – zu halten ist: 85,3 Prozent der ihnen von Staats wegen eingeräumten und bevorzugt ausgestatteten Lizenzen und Verträge für Unternehmungen sind 2006 innerhalb weniger Monate an Non-Bumiputera weiterverkauft worden. Zu diesem Ergebnis kam eine regierungsamtliche Untersuchung. Solche Transaktion wird "Ali-Baba-Partnership" genannt: Ali für malaiisch, Baba für chinesisch, denn jedermann weiß, dass die Wirtschaft weiterhin von den Chinesen dominiert wird und Malaien oft nur Frühstücksdirektoren sind.

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