Ex-HP-Chefin Fiorina Kettensägen-Carly an McCains Seite

Carly Fiorina war eine der schillerndsten Gestalten der US-Wirtschaftswelt. Sie galt als knallhart - bis sie beim weltgrößten Computerhersteller Hewlett Packard abgesetzt wurde. Jetzt soll die Topmanagerin John McCain mehr Wirtschaftsprofil verleihen. Doch abgesehen von Startschwierigkeiten steht sich Fiorina selbst im Weg.

San Francisco – Herrisch, egomanisch, bösartig, rachsüchtig – nett ist es nicht, was man über Carly Fiorina lesen und hören kann. "Kettensägen-Carly" habe sich angeblich ihren Friseur und ihre Visagistin ins Büro kommen lassen, nur maßgeschneiderte Kostüme getragen und sei im Privatjet geflogen, während sie zeitgleich Tausende von Mitarbeitern rausgeschmissen habe.

McCain-Beraterin Fiorina: Angriffe aus dem Obama-Lager abwehren

McCain-Beraterin Fiorina: Angriffe aus dem Obama-Lager abwehren

Foto: DPA

Fiorina, die vom US-Wirtschaftsmagazin "Fortune" sechsmal in Folge zur "mächtigsten Managerin der USA" gekürt wurde, kämpft hartnäckig gegen derlei Geschichten und ihren Ruf als Rausschmeißerin. Einen scheint das allerdings nicht beeindruckt zu haben – und wenn, dann nur positiv: John McCain.

Der 72-jährige Präsidentschaftskandidat der Republikaner hat die ehemalige Chefin des weltgrößten Computerherstellers Hewlett-Packard (HP) im März zu seiner Chefberaterin und obersten Spendensammlerin gemacht. Sie soll nicht nur für ausreichend Geld in der Kriegskasse sorgen, sondern McCain vor allem da unterstützen, wo er nach eigener Aussage "wenig Erfahrung" hat: in allen Fragen der Wirtschaft.

Denn mitten im Wall-Street-Desaster und trotz steigender Energie- und Nahrungsmittelpreise gibt sich McCain bislang seltsam unbeholfen, wenn es um "those issues" geht. "Die Basis unserer Wirtschaft ist stark", erklärte er ausgerechnet am vergangenen Montag, als mit Lehman Brothers und Merrill Lynch zwei der größten US-Investmentbanken von der Bildfläche verschwanden und der Dow Jones um über 500 Punkte so dramatisch abstürzte wie seit dem 11. September nicht mehr. Zwar bemühte sich McCain in den folgenden Tagen zu erklären, er habe die "hart arbeitenden amerikanischen Arbeiter" gemeint. Und schob populistisch hinterher, diese würden von einer gierigen und zerrütteten Wall-Street-Elite betrogen. Doch geholfen hat das wenig.

Inzwischen hat McCain sogar eine radikale Kehrtwende in seiner Haltung vollzogen und präsentiert sich als Retter der Nation: "Amerika ist von einer Finanzkrise historischen Ausmaßes bedroht", sagt er. "Wir können das nicht zulassen. Lasst uns die Politik beiseitestellen."

Er vergleicht die Krise mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001, setzt seinen Wahlkampf aus, will mit Bush und Obama eine gemeinsame Position finden und so das 700 Milliarden schwere Rettungspaket der Regierung durch den Kongress pauken.

Ist das schon die Folge eines Crashkurses in Wirtschaftskompetenz? Zweifelhaft. Denn da bleibt viel aufzuholen für den republikanischen Kandidaten.

McCain macht einen Google

McCain macht einen Google

McCain spreche die Worte "Derivate" und "Credit Default Swaps" aus, als höre er sie zum ersten Mal, ätzte das ansonsten eher konservative "Wall Street Journal" vor einiger Zeit. Und frühere Äußerungen des Senators verstärkten den Eindruck, dass Wirtschaft nicht gerade zu seinen Kernkompetenzen zählt. Er lese das Buch des ehemaligen Notenbank-Chefs Alan Greenspan zur Vorbereitung, erklärte McCain am Anfang der Wahlkampagne und fügte dann im Juli hinzu, er lerne gerade, wie er selbst online gehen und "einen Google machen" könne.

Nun soll es also Fiorina richten, eingetragene Republikanerin und ehemalige Vorzeige-Chefin, die mit ihrem unbestrittenen Kampfgeist vielen als Idealbesetzung gilt. "Sie ist eine moderate und weltoffene Frau, die an rationale Wissenschaft glaubt und damit all die Attribute vereint, die die Republikaner einst ausgemacht haben, bevor Karl Rove und George W. Bush der Partei eine andere Richtung gegeben haben", schreibt Daniel Gross, Wirtschaftskolumnist der "Newsweek".

"Fiorina repräsentiert als ehemalige Chefin eines Weltkonzerns ein Unternehmen, das in den USA jeder kennt", sekundiert Bill Whalen von der konservativen Hoover Institution an der Universität von Stanford. "Dass sie aus einem Tech-Unternehmen kommt und die New Economy repräsentiert, macht das Ganze noch besser: Denn die Republikaner gelten als eine Partei der alten Männer, die vor allem aus dem Ölgeschäft kommen."

Tatsächlich gilt Fiorina nicht nur als eine der schillerndsten Gestalten der US-Wirtschaftswelt, sondern auch als brillante Verkäuferin, die einst mitreißende Visionen entwickeln und Kritiker überzeugen konnte. Gegen enormen Widerstand erzwang sie im Jahr 2002 die umstrittene Fusion mit Compaq, in deren Verlauf sie 15.000 Mitarbeiter entließ. Als in den Folgejahren allerdings Aktienkurse und Gewinne einbrachen und schließlich bittere Zerwürfnisse im Aufsichtsrat bekannt wurden, setzte dieser Fiorina kurzerhand ab – mit einer Abfindung von 21 Millionen Dollar inklusive Aktienoptionen.

Eben diesen Karriereknick nehmen Fiorina-Kritiker zum Anlass, um die Kompetenz von "McCain’s economic brain" anzuzweifeln: "Wenn jemand nicht mal die eigene Firma managen kann, wie will er dann in der Politik arbeiten", fragt Wade Randlett, Wirtschaftsberater der Demokraten und einer der wichtigsten Fundraiser für den Gegenkandidaten Barack Obama. "Wirtschaft ist mit Abstand das wichtigste Thema des Wahlkampfs – und da wollen sich die Menschen nicht auf die Berater des Präsidenten verlassen, sondern auf ihn selbst."

Stutenbissigkeit und Kritik zur Unzeit

Stutenbissigkeit und Kritik zur Unzeit

Dabei haben die Jahre unter Bush mit einem Rekord-Haushaltsdefizit ohnehin zu steigendem Misstrauen der Wirtschaft gegenüber den Republikanern geführt. Schon im vergangenen Wahlkampf hatte sich eine ganze Reihe hochkarätiger Wirtschaftsbosse klar für den Kandidaten der Demokraten ausgesprochen, und auch in diesem Wahlkampf halten sie sich bisher von McCain fern.

Das alles soll Fiorina jetzt ausbügeln – und stellt sich dabei alles andere als geschickt an. So erklärte sie in einem Interview mit MSNBC, dass sie Sarah Palin, der Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, nicht zutraue, ein Unternehmen wie Hewlett-Packard zu führen. Um dann nachzuschieben, dass das im Übrigen auch für McCain gelte - obwohl sie öffentlich bislang stoisch behauptet hatte, dieser "brauche nicht besonders viel Coaching".

"Wenn selbst die Top-Beraterin von McCain nicht glaubt, dass er in der Lage ist, ein Unternehmen zu führen, wie um Himmels Willen soll er dann in der Lage sein, die größte Wirtschaftsnation der Welt zu lenken", frotzelte denn auch sofort ein Sprecher von Obamas Wahlkampfteam.

Klar ist, dass der Druck auf McCain in Wirtschaftsfragen in den nächsten Wochen weiter wachsen wird. "McCain ist 72 Jahre alt, da sind die Wähler prinzipiell misstrauisch, ob so jemand überhaupt noch versteht, um was es in der Wirtschaft geht, ob so jemand ihre Sorgen und Nöte kennt", sagt Whalen von der Hoover Institution. "Fiorinas Aufgabe ist es, die Angriffe abzuwehren, die aus dem Obama-Lager kommen werden."

Ob sie das schafft, davon hängt auch ihre eigene Zukunft ab. Seit ihrem Rausschmiss bei HP ist sie zwar für allerlei Posten gehandelt worden – unter anderem für den als Chefin der Weltbank. Angetreten hat sie davon jedoch keinen.

Dabei sind ihre politischen Ambitionen unbestritten: "Sollte McCain Präsident werden, wird sie auf jeden Fall eine Stelle in seiner Administration bekommen", sagt Obama-Unterstützer Randlett. "Sie könnte sowohl das Amt des Wirtschaftsministers als auch das Büro des obersten Handelsvertreters übernehmen", glaubt auch Politik-Experte Whalen.

Der prestigeträchtigste Job aber ist schon vergeben: Wochenlang war Fiorina als Kandidatin für das Amt des Vizepräsidenten im Gespräch. Diesen Posten hat ihr bekanntermaßen eine bislang völlig unbekannte und in Wirtschaftsfragen auch nicht sonderlich bewanderte Frau weggeschnappt: Sarah Palin.

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