Malaysia-Knigge "Der Kopf ist tabu"

Wer in Malaysia erfolgreich Geschäfte machen will, muss sich mit den Etiketteregeln des Landes auskennen. Die selbstständige Beraterin Anke Weier sagt im Gespräch mit manager-magazin.de, warum Small Talk so wichtig ist, man Kindern nicht über die Haare streichen sollte und Messer nie auf den Tisch gehören.
Von Karsten Langer

mm.de: Wie sollte man sich als Deutscher verhalten, wenn man in Malaysia privat eingeladen wird?

Weier: Es ist empfehlenswert, die Schuhe im Wohnbereich auszuziehen, diese Sitte ist in ganz Asien üblich. Sie entstammt aus den asiatischen Sauberkeitsregeln und der Symbolik: Was draußen an Schmutz ist, lässt man draußen. Die Begrüßung ist hierarchisch geprägt, besonders bei einer muslimischen Familie. Von einem Mann wird nicht erwartet, dass er in Schlips und Anzug erscheint, eine gute Jeans und ein kurzärmeliges Hemd sind durchaus angemessen. Kurze Hosen sind verpönt, das wird als respektlos angesehen. Wenn man eingeladen wird, ist das ein Zeichen großen Vertrauens und eine Ehre.

mm.de: Unabhängig davon, ob man privat eingeladen wird oder ins Restaurant?

Weier: Privat eingeladen zu werden, ist natürlich noch einmal eine Stufe ehrenvoller. Man sollte aber darauf vorbereitet sein, dass eventuell noch andere Gäste spontan eingeladen wurden, die aus der Sicht des Gastgebers für den Gast interessant sein könnten.

mm.de: Wie ist der Dresscode für Frauen?

Weier: Als Frau ist es ratsam, einen langen Rock oder eine lange Hose zu tragen. Es kommt häufig vor, dass man auf Kissen auf dem Boden sitzt, die Kleidung sollte daher bequem sein. Körperbetonte Kleidung wird als unangemessen und respektlos empfunden.

mm.de: Werden die Plätze zugewiesen, oder setzt man sich hin, wo man will?

Weier: Üblicherweise wird dem Gast der beste Platz zugewiesen. Man sollte warten, bis man an seinen Platz geleitet wird und sich nicht einfach hinsetzen. Es gehört in Malaysia zum guten Ton, dass der Gast hofiert wird. Dem Gastgeber macht es Spaß, sich um seine Gäste zu kümmern.

mm.de: Wird ein Toast ausgebracht, wenn alle sitzen?

Weier: Nicht unbedingt. Üblicherweise werden erst einmal Getränke angeboten, dann fängt der Small Talk an, und danach kommen die Vorspeisen. Es wird sehr viel geredet, eher über Banalitäten. Auf eine entspannte Atmosphäre wird sehr viel Wert gelegt. Meistens köchelt irgendein Essen auf dem Herd, was auch dazu führt, dass die Gastgeberin sehr beschäftigt ist. Ein ausgiebiges Mahl kann sehr lange dauern, man sollte also viel Zeit mitbringen. Erst während des Essens wird meistens sowohl vom Gastgeber als auch vom Gast ein beidseitiger Toast ausgesprochen. Der Gast sollte sich in seinem Toast, dem Gastgeber zugewandt, für die Ehre der Einladung bedanken.

mm.de: Worüber wird am liebsten geredet?

Weier: Vom Gast wird erwartet, dass er etwa über seine Erlebnisse im Land redet, wo er war und wie es ihm gefallen hat. Kritik sollte man vermeiden, um den Gastgeber und seine Heimat nicht zu kränken. Angebrachter ist es, die positiven Seiten des Erlebten zu beschreiben.

"Über Aberglauben wird selten gesprochen"

mm.de: Welche Art von Kritik meinen Sie?

Weier: Deutsche lassen gerne in ihren Beschreibungen durchklingen, dass in Deutschland vieles geordneter und vieles besser ist. Solche Äußerungen sind respektlos und stören die Harmonie, und die Harmonie ist einer der höchsten Werte in Malaysia. Auch vom Gast wird erwartet, dass er für eine harmonische Atmosphäre sorgt und Feinfühligkeit beweist.

mm.de: Welche Rolle spielt das Thema Familie beim Tischgespräch?

Weier: Eine sehr wichtige, denn sie hat einen hohen Stellenwert in Malaysia. Es wird über die Kinder geredet, etwa, wo sie zur Schule gehen oder welche Hobbys sie haben. Die Kinder selbst wird man am Tisch kaum zu Gesicht bekommen, sie halten sich meistens dezent im Hintergrund. Wenn die Kinder vorgestellt werden, sollte man nicht auf die Idee kommen, ihnen über das Haar zu streichen. Das gilt als Tabu. Ab dem Schulterbereich aufwärts ist ein heiliger, nicht antastbarer Bereich. Der Aberglauben besagt, dass sich über dem Kopf ein Schutzschein befindet, der nicht zerstört werden soll. Über Aberglauben wird selten gesprochen, da es den Malaien gegenüber den Westlern als peinlich erscheint. Das gilt für Chinesen und Inder gleichermaßen.

mm.de: Wird auch über Privates geredet?

Weier: Das kommt darauf an, wie man den Begriff definiert. Man redet allgemein über die Kinder, die Eltern, Onkel und Tanten, aber Probleme, wie man es aus Deutschland kennt, werden nicht besprochen. Dieser Privatbereich bleibt außen vor.

mm.de: Bleibt das auch so, wenn man einen Malaien sehr gut kennt?

Weier: Problembesprechungen werden vonseiten der Gastgeber kaum während einer solchen Einladung stattfinden. Spricht der Gast eines an, wird es galant von den Malaien auf einen anderen Zeitpunkt verlagert. Was nicht heißen soll, dass es dadurch in Vergessenheit gerät oder als unwichtig angesehen wird. Wenn man sich sehr gut kennt, kann es schon sein, dass Probleme angesprochen werden, aber dann auf sehr dezente Art. Die Chinesen benutzen für diese Art der Beziehung das Wort "Herzensaustausch", das zeigt, dass man sehr tiefes Vertrauen zueinander haben muss.

"Autos sind ein ganz beliebtes Thema"

mm.de: Welche Rolle spielen die Frauen?

Weier: Die Gastgeberin hält sich normalerweise mehr im Hintergrund. Das ändert sich nur, wenn der Gastgeber sie mit einbezieht.

mm.de: Wie sollte sich die Frau des Gastes verhalten?

Weier: Auch hier wird Zurückhaltung erwartet - vor allem, wenn man bei traditionellen Familien eingeladen ist. Ist man dagegen bei Bekannten zu Besuch, die sich mehr in einem internationalen Umfeld bewegen, kann die Frau des Gastes - also meistens die Gattin - durchaus eingebundener sein. Vor allem bei Expatriats spielt die Partnerin in Malaysia eine herausragende Rolle. Bei Einladungen dieser Art wird unausgesprochen erwartet, dass sie mitkommt und den Familienkontext unterstreicht. Sollte die Partnerin einmal ernsthaft verhindert sein, kann deren Kind in Vertretung gehen. Auch das Kind sollte sich entsprechend der Sitten und Gebräuche verhalten.

mm.de: Redet man über Statussymbole?

Weier: Autos sind ein ganz beliebtes Thema. Viele Malaien kennen sich mit den deutschen Marken sehr gut aus. Audi, Mercedes und BMW gelten als Statussymbole und haben einen sehr guten Ruf.

mm.de: Was bringt man als Gastgeschenk mit?

Weier: Mit Delikatessen kann man nicht viel falsch machen. Die sollten dann aber im jeweiligen religiösen Sinne ausgewählt sein. In Malaysia ist ein Großteil der Bevölkerung muslimisch geprägt, dort sollte man auf die Essgebote achten. Das würdigen die Gastgeber auch, wenn man darauf Rücksicht nimmt. Blumen dagegen werden oft verbunden mit dem Tod.

mm.de: Meinen Sie mit Delikatessen eher Pralinen oder Kaviar und Austern?

Weier: Süßigkeiten und Obst sind sehr beliebt. Eine besondere Freude macht man seinen Gastgebern, wenn man originale Spezialitäten aus Deutschland mitbringt. Das können Nürnberger Lebkuchen sein oder Marzipan aus Lübeck.

"Messer gelten als Waffe"

mm.de: Wie sieht eigentlich die traditionelle malaiische Küche aus?

Weier: Sie ist eine sehr schmackhafte und durch die Vielfalt der asiatischen Gewürze bestimmte Küche. Hühner-, Hammel-, Rind und Ziegenfleisch werden sehr gern gegessen. Satay, gegrillte Fleischspieße mit Erdnusssauce sind eine gute Alternative, wenn man etwas empfindlich auf die Chilischärfe reagiert. Das Hammelfleisch finde ich persönlich gewöhnungsbedürftig, Hammel kann fett sein und hat einen sehr eigenen Geschmack. Neben Curry, Chili und Zitronengras ist ein weiteres wichtiges Gewürz der frische Koriander.

mm.de: Was macht man, wenn man das Essen partout nicht mag?

Weier: Ein paar Häppchen sollte man auf jeden Fall essen, und wenn es nur die Suppe oder der Reis ist. Es wäre respektlos, zu sagen, dass das Essen nicht schmeckt. Lieber wird diskret erwidert, dass man gerade unter einer Magenverstimmung leidet oder Ähnlichem. Es empfiehlt sich, auf jeden Fall ein kleines Bisschen auf dem Teller übrig zu lassen. Ansonsten fühlt sich der Gastgeber aus Gastfreundschaft genötigt, den Teller sofort nachzufüllen.

mm.de: Muss man mit Stäbchen essen?

Weier: Nein, Stäbchen sind in Malaysia eher unüblich. Normalerweise werden die Gerichte mit der rechten Hand gegessen, die linke wird vermieden, da sie als "unrein" gilt. Kleine Wasserkrüge und Fingerschalen sind zur Reinigung der Finger vorgesehen. Eine Gabel und ein Löffel dienen als Essbesteck. Dabei übernimmt der Löffel auch die Funktion des Zerteilers, was sehr einfach zu bewältigen ist, da das Essen schon aus kleinen Teilen besteht. Das Essen wird auf die Gabel genommen, und der Löffel hat hier nur eine unterstützende Rolle. Messer als Essbesteck sind dagegen verpönt, sie gelten in Asien als Waffe. In westlich orientierten Restaurants oder Familien gehören aber mittlerweise auch Messer und Gabel zum Gedeck.

mm.de: Was wird getrunken?

Weier: Viel Tee, Wasser und Säfte.

mm.de: Was passiert, wenn man seinen Gastgeber während eines Gesprächs versehentlich kränkt?

Weier: Die Malaien würden das erst einmal übergehen. Einem Ausländer wird viel verziehen. Wenn man sich allerdings einen Fauxpas nach dem anderen leistet, würde man Sie nicht mehr einladen. Der Kontakt würde abbrechen, die Gastgeber ziehen sich zurück.

"Kein offener Streit"

mm.de: Eine Auseinandersetzung fände nicht statt?

Weier: Nein, es gäbe keinen offenen Streit. Auch einer direkten Frage würden Malaien ausweichen. Die letzte Möglichkeit wäre, einen Mittelsmann einzuschalten. Der müsste dann allerdings sehr sensibel vorgehen. Es ist sehr schwierig, in so einem Fall die Harmonie und die Nähe wiederherzustellen.

mm.de: Wie sollte man sich verhalten, wenn man als Chef bei einem Angestellten eingeladen ist?

Weier: Das ist natürlich ein Spagat zwischen dem Chefstatus und dem Gaststatus. Aber es ist ja nicht notwendig, seine übergeordnete Position hervorzukehren. Der dezente und respektvolle Umgang wäre eine gute Vorraussetzung für eine längere Beziehung.

mm.de: Ist das nicht eine Form von künstlicher Gleichmacherei?

Weier: Nein, gemeint ist damit der gegenseitige Respekt. Er ist die Basis für eine gute Kommunikation und einen Beziehungsaufbau. Respekt wird im Kontext mit der Würde des Menschen gesehen und erwartet, uneingeschränkt von der hierarchischen Position. In diesem Fall, auch wenn der Gastgeber in der Hierarchie ein, zwei oder drei Stufen niedriger angesiedelt ist.

mm.de: Kann es einem passieren, dass der Gastgeber einen in schwierigen Fragen um Rat fragt?

Weier: Ja und nein. Es hängt vom Frageninhalt ab. Wenn um Rat gefragt wird, dann kaum in einer direkten Form. Das Thema, aus dem sich die schwierige Frage stellt, wird erst einmal allgemein angesprochen. Dezent kommen dann weitere Fragen, deren Antworten dann im Zusammenhang gesehen werden. Diese vorsichtige Herangehensweise gibt dem Beantworter auch Raum, sein Gesicht zu wahren.

mm.de: Man bleibt also während eines Besuchs am besten beim Small Talk?

Weier: Small Talk wird in Malaysia, auch in anderen Ländern Asiens, schon als Big Talk angesehen, denn er ist ja Teil der Beziehungspflege. Deswegen sollte man sich auch als Chef hüten, Probleme aus der Firma ins Private zu tragen.

mm.de: Wird erwartet, dass man eine Gegeneinladung ausspricht, wenn man sich verabschiedet?

Weier: Ja, das ist in Asien ein Teil des Gleichgewichts von Geben und Nehmen und Teil des Beziehungsaufbaus. Ob die Einladung tatsächlich wahrgenommen wird, steht auf einem ganz anderen Blatt.

mm.de: Wird eine Einladung in die Privatwohnung erwartet, selbst wenn diese sehr beengt ist?

Weier: Wenn die Wohnung - vor allem bei Menschen, die gerade erst nach Malaysia gezogen sind - beengt ist, kann man gerne in ein Restaurant ausweichen. Von einem Chef wird aber schon erwartet, dass er irgendwann eine repräsentative Wohnung oder ein Haus hat, und natürlich ist es eine besondere Ehre, dorthin eingeladen zu werden.

Erst mal essen: Tipps für den malaysischen Alltag

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