Südafrika-Knigge "Man sollte keine Mimose sein"

Südafrikaner mögen es handfest: Lieber Fleisch als Gemüse, Whiskey statt Wasser und Jeans statt Anzug. Mit dem in Südafrika aufgewachsenen Manager Dirk Peter sprach manager-magazin.de über Farmbesuche, Familienanschluss und Feinheiten im Umgang, die man unbedingt beachten sollte.
Von Karsten Langer

mm.de: Wo trifft man sich, wenn man in Südafrika Geschäfte macht?

Peter: Viele Südafrikaner schätzen einen persönlicheren Kontakt als in Europa üblich. Man wird sehr schnell eingebunden, aber speziell informelle Treffen finden auch im Restaurant statt, gerne dort, wo man draußen sitzen kann. Generell ist man in Südafrika gern im Freien.

mm.de: Business-Clubs spielen keine Rolle?

Peter: Es gibt sie, aber das sind sehr europäische Einrichtungen, auf die man nicht so häufig stößt.

mm.de: Es muss also nicht so gediegen sein?

Peter: Südafrika hat eine sehr gute Küche und eine sehr große gastronomische Vielfalt. Südafrikaner untereinander gehen eher selten ins Nobelrestaurant, das ist gar nicht nötig. Die heimische Küche hat einen sehr hohen Standard und ist bei Europäern beliebt.

mm.de: Bevorzugt man das Separee, oder sitzt man draußen auf der Terrasse?

Peter: Südafrikaner untereinander würden sich auch auf ein Bier im Biergarten treffen. Und selbst wenn es um wichtige geschäftliche Dinge geht: Man muss sich keine Sorgen machen, dass einen der Nachbartisch belauscht. Das widerspricht dem guten Ton.

mm.de: Wie begrüßt man sich?

Peter: Nach europäischem Standard. Die Hand geben und wenn man sich gut kennt kurze Umarmung. In den ländlichen Gegend ist das Küssen auch noch üblich, jedoch nimmt es mittlerweile ab.

mm.de: Muss man auf bestimmte Etikette Rücksicht nehmen?

Peter: Südafrikaner sind von geschliffenen europäischen Umgangsformen beeindruckt. Die kleinen höflichen Gesten wie Tür aufhalten, den Stuhl anbieten, Mantel abnehmen - das gilt als kultiviert, das schätzt man dort sehr.

"Fleisch ist ihr Gemüse"

mm.de: Was wird bevorzugt gegessen? Auch Schildkröte und Krokodil?

Peter: Vor allem Fleisch. Das ist das Lieblingsgemüse der Südafrikaner. Viel Hammel, Rind, aber auch Strauß. Die Fleischportionen sind für europäische Verhältnisse sehr groß. Vegetarier haben nicht selten schlechte Karten.

mm.de: Und dazu trinkt man Bier?

Peter: Überwiegend Bier und Wein, aber auch gerne Longdrinks oder Whiskey. Man sollte trinkfest sein.

mm.de: Wenn man sich privat trifft - dann eher zu Hause oder auf der Farm?

Peter: Gern auf der Farm. Man muss damit rechnen, dass die Farm, auf die man eingeladen wird, ein oder zwei Autostunden entfernt liegt. Farm meint aber nicht landwirtschaftlicher Betrieb, sondern Landhaus.

mm.de: Ist das ein besonderer Vertrauensbeweis, wenn man auf die Farm eingeladen wird?

Peter: Der Besuch auf der Farm gehört zum Alltag und zur allgemeinen Freizeit. Natürlich wird nicht jeder mit auf die Farm genommen, aber wenn man sich mag, ist das üblich. Dann geht man auch mal Wasserskifahren oder auf die Jagd und natürlich wird abends gegrillt. Europäer sind häufig irritiert über diese ungezwungene Nähe, aber die ist unverbindlicher, als mancher denkt.

mm.de: Werden solche Trips im Vorwege angekündigt?

Peter: Das kann sich auch spontan ergeben.

"Jeans statt Anzug"

mm.de: Also sollte man die passende Garderobe einpacken, wenn man auf Geschäftsreise nach Südafrika fliegt?

Peter: Man sollte eher eine Jeans zu viel mitnehmen als vier Anzüge. In Südafrika ist 'Business Casual' absolut üblich.

mm.de: Ist das eine Folge von Pragmatismus oder eher eine Frage des Stils?

Peter: Die deutsche Anzugmentalität ist den Südafrikanern fremd. Man weiß sich zwar durchaus zu kleiden, aber meistens wird die legere Garderobe bevorzugt. Jeans sind durchaus salonfähig. Anzüge trägt man zu sehr offiziellen Treffen, beim ersten Meeting, bei Vertragsunterzeichnungen oder dergleichen. Das liegt natürlich auch an den hohen Temperaturen.

mm.de: Das klingt alles sehr locker. Ist man in Südafrika auch noch so entspannt, wenn es um konkrete Verhandlungen geht?

Peter: Nein, da wird schon mit harten Bandagen gekämpft. Das ist für Europäer nicht immer leicht. Südafrikaner mögen es nicht, wenn man ihnen die Bedingungen diktiert. Sie geben viel lieber selbst den Ton an. Kompromissbereitschaft ist nicht ihre Stärke, da spielt Stolz eine Rolle und manchmal auch Traditionen.

mm.de: Gilt das gleichermaßen für Weiße wie für Schwarze?

Peter: Im Ergebnis schon. Aber der Hintergrund ist ein anderer. Schwarze haben wenig Verständnis dafür, bevormundet zu werden. Das ist natürlich auch eine Folge der Apartheid.

mm.de: Wie schafft man es, schwarze Geschäftspartner mit ins Boot zu holen?

Peter: Es ist immer gut, wenn man sich neben dem Geschäft speziell für die Aufbaupolitik des Landes engagiert. Das können Fortbildungs- oder Trainingsprogramme sein, medizinische Versorgungsmodelle oder die Eröffnung eines Kindergartens. Das wird auch von der Regierung gefördert und ist mittlerweile fester Bestandteil vieler Geschäftsvereinbarungen.

"Leidenschaft und Zeit"

mm.de: Wenn man mit weißen Geschäftspartnern zu keinem Kompromisse kommt, welchen Ausweg gibt es dann?

Peter: Man sollte den Partner von seiner Geschäftsidee begeistern. Da muss man aber Leidenschaft und Zeit mitbringen.

mm.de: Wieso Zeit?

Peter: Weil Begeisterung noch nicht heißt, dass im nächsten Moment Verträge unterschrieben werden. Südafrikaner irritiert es eher, dass Europäer sehr schnell sehr viel sehr konkret erledigen wollen. Wenn man merkt, dass es nicht vorangeht, sollte man nicht drängeln. Es ist besser, das Thema zu wechseln und sich dann noch einmal zu treffen, um den möglichen Geschäftspartner für sich zu gewinnen.

mm.de: Trifft man sich dann immer pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt?

Peter: Obwohl es sich über die Jahre gebessert hat, ist Pünktlichkeit nicht unbedingt ihre Stärke. Man sollte sich nicht ärgern, wenn der Geschäftspartner mal zu spät kommt.

mm.de: Was tun, wenn im Geschäftsgespräch gar nichts mehr geht?

Peter: Dann muss man es durch die Hintertür versuchen.

mm.de: Die wäre?

Peter: Familie und Sport. Wenn Sie sich mit Rugby auskennen, dann haben Sie sofort einen Stein im Brett. Die Familie spielt ebenfalls eine sehr große Rolle. Frauen und Kinder werden bei dem Farmbesuch durchaus mitgenommen.

mm.de: Wer keine Kinder mag, hat schlechte Karten?

Peter: Wer sich gegenüber der Familie herablassend verhält, hat alle Chancen auf einen Geschäftsabschluss verspielt.

"Mahnenden Zeigefinger vergessen"

mm.de: Gibt es Gesprächsthemen, die man vermeiden sollte?

Peter: Man sollte nicht unbedingt über die Essenzen von Apartheid reden. Den mahnenden Zeigefinger sollte man ganz schnell vergessen. Viele Südafrikaner sind sehr traditionsbewusst und schwelgen gern in den guten alten Zeiten.

mm.de: Wie sehen die weißen Südafrikaner die Ära Nelson Mandela?

Peter: Mandela ist ethnienübergreifend hoch angesehen. Viele Schwarze haben noch die Angewohnheit, Personen einen Spitznamen zu geben, und Mandela hat den Spitznamen Madiba, was soviel bedeutet wie Vater oder Übervater. Das gesamte Volk hat eine große Hochachtung vor ihm - und seiner Person.

mm.de: Sind Spitznamen ein Zeichen von Hochachtung?

Peter: Häufig sind das eher Spottnamen, aber davon bekommt man in der Regel nichts mit, man wird nicht in der Öffentlichkeit mit seinem Spitznamen angesprochen. Diese Namen beziehen sich meistens auf Eigenarten der jeweiligen Person und sind auch nicht mehr so stark in Gebrauch.

mm.de: Ist das die übliche Form von Humor - Schadenfreude?

Peter: Nein, der Humor ist eher sarkastisch, manchmal ist das Galgenhumor. Früher mussten auch Geschäftsleute damit rechnen, durch den Kakao gezogen zu werden, aber das hat sich unterdessen geändert.

mm.de: Wie ist der Humor zwischen Weißen und Schwarzen?

Peter: Auch hier gibt es eine gewisse Art von schwarzem Humor. Ein Beispiel: Nach der Abschaffung der Apartheid wurde die Benutzung des Wortes "Kaffer" unter Strafe gestellt. Es gab aber Wörter, in denen "Kaffer" vorkam, etwa in Kafferkorn, einer Getreideart. Ich stand mal in einem Laden, da wollte ein weißer Farmer 25 Kilo Kafferkorn kaufen. Das war ein richtig sturer Landwirt, der zeigte mit dem Finger auf den Sack hinterm Tresen und sagte schmallippig: "Ich möchte 25 Kilo von dem da." Der schwarze Verkäufer hinter dem Tresen grinste nur breit und erwiderte: "Sag es!". Darauf der Farmer: "25 Kilo von dem da." Und der Verkäufer: "Sag es!". So ging es eine Weile hin und her, bis schließlich beide laut lachen mussten. Im tiefen Inneren sind die Südafrikaner sehr stolz auf das, was alle in dieser Zeit des Umbruchs geleistet und geschafft haben.

mm.de: Aber man sollte trotzdem keine Mimose sein, wenn man in Südafrika Geschäfte machen will?

Peter: Nein, man kann getrost Kontra geben, wenn man auf den Arm genommen wird. Das wird eher geschätzt, als wenn man sich in den Schmollwinkel zurückzieht.

Fakten plus Humor: Fünf Grundregeln für Südafrika

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