Manager in Malaysia "Kumpelhaft geht gar nicht"

In Malaysia gelten für Führungskräfte andere Regeln: Nicht der smarte Manager hat Erfolg, sondern der friedensstiftende Regent. Mit den beiden Autorinnen Christiane Bier und Judith Kautz sprach manager-magazin.de über Hierarchien und Harmonie, Beziehungen und Betreuung und warum es hilfreich ist, eine große Familie zu haben.
Von Karsten Langer

mm.de: Ein potenzieller Geschäftspartner in Malaysia kann malaiischer, indischer oder chinesischer Herkunft sein. Muss man sich auf alle drei Kulturen einstellen?

Bier: Genau das ist die Herausforderung in Malaysia, dass man dort auf einen Chinesen, Inder oder Malaien treffen kann. Oder man trifft auf ein Team, das total gemischt ist. Das haben uns auch viele Deutsche berichtet. Den Malaien ist die Familien- und Beziehungsorientierung sehr wichtig. Grundsätzlich kann man sagen, dass die Chinesen karriereorientierter und pragmatischer sind. Außerdem haben Statussymbole für die malaysischen Chinesen einen höheren Wert.

mm.de: Wie sollte man sich in diesem Tohuwabohu verhalten? Gibt man sich die Hand, worüber redet man, was sind die Grundregeln?

Kautz: Eine Grundregel ist auf jeden Fall, dass man nicht zu schnell zum Geschäft kommen sollte. Es gab Fälle, so wurde uns berichtet, bei denen es ein halbes Jahr dauerte, bis man begann über konkrete Geschäfte zu sprechen. Vorher hat man sich kennengelernt, über Familie und Hobbys gesprochen. Wichtig ist, dass man erst einmal eine vertrauensvolle Beziehung aufbaut, bevor man zum Geschäftlichen kommt.

mm.de: Ist das nicht unglaublich irritierend für die pragmatischen Deutschen, die am liebsten nach einem Tag die Unterschrift unter den Vertrag setzen würden?

Kautz : Sicher. Aber das müssen deutsche Manager auf jeden Fall vorher wissen, sonst können Geschäfte schnell platzen.

mm.de: Welche Rolle spielt der Islam?

Kautz : Der Islam ist in der Verfassung verankert und damit Staatsreligion. Trotzdem ist Malaysia eine stark multikulturelle Gesellschaft mit einer großen Religionstoleranz. Malaien, indisch- und chinesischstämmige Malaysier leben friedlich zusammen. Man sollte sich als deutscher Manager mit allen drei Kulturen beschäftigen und sich entsprechend ihrer kulturellen Wurzeln mit seinen Mitarbeitern auseinandersetzen. So wird etwa der muslimisch geprägte Mitarbeiter während des Arbeitstags seine Gebetszeiten einhalten wollen. Man muss als Chef flexibel reagieren können.

mm.de: Hat der Islam faktischen Einfluss auf das Geschäftsleben?

Kautz: Während des ganzen Ramadan ist das Geschäftsleben ein bisschen weniger aktiv. Moslems dürfen nichts essen, bis die Sonne untergegangen ist. Deswegen kann es schon vorkommen, dass muslimische Geschäftspartner, wenn man Termine am Nachmittag macht, ein bisschen geschwächt und nicht mehr fähig sind, dem Gespräch konzentriert zu folgen. Deswegen sollte man die Termine wenn möglich lieber auf den Vormittag legen.

mm.de: Gilt das auch für höhergestellte Manager oder eher für Angestellte im mittleren und im unteren Segment?

Bier: Das gilt eher für Angestellte. Bei Managern kann es natürlich auch vorkommen, dass sie sich strikt an den Koran halten. Aber diejenigen, die sehr international arbeiten, passen sich zunehmend den internationalen Gepflogenheiten an.

Familie und Karaoke

mm.de: Was ist den Malaien wichtig?

Kautz : Die Malaien sind sehr familienorientiert, die Familie hat für sie einen sehr hohen Wert. Die materiellen Dinge sind ihnen weniger wichtig.

mm.de: Wird von einem erwartet, das man ganz offen über die Familie spricht?

Bier: Das kann durchaus passieren, sodass man sich darauf vorbereiten sollte. Das haben wir während unseres Aufenthalts in Malaysia auch erfahren. Regelmäßig wurden wir gefragt, ob wir verheiratet sind und Kinder haben. Wenn man zu diesem Thema nichts sagen kann oder möchte, sollte man allgemein von seiner eigenen Familie, von Geschwistern, Eltern oder Großeltern erzählen. Nichts zum Thema Familie zu sagen, wirkt auf Malaysier sehr befremdlich. Das gilt für Inder, Chinesen und Malaien gleichermaßen.

mm.de: Dann sollte man also lieber über Eltern und Geschwister reden als das Thema auszuklammern?

Kautz : Es hilft, über Familie generell zu sprechen. Selbst wenn man nicht verheiratet ist und keine Kinder hat und auch keine Kinder bekommen möchte. Dann kann man zum Beispiel einige Fotos von der Familie zeigen, das ist immer super. Die Hauptsache ist, es sind viele Menschen auf dem Bild zu sehen. Familienfeste sind besonders beliebt, mit Fotos von Familienfeiern kann man viel Freude bei Malaysiern ernten. Dass man ohne Trauschein als Paar zusammenlebt oder keine Kinder haben möchte können Malaysier nicht verstehen.

mm.de: Was sind die üblichen Begrüßungsrituale?

Bier : Das typische Händegeben, wie wir das in Deutschland kennen, ist zwischen Malaysiern relativ unüblich. Unter Geschäftsmännern im internationalen Business gibt man sich allerdings die Hand. Frauen gegenüber sollte man sich als Mann, aus dem Islam begründet, sehr zurückhaltend verhalten, sodass die Begrüßung ohne Händegeben und nur durch einen kurzen Augenkontakt erfolgen sollte.

mm.de: Geht man beim ersten Treffen essen? Oder trifft man sich ganz formell in einem Konferenzraum und beredet nüchtern die Fakten?

Kautz : Beim ersten Mal, denke ich, ist es schon in Ordnung, wenn man sich im Büro trifft. Aber langfristig sollte man mit seinen Geschäftspartnern regelmäßig essen gehen und - besonders mit Chinesen - regelmäßig zum Karaoke.

mm.de: Karaokepartys sind berüchtigt. Muss man singen, selbst wenn man das nicht kann?

Bier: Karaoke ist sehr verbreitet. In jeder großen Mall und in sehr vielen Restaurants gibt es Karaoke-Separees. Es ist üblich, nach dem Essen eine Runde Karaoke zu singen, so wie wir in Deutschland eher noch ein Bier in der nächsten Kneipe trinken würden. Ob man singen kann oder nicht, das ist dabei gar nicht so wichtig. Wir haben das auch mal ausprobiert und dabei durchaus einige nicht sehr begabte Sänger gehört. Beim Karaoke geht es einfach nur darum, dass man zusammensitzt und noch ein paar schöne Stunden miteinander verbringt. Keiner hat Hemmungen, dabei mitzumachen.

mm.de: In welcher Sprache muss man singen?

Bier: : Es gibt ein großes Repertoire an Liedern, darunter viele englische. Wir haben sogar ein paar deutsche Songs gefunden. Mit einigen gängigen englischen Songs kann man ganz gut überleben.

Harmonie und Ausgleichung

mm.de: Diese spaßigen Veranstaltungen sind häufig ein Gradmesser für akzeptiertes und nicht akzeptiertes Verhalten. Was wird akzeptiert, was nicht?

Kautz : Entscheidend ist in Malaysia der Umgangston miteinander. Wichtig ist es, höflich zu sein. Gegenüber Frauen sollte man sich zurückhaltend verhalten. Außerdem sollte man ausgeglichen sein. Schreien ist absolut tabu, Gefühlsausbrüche sollten nicht unbedingt vorkommen. Wenn man diese Grundregeln beachtet, sind die anderen, kleinen Fehler, die einem unterlaufen können, nicht mehr so schlimm.

mm.de: Was würde passieren, wenn ich als Vorgesetzter einen cholerischen Anfall bekomme und meine gesamte Mannschaft runterputzte?

Kautz : In dem Augenblick würde man nicht so viel merken. Es ist nicht so, dass Malaysier extrem reagieren. Es ist erst einmal schwierig zu merken, wenn man etwas falsch gemacht hat. Das merkt man unter Umständen erst Wochen später.

mm.de: Aber das wird schon als sehr unangemessen angesehen?

Bier : In den Augen der Malaysier hätte sich der Deutsche sehr danebenbenommen. Er hätte seinen Mitarbeitern das Gesicht genommen, weil er sie in der Öffentlichkeit angeschrien hat. Klüger wäre es gewesen, seinen Unmut ruhig und sachlich jeweils im persönlichen Gespräch zu klären. Gruppenschelte in der Öffentlichkeit ist sehr, sehr unklug.

mm.de: Gilt das auch auf der Managementebene?

Bier : Auch hier sollte man im Vorfeld auf persönlicher Ebene abklären, was schiefgelaufen ist. Auf keinen Fall sollte man in Meetings Fehler und Schwierigkeiten erörtern. Meetings sind in Malaysia dazu da, Informationen auszutauschen und Ergebnisse darzustellen. Diskussionen und Auseinandersetzungen sind unüblich.

mm.de: Ist Harmonie und Ausgleich das große Ziel in Malaysia?

Bier : Genau, das merkt man auch im öffentlichen Leben, in der U-Bahn oder auf der Straße. Man hört keine lauteren Töne und hat nie das Gefühl, dass Menschen miteinander diskutieren oder sogar streiten.

"Ein Chef muss repräsentieren"

mm.de: Was soll man dann tun, wenn man an einen Geschäftspartner oder einen Mitarbeiter eine konkrete Forderung hat?

Bier : Man sollte möglichst früh seine Wünsche äußern, da man in Malaysia nicht erwarten kann, dass Dinge in der vorgeschriebenen Zeit fertig werden. Zudem sollte man regelmäßig nachfragen, wie das Geschäft läuft oder wie man seinen Mitarbeiter in seiner Aufgabenerfüllung unterstützen kann.

mm.de: Wie kann man trotzdem sein Ziel erreichen?

Bier : Man sollte detaillierter als in Deutschland darüber sprechen, wer was zu tun hat und die Arbeitsanweisung in kleine Arbeitspakete aufteilen. In Deutschland geht man davon aus, dass der Mitarbeiter seine übertragene Aufgabe selbstständig löst. In Malaysia sollte man das nicht erwarten, sondern nach zwei bis drei Tagen nachfragen, wie es läuft, ob noch irgendetwas fehlt, ob der Mitarbeiter noch eine Frage hat. Als Manager muss man seine Mitarbeiter fürsorglicher betreuen, es ist mehr Betreuungsaufwand, als man es aus Deutschland gewohnt ist.

mm.de: Welche Form der Ansprache hat am meisten Erfolg?

Kautz : Kumpelhaft zum Beispiel geht gar nicht. Wir hatten einen Fall, da hat ein Chef seiner Mitarbeiterin das Du angeboten. Sie kannten sich schon ein oder zwei Jahre und haben sich sehr gut verstanden. Sie hat es aber trotzdem abgelehnt. Mitarbeiter in Malaysia wünschen sich eine klare Hierarchie, und sie wollen einen Chef haben. Ein Chef muss zeigen, dass er Chef ist. Er sollte väterlich sein, und gern auf Hochzeiten seiner Mitarbeiter gehen, und er sollte sich für deren Privatleben interessieren.

mm.de: Wird von einem Manger auch verlangt, dass er sich damit auseinandersetzt, wenn zum Beispiel familiäre Probleme auftreten sollten?

Kautz : Wenn man seinen Mitarbeiter zum Beispiel fragt: 'Geht es Ihrer Mutter wieder besser?' dann kann man Pluspunkte sammeln. Berufliches und Privates vermischt sich in Malaysia viel stärker als in Deutschland.

mm.de: Gibt es Situationen, wo man vorsichtig sein sollte, zu früh zu intim zu werden?

Kautz : Man sollte auf jeden Fall eine gewisse Hierarchie erhalten. Der Mitarbeiter will Respekt vor dem Chef haben und nicht auf einer Hierarchiestufe mit ihm stehen.

"Gute Beziehungen, erste Priorität"

mm.de: Also sollte man seinem Mitarbeiter nicht erzählen, dass man Probleme mit seiner Frau hat?

Bier : Man sollte sich für die Belange seiner Mitarbeiter interessieren. Aber umgekehrt sollte man schon den "perfekten" Chef darstellen, der als Hierarchieperson angesehen wird. Deswegen sollte man nicht zu viel von persönlichen Problemen erzählen.

mm.de: Respekt einflößend, unangreifbar und fürsorglich - ist das ein klassischer malaysischer Chef?

Kautz : Ja, aber auf warmherzige Art. Das darf man nie aus den Augen verlieren. Und das man seine schützende Hand über seine Angestellten hält.

mm.de: Wenn man mit Geschäftspartnern zu tun hat und etwas durchsetzen möchte - wie gelingt das am besten?

Bier : Man kann Forderungen durchaus schriftlich formulieren. Aber man sollte sich darauf einstellen, dass es zu einer zeitlichen Verzögerung kommen kann und deshalb genug Puffer einplanen. Man sollte auch darauf achten, dass man regelmäßig telefoniert oder sich trifft, also den Kontakt pflegt, dann ist die Zusammenarbeit erfolgreicher.

mm.de: Wie viel Zeitpuffer muss man einkalkulieren?

Bier : Malaysier haben ein polychrones Zeitverständnis. Das heißt, es ist normal, dass mehrere Sachen gleichzeitig behandelt werden, es wird nicht immer erst eine Sache bis zu Ende bearbeitet. Es wird auch niemandem negativ ausgelegt, wenn er sich verspätet oder verspätet liefert, so wie es hier in Deutschland der Fall ist. Man muss also damit rechnen, dass ein Geschäftspartner zwischenzeitlich anderen Verpflichtungen nachgeht.

Dadurch kann es dazu kommen, dass der Geschäftspartner den Auftrag, den er vor einigen Wochen bekommen hat, aus den Augen verliert. Dann helfen nur gute Beziehungen. Denn wenn man eine enge Beziehung zum Geschäftspartner hat, genießt man erste Priorität, der Auftrag wird schneller erledigt. Je intensiver der Kontakt gepflegt wird, desto eher kann man auch mit der vorgeschriebenen Deadline rechnen. Aber auch im normalen Wirtschaftsleben, nicht nur bei Behörden, sollte man grundsätzlich mit einem Puffer von zwei bis vier Wochen planen.

mm.de: Erhalten kleine Geschenke die Freundschaft?

Kautz : Das ist ein bisschen kompliziert. Chinesen zum Beispiel schenken sich Geldgeschenke, das ist bei den Malaien dagegen gar nicht üblich. Außerdem muss man darauf achten, dass chinesischstämmige Malaysier abergläubisch sind. Da darf man keine Uhren und keine Messer und keine Strohsandalen oder ähnliches verschenken. Am besten ist es, vor Ort jemanden zu fragen, damit man peinliche Situationen vermeidet.

Erst mal essen: Tipps für den malaysischen Alltag

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