Warren-Buffett-Biografie Die innere Bilanz

Jüngst sorgte Warren Buffett mit seinen Beteiligungen an Goldman Sachs und General Electric wieder für Aufsehen. Mitten in der Finanzkrise wurde der legendäre Investor für viele zum Hoffnungsbringer. Nun hat das "Orakel von Omaha" der Autorin und Morgan-Stanley-Analystin Alice Schroeder die Geschichte seines Lebens erzählt. manager-magazin.de präsentiert Auszüge aus der Buffett-Biografie "Das Leben ist wie ein Schneeball".

Washington, D.C., 1975 bis 1976

Eines Tages Anfang 1975 kam Susie Buffetts Freundin Eunice Denenberg vorbei und setzte sich auf das von Hundehaaren bedeckte Sofa im Wohnzimmer. Susie drehte ihr den Rücken zu und schaltete das Tonbandgerät ein. Dann sang sie. Denenberg gefiel es. Sie sprachen über Susies Traum, professionell zu singen, aber sie war zu schüchtern, um selbst etwas dafür zu tun. Denenberg ging heim. Am nächsten Tag rief sie Susie an und sagte: "Hier ist dein Agent." Sie engagierte Bob Edson, einen Musikdozenten am Midland College, um eine Band zusammenzustellen und Susie einen Auftritt im Steam Shed zu verschaffen, einem Nachtclub in Irvington, der kleinen Stadt in den Außenbezirken Omahas, wo sie und Dottie im Kirchenchor ihres Vaters gesungen hatten. Susie war nervös, aber der Rest der Familie war begeistert. Nur Doc Thompson hatte seine Zweifel und sagte: "Ich weiß nicht, warum du in Bars singen willst."

Bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt vor etwa 35 Freunden war Susie so nervös, dass sie Warren bat, nicht zu kommen. Sie redete und begrüßte die Leute in einem langen Paillettenkleid, bis Denenberg sie auf die Bühne schob. Die Auswahl ihrer Lieder war gefühlvoll, leidenschaftlich und romantisch: Aretha Franklins "Call Me", Sinatras "You Make Me Feel So Young", "You’ve Made Me So Very Happy" von Blood Sweat & Tears und eines ihrer Lieblingslieder "The First Time Ever I Saw Your Face" von Roberta Flack. Susie hatte das Gefühl, dass das Publikum auf ihre Wärme reagierte und sie ihr zurückgab.

Wenn sie vor einigen Leuten in intimem Rahmen sang, befriedigte sie das ebenso wie wenn sie mit einzelnen Personen engen Kontakt fand. Das war ihre spezielle Begabung, verstärkt und verwandelt. Sie wollte Cabaret-Sängerin werden.

Ein paar Wochen später musste Susie die Proben für ihren nächsten Auftritt allerdings unterbrechen und nach Carmel in Kalifornien fahren, um ihrer Schwägerin Bertie beizustehen, deren jüngste Tochter Sally wegen eines Hirntumors im Sterben lag. Berties Ehe mit Charlie Snorf ging daran zugrunde.

Als Sally starb, entdeckte Bertie, dass diese Tragödie ihre eingefrorenen Emotionen befreite. "Sally war ein wunderbares Kind, erstaunlich, intuitiv, und für ein siebenjähriges Mädchen wusste sie so seltsam viel über Menschen und Gefühle", sagt Bertie. "Einmal sagte sie mir: 'Mama, du und Papa seid einsam miteinander.' Wenn jemand stirbt, der einem sehr nahesteht, hat das meiner Meinung nach etwas zu bedeuten. Als Sally starb, konnte ich mir meine eigenen Gefühle nicht mehr verheimlichen. Es war, als hätte ich einen Kupferdraht im Herzen, und von da an konnte ich meine Gefühle nicht mehr verbergen." Bertie hatte schon immer eine besondere Beziehung zu Susie gehabt, aber als sie nach Sallys Tod ihr Herz öffnete, erreichte ihre Verbindung ein anderes Niveau. "Ich liebte Susie, und sie war sehr wichtig für mich", sagt Bertie. "Sie war der einzige Mensch, mit dem ich über meine Gefühle sprechen konnte, als das mit keinem anderen Mitglied meiner Familie möglich war."

Ihr Bruder reagierte allerdings anders auf den Tod seiner Nichte. Er rief einige Freunde an, die die Buffetts in Laguna besucht hatten, und erzählte ihnen von Sally. "Wir waren so schockiert, weil wir ein, zwei Wochen zuvor noch zusammengewesen waren", sagt Mary Holland. "Ich fragte ihn, was geschehen war. Er sagte, er könne nun nichts mehr sagen und legte den Hörer auf."

"Ich benehme mich wie Tom Sawyer"

Es gab damals viele Dinge, die Warren von seinen Gefühlen ablenkten. Die Nachforschungen der SEC gingen ihrem Ende entgegen. Von Kay Graham war er so fasziniert, dass er buchstäblich nicht genug von ihr bekommen konnte. Wenn Warren von etwas Neuem – oder besonders von jemand Neuem – besessen war, konnte er an nichts anderes mehr denken. Die betreffende Person empfand dies als herzliche, schmeichelhafte und sogar überwältigende Aufmerksamkeit. Wenn es aber um Geschäfte ging, konnte er in Sekundenbruchteilen wieder umschalten. Munger sagte: "Buffett ließ seine kleineren Leidenschaften niemals mit seinen größeren Leidenschaften in Konflikt kommen."

Katharine Graham zählte allerdings nicht zu den weniger bedeutenden Leidenschaften. Kurz zuvor hatte er ausprobiert, was bei einer Begegnung von Graham und Munger geschehen würde, dem größten Klugscheißer, den er kannte. "Wenn ich Kay sagte, sie müsse bestimmte Aufgaben erledigen, dann war sie sehr pflichtbewusst. Wenn ich ihr sagte, sie solle einige fürchterlich komplizierte Finanzberichte lesen, dann tat sie es. Und dann sagte ich ihr, sie solle sich mit Charlie treffen. Schließlich besuchte sie ihn in Los Angeles. Da saß sie also in Charlies schäbigem Büro und zog einen gelben Notizblock hervor, um sich Notizen darüber machen zu können, was er sagte. Charlie liebte die Vorstellung, dass alles, was er sagte, so wichtig war, dass die mächtigste Frau der Welt es so schnell notierte, wie er es aussprach."

Munger konnte der Versuchung nicht widerstehen, ein wenig damit anzugeben. Er korrespondierte mit Graham und schrieb ihr: "Sie versetzen mich um mindestens dreißig Jahre zurück, ich benehme mich wie Tom Sawyer gegenüber Becky Thatcher, und ich denke, dass Warren für uns beide verrückt genug ist."

Aber so unbesonnen Warren sich ihr gegenüber auch benahm, brachte er ihr doch auch wirklich etwas bei. "Kay wollte, dass ich ihr etwas über Bilanzen und Buchhaltung beibrachte. Ich brachte also Jahresberichte mit nach Washington, und sie sagte: 'Oh, Warren, schon wieder diese Lektionen.' Ich war also wieder Lehrer." Ihren Sohn Don hielt er für "unglaublich intelligent", mit "einem fotografischen Gedächtnis, wie ich es noch nie bei einem Menschen gesehen hatte". Um die Familie zu beruhigen, hatte er Don zu seinem Stellvertreter bei Abstimmungen ernannt. Er wohnte nun in Kays Haus, wenn er zu den monatlichen Sitzungen des Verwaltungsrats nach Washington kam. Ihr gefiel nicht, wie er sich anzog, aber er sagte ihr, er ziehe sich ebenso gut an wie Don. "Er und ich waren eine Art gemeinsame Front."

Buffett hatte auch den Eindruck, Kay sei "sehr, sehr klug. In vielerlei Hinsicht weise, solange es nicht um die Themen ging, bei denen sie verwundbar war. Aber sie hatte ein tiefes Verständnis für Menschen." Als sie vertrauter miteinander wurden, glaubte er ihr einiges darüber sagen zu können, wie sie sich dem Verwaltungsrat präsentierte. Er wusste, dass sie weniger hilfebedürftig war als sie glaubte. Eines Tages nahm er sie beiseite und sagte: "Sie können den Verwaltungsrat nicht immer um Hilfe bitten. Das ist nicht die Position, die Sie sich wünschen." Und so, sagt Buffett, änderte sie ihr Verhalten.

Die Zigarrenstummel- Philiosophie

Die geschäftlichen und persönlichen Beziehungen zwischen den Grahams und Buffett waren nun so eng, dass Warren Katharine und Don 1975 zum Treffen der Graham-Gruppe einlud. Don beeindruckte die anderen Gäste mit seiner unprätentiösen Art und steigerte seinen ohnehin schon hohen IQ. Viele Leute durchblickten Kays sprödes, patrizierhaftes Auftreten, ihre Verletzlichkeit und Demut, die sie zu Warren hingezogen hatten. Daher passte sie gut zu den meisten anderen Tagungsteilnehmern, trotz ihres königlichen Auftretens, ihrer Weltläufigkeit und ihrer Beziehungen. Sie bemühte sich aufrichtig, mit jedem auszukommen – obwohl ihre tiefe Überzeugung, Männer seien Frauen weit überlegen, von den Damen bei diesem Treffen nicht geteilt wurde.

Die wunderbar gekleidete und frisierte Graham setzte sich mit einem Cocktail in der Hand zwischen die Männer. Jemand äußerte eine politische Meinung, und sie antwortete: "Henry sagt das und das" – womit Henry Kissinger gemeint war. Es war unmöglich, von ihr nicht beeindruckt zu sein.

Susie Buffett sang bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal für die Graham-Gruppe in Hilton Head. Bill Ruane zeigte den Chart des Goldpreises, der fünf Jahre lang stärker gestiegen war als der Aktienkurs von Berkshire Hathaway. Er fragte – im Scherz, wie die anderen meinten –, ob er Edelmetall kaufen sollte. Es stellte sich heraus, dass er tatsächlich Goldmünzen gekauft und eine Menge Geld damit verdient hatte.

Henry Brandt zog Buffett in ein Nebenzimmer und bat ihn, ihm zu versprechen, dass der Aktienkurs von Berkshire nicht unter vierzig Dollar fallen würde. Im Oktober 1975 hatte die Aktie die Hälfte ihres Wertes verloren, nachdem sie zwei Jahre zuvor noch 93 Dollar gekostet hatte. "Sehen sie, ich schätze Sie sehr", sagte Buffett, "aber das kann ich Ihnen nicht versprechen." – "Die Welt geht unter", sagte Brandt – oder etwas in dieser Richtung. "Mein ganzes Vermögen ist in diese Aktie investiert."

Und der Weltuntergang setzte sich fort. Obwohl sich der Rest des Aktienmarkts erholte, war dies bei Berkshire nicht der Fall. Brandt geriet in Panik und rief Buffett an, der ihm vierzig Dollar je Aktie bot. Dann rief Brandt Walter Schloss an und sagte: "Warren zahlt mir vierzig Dollar, aber ich will fünfzig. Was soll ich tun?" Schloss war der letzte Zigarrenstummel-Champion. Bei den Treffen der Graham-Anhänger zogen ihn die anderen auf, weil er ein Depot voller bankrotter Stahlproduzenten und mittelloser Automobilzulieferer hatte. Schloss aber meinte, er möge keinen Stress und wolle nachts gut schlafen. Er prüfte die Unternehmen und wandte Grahams Philosophie in ihrer reinsten Form an. Spätnachmittags stand er um fünf Uhr von seinem Schreibtisch bei Tweedy Browne auf, und seine Resultate waren phänomenal.

Schloss war sehr enttäuscht, als Brandt ihm sagte, er wäre ohne die Berkshire-Aktien besser dran, denn das widersprach seiner Zigarrenstummel- Philiosophie. Schloss bearbeitete ihn zwei Stunden lang und sagte ihm, er habe den klügsten Vermögensverwalter der Welt, Warren verlangte kein Geld dafür, und ein Verkauf wäre ein riesiger Fehler. "Ich dachte, ich hätte ihn überzeugt", sagt Schloss. Aber die amerikanische Wirtschaft steckte damals in derartigen Schwierigkeiten, dass sogar die Stadt New York fast bankrott war. Der tiefe Pessimismus im ganzen Land beeinflusste das Urteilsvermögen der Menschen. "Am Montag rief er seinen Broker an", sagt Schloss. Und er begann zu verkaufen – die Aktien seiner Frau, nicht seine eigenen –, bis die Hälfte seiner Position weg war.

Kurz darauf weigerte sich Präsident Ford, der Stadt New York aus ihren wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu helfen. Die "New York Daily News" fasste die Gefühlslage der damaligen Zeit in einer riesigen Schlagzeile zusammen: "Ford sagt der Stadt: Stirb" ("Ford to City: Drop Dead"). Die Partner, die 1970 Berkshire-Aktien beim Kurs von etwa vierzig Dollar erhalten hatten, schienen fünf Jahre später keine Gewinne zu verzeichnen. Munger sagt: "Für unsere Aktionäre sah es so aus, als sei schon seit langer, langer Zeit nichts Gutes mehr passiert, und das entsprach nicht ihren früheren Erfahrungen. Auf dem Papier sah die Entwicklung schrecklich aus, aber die Zukunftsaussichten, sozusagen die innere Bilanz oder das wahre Business-Momentum, wurden immer besser."

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Warren Buffett: Die lebende Legende

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