Management Freud und Leid in Australien

Wer sich in Australien als Führungskraft behaupten will, sollte direkt, ehrlich und smart sein. Die Australien-Kennerin Barbara Barkhausen erklärt gegenüber manager-magazin.de, warum Manager unterschiedliche Visitenkarten haben, Fair Play so wichtig ist und wie man sich gegen die Seilschaften der Eliteschulen durchsetzt.
Von Karsten Langer

mm.de: Frau Barkhausen, was wird in Australien von Managern erwartet?

Barkhausen: Man sollte ehrlich sein und vor allem geradeaus. Wer immerzu sein eigenes Süppchen kocht, kommt hier nicht weit. Und bei aller No-Worries-Mentalität, die die Australier im Privaten an den Tag legen - im Beruflichen will man wissen, was Sache ist. Von Managern wird erwartet, dass sie klare Ansagen machen. Freundlich, offen, bestimmt - das sind die Eigenschaften, die geschätzt werden. Humor kommt gut an, und Höflichkeit – vor allem gegenüber dem Kunden - ist ein Muss.

mm.de: Wie vertragen sich Höflichkeit und der raubeinige Humor?

Barkhausen: Viele müssen sich sicher daran gewöhnen, wenn sie unter Kollegen mit gelegentlichen Schimpfwörtern empfangen werden, vor allem Männer. Aber das sind in Australien die Umgangsformen, das hat nichts mit Unhöflichkeit zu tun. Als Deutscher wird man gerne mal mit alten Kriegsthemen aufgezogen, auch da muss man sich eine raue Schale zulegen. Doch bei allem gilt eigentlich: Was sich liebt, das neckt sich.

mm.de: Wie wichtig ist Sachkenntnis?

Barkhausen: Es wird erwartet, dass ein Manager weiß, wovon er spricht. Außerdem sollte man mit Eifer und Engagement bei der Sache sein. Das schätzt der Australier.

mm.de: Wird Ehrgeiz honoriert?

Barkhausen: Gesunder Ehrgeiz schadet nicht. Weniger gefragt ist dagegen die Ellenbogenmentalität. Wer seine Kollegen aussticht oder übervorteilt, ist schnell unten durch. Eines der obersten Prinzipien in Australien ist das Fair Play. Außerdem sollte man teamfähig sein.

mm.de: Kommen die Deutschen in Australien gut an?

Barkhausen: Die Australier schätzen es sehr, dass die Deutschen alles sehr ordentlich machen, hierzulande ist das nicht die Regel. Das ist ein Bonus, den Deutsche haben. Dadurch bekommen sie Jobs oder werden als Selbstständige gebucht. Der Ruf, den Deutsche in Australien haben, ist sehr gut.

mm.de: Sollte man als erster kommen und als letzter das Licht löschen?

Barkhausen: Nein, das ist nicht nötig. In Australien fangen die Menschen etwas früher an zu arbeiten als in Deutschland, meistens zwischen sieben und acht Uhr. Wer nach neun kommt, wird schon komisch angesehen. Dafür geht man aber auch früher. Meistens ist das Wetter gut, und dann will man noch was vom Tag haben. Die Australier arbeiten zwar hart, aber sie wollen dann auch Zeit für sich. Dann geht man an den Strand oder trifft sich mit Freunden.

Wer lügt, hat verloren

mm.de: Wird erwartet, dass man ein Vorbild ist?

Barkhausen: Auf jeden Fall. Das heißt aber nicht, dass man auch am meisten Stunden in der Firma abreißt. Vorbild sollte man in Bezug auf seine Arbeitseinstellung, seine Kommunikationsverhalten und den Umgang mit Kollegen sein.

mm.de: Wie verhalten sich vorbildliche Australische Manager?

Barkhausen: Die achten auf "Fair Play" und sind extrem gut auf alles vorbereitet. So ist es zum Beispiel selbstverständlich, dass man sich bei einem Geschäftstreffen darauf vorbereitet, mit wem man es zu tun hat. Es gilt als extrem unprofessionell, wenn Unterlagen fehlen oder die Präsentation schluderig ist.

mm.de: In Australien wird Wert auf flache Hierarchien gelegt, trotzdem steht auf allen Visitenkarten ein hochfahrender Titel. Woran liegt das?

Barkhausen: Viele australische Unternehmen betreiben Business in Asien, wo Titel eine große Bedeutung haben. Ich habe sogar schon von Fällen gehört, wo australische Manager mehrere Visitenkarten haben, unter anderem eine für ihre asiatischen Geschäftspartner. Dort steht dann extra Senior Manager oder so etwas in der Art.

mm.de: Das klingt so, als wäre man gegenüber Äußerlichkeiten sehr entspannt.

Barkhausen: Die australische Mentalität geht noch über die Entspanntheit hinaus. Man ist sehr offen gegenüber allen äußeren Formen, und das gilt auch für die Karriere. So ist es etwa nicht nötig, einen so geradlinigen Lebenslauf vorzuweisen wie in Deutschland. Natürlich sollte man einen akademischen Abschluss haben, aber wenn man dann drei Jahre etwas anderes gemacht hat, wird einem das nicht als Makel angekreidet.

mm.de: Sondern?

Barkhausen: Ich kenne eine junge Frau, die Statistik studiert hat. Dann wollte Sie aber nach Japan, hat das gemacht und war dort mehrere Jahre Englischlehrerin. Jetzt arbeitet Sie wieder in ihrem alten Beruf und ihre Erfahrungen in Japan werden von ihrem neuen Arbeitgeber sehr geschätzt. Die Karriere zu wechseln, wird nicht als negativ betrachtet. Auch Fehler werden verziehen, wenn man zu ihnen steht. Auf keinen Fall sollte man lügen oder unfair sein. Australier sind sehr moralisch, wenn man sich unkoscher verhält, ist man seine gute Reputation blitzschnell los. Wichtig ist, ehrlich zu sein und 100-prozentig hinter dem zu stehen, was man macht.

Womit deutsche Manager punkten

mm.de: Also kann man auch damit punkten, wenn man begeistert von seinem Job ist?

Barkhausen: Man sollte schon smart sein, auch Australier können sich extrem gut verkaufen. Die Manager hier sind sprachlich sehr fitt. Schon im Kindergarten lernen die Manager von morgen, wie man sich vor die Gruppe stellt und etwas erklärt. Oder es werden Lieder vorgetragen und Theater gespielt. In der Schule lernt man dann Rhetorik und öffentliche Rede. Kinder werden sehr früh darauf vorbereitet, wie sie in der Öffentlichkeit wirken.

mm.de: Fördert das nicht eine gewisse Exaltiertheit?

Barkhausen: Australier sind keine Angeber, aber sie können sich definitiv gut vermarkten. Auf ihre sehr lockere und ungezwungene Art und Weise eben. Man spricht sich sofort mit dem Vornamen an, plauscht über private Dinge und erst dann kommt man zum geschäftlichen. Dann wird aber Tacheles geredet.

mm.de: Wenn sich mehrere um einen Spitzenjob bewerben - muss man Angst haben, dass man den nicht bekommt, weil die Konkurrenten eine Show abziehen und man selbst nur gut qualifiziert ist?

Barkhausen: Nein, in einem solchen Fall entscheidet auch in Australien die Qualifikation und die Kenntnis. Außerdem die Erfahrung, die man mitbringt und die Kontakte, die man hat. Das ist in Australien ein sehr schwerwiegendes Argument, um jemanden einzustellen.

mm.de: Gilt das nur für Geschäftskontakte oder auch für Privatkontakte?

Barkhausen: Viele potenzielle Führungskräfte haben teure, renommierte Privatschulen besucht. Und die schanzen sich dann später die Jobs zu. Da hat man es als Ausländer natürlich etwas schwerer, weil man dieses Netzwerk an Kontakten nicht hat.

mm.de: Womit kann man stattdessen punkten?

Barkhausen: Ich denke, als Ausländer in Australien muss man sein internationales Wissen, seine europäische Perspektive in den Vordergrund stellen. Denn diesen Aspekt haben die Australier nicht. Die leben auf ihrer Insel und sind von dem Rest der Welt ziemlich abgeschnitten. Das internationale Geschehen in der Welt spielt nicht die große Rolle. Die Wirtschaft wird aber immer globaler, und darauf können deutsche Manager, die in Australien arbeiten wollen, setzen.

Langweiler sind verpönt

mm.de: Australien ist ein Importmarkt. Muss ein Manager vor diesem Hintergrund nicht besonders mit den Besonderheiten des Inlandmarktes vertraut sein? Und was nützt ihm dann seine ganze Internationalität?

Barkhausen: Australier sind bei all den Importen sicher sehr nationalbewusst. Auf vielen Produkten steht etwa "Proudly Australian made and owned", und diese Produkte werden dann auch gekauft. Aber auf der anderen Seite wissen viele australische Unternehmen auch, dass sie mit der wesentlich globaleren Sicht deutscher Manager auch Innovationen und neue Ideen einkaufen, die Ihnen helfen können. Damit können deutsche Führungskräfte in Australien punkten.

mm.de: Welcher Umgang mit Kollegen und Angestellten ist üblich?

Barkhausen: Man kommuniziert sehr klar und direkt, auch, wenn es um negative Themen geht. Aber im Vordergrund steht immer die Lösung, es werden klare Ansagen gemacht und eindeutige Ziele genannt.

mm.de: Werden Mitarbeiter eher mental motiviert oder gibt es Bonuszahlungen?

Barkhausen: Die Unternehmen, die ich kenne, zahlen alle einen Bonus. Nur so kann man die wirklich guten Leute bei der Stange halten. Die verdienen dann auch richtig viel Geld, das sieht man, wenn man in Sydney durch die einschlägigen Stadtteile fährt. Da stehen Villen, die gibt es so in Deutschland nicht.

mm.de: Wie wichtig ist es, beim Team-Lunch oder Freitagabendbier dabei zu sein?

Barkhausen: Essenziell wichtig. Wer da nicht mitmacht, wird nicht im Team aufgenommen. Man sollte trinkfest sein, mit Mineralwasser ist es nicht getan. Unter Männern gilt als sonderlich, wer keinen Alkohol trinkt. Die Australier sind große Biertrinker. Rauchen dagegen gilt als total unschick, das ist fast überall verboten.

Warum wichtig ist, wo man wohnt

mm.de: Gibt es irgendwelche Tabus, die man selbst in geselliger Runde nicht ansprechen sollte?

Barkhausen: Australier sprechen sehr ungern über Politik und über Aborigines. Der deutschen Sozialromantik in Bezug auf Minderheiten begegnet man in Australien kaum. Auch über Geld wird nicht geredet. Weder darüber, was man verdient, noch darüber, was irgendein Artikel gekostet hat. Außerdem sollte man Probleme, vor allem privater Natur, nicht anreißen.

mm.de: Wie halten die Australier es mit der Religion?

Barkhausen: Die meisten sind Katholiken, aber nicht, weil sie den Papst so sehr lieben. Das hat einen anderen Grund: Alle guten Schulen in Australien sind Privatschulen und unerschwinglich teuer, die kosten bis zu 20.000 Dollar im Jahr Schulgeld. Die einzigen Alternativen sind die katholischen Schulen, die es gibt. Und die kosten deutlich weniger.

mm.de: Spielt es denn auch für das Image eine Rolle, auf welche Schule die Kinder gehen?

Barkhausen: Ja, durchaus. Das ist in Australien eine beliebte Frage, um den sozialen Status zu ergründen: 'Auf welche Schule gehen ihre Kinder, und in welchem Stadtteil wohnen Sie?'

mm.de: Welche Kleiderordnung gilt? Eher casual à la Crocodile Dundee oder Anzüge und gedeckte Farben?

Barkhausen: Vor allem in den Businesszentren Melbourne und Sydney wird sehr viel Wert auf Kleidung gelegt. Männer tragen Anzug und Krawatte, Frauen dunkle Kostüme und hochhackige Schuhe. Man kleidet sich sehr konservativ. Den Australier mit Shorts, Sandalen und Kniestrümpfen gibt es kaum noch.

Ratgeber: Tipps für den australischen Alltag

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