US-Finanzkrise Lady Sparstrumpf

Die Krise an der Wall Street erreicht die Masse der Bankkunden, Millionen Amerikaner bangen um ihr Erspartes. Ihre letzte Hoffnung: eine rigide Finanzprofessorin, die mit viel Einsatz Amerikas Behörde für Einlagensicherung leitet - und nebenher Kinderbücher über die Tugend des Sparens schreibt.

New York - Es waren mal Zwillinge, die hießen Rock und Brock. Ihr Großvater gab den beiden für jede erledigte Hausarbeit einen Dollar. Rock kaufte sich Spielzeuge. Brock steckte sein Geld ins Sparschwein. Am Ende des Sommers war Rock pleite. Brock hatte 512 Dollar gespart. Beide lernten die Lektion - und wurden so im späteren Leben zu Millionären.

Diese platte Parabel dient als Handlung für ein amerikanisches Kinder- und Bilderbuch: "Rock, Brock, and the Savings Shock.", geschrieben von Sheila Bair. Bair kennt sich aus mit der Materie: Die Professorin lehrte Finanzpolitik an der University of Massachusetts und war Abteilungsleiterin im US-Finanzministerium, Vizepräsidentin der New York Stock Exchange (NYSE) und amtierende Vorsitzende der Optionsmärkte-Aufsicht CFTC. Kinderbücher schreibt sie nebenher, als Hobby.

Derzeit sind Bairs simple Spar-Ratschläge gefragter denn je. Denn die Dame ist auch Chefin der US-Bankeinlagenversicherung FDIC - einer Behörde, die die meisten Amerikaner bisher nur vom Kleingedruckten auf ihren Kontoauszügen kannten.

Nunmehr hat Bair die volle Aufmerksamkeit der US-Sparer. Denn die Finanzkrise an der Wall Street trifft längst nicht mehr nur große Investmentfirmen wie Merrill Lynch oder Lehman Brothers. Unaufhaltsam sickert die Malaise zu den Provinzbanken durch - und zu deren Kunden. Der Schock der Wall Street hat die Main Street erreicht.

Vor zwei Wochen wurde Indymac, die größte Spar- und Darlehenskasse im Großraum Los Angeles, in den Strudel der Hypothekenkrise gerissen und kollabierte. Ende voriger Woche erwischte es zwei weitere Institute: die First National Bank in Nevada und die First Heritage Bank im kalifornischen Newport Beach.

Es sind solche Fälle, in denen Bair und die FDIC in Aktion treten. Die kaputte Bank macht dicht, die FDIC übernimmt die Geschäfte und garantiert den Kunden alle Kontoguthaben bis 100.000 Dollar und Rentenkonten bis 250.000 Dollar. Das, was darüber hinausgeht, wird in der Regel zur Hälfte zurückerstattet. Meist werden die Konten dann an eine andere - hoffentlich gesunde Bank - verkauft. Das Pleite-Institut verschwindet von der Bildfläche.

Mit anderen Worten: Die FDIC - die sich überwiegend aus Versicherungsbeiträgen der angeschlossenen Institutionen finanziert - bewahrt amerikanische Bankkunden vor dem Ruin. Auch wenn ihre Bank ruiniert ist.

Ein solches "worst case scenario" war zuletzt kaum mehr auf der Agenda. Die meisten Amerikaner kümmerten sich nicht weiter um den Hinweis auf ihren Bankbriefen. "FDIC-versichert", war dort zu lesen. Jetzt aber, da die Kreditkrise immer weitere Kreise zieht, wird das Kleingedruckte auf einmal für Millionen verunsicherte US-Verbraucher zum Hoffnungswert.

Scheck von Uncle Sam

Scheck von Uncle Sam

Es ist eine Ironie, dass das alles ausgerechnet in dem Jahr passiert, da die FDIC ihr 75. Jubiläum feiert - als älteste derartige Institution der Welt. Und so reist Bair dieser Tage höchstpersönlich durchs Land, um die Leute zu beruhigen. Chicago, San Francisco, Boston, Dallas, Kansas City: "Face Your Finances Roadshow" (Stelle dich deinen Finanzen) heißt die Tournee, die unvermutete so viel mehr ist als die eigentliche geplante Glückwunschreise. Meist präsentiert sich Bair dabei unter einem Spruchband: "Vertrauen und Stabilität."

Vertrauen und Stabilität ist natürlich nicht das, was einem im US-Finanzwesen gerade als Erstes in den Sinn kommt. Dem versucht Bair entgegenzuwirken: "Die überwiegende Mehrheit der Banken in diesem Land", versichert sie, "sind weiterhin gut kapitalisiert." Damit erfüllt sie die Hauptmission ihres Amts: "Das öffentliche Vertrauen aufrecht erhalten."

Derlei Beteuerungen sind dringend nötig. Am ersten Geschäftstag nach der Indymac-Pleite verzeichnete die Kunden-Website der FDIC rund neun Millionen Klicks, ein Rekord für die Behörde. Derweil kam es vor den Filialen zu chaotischen Szenen. Bair machte sofort die Runde durch die TV-Shows, um eine Panik zu vermeiden.

Bair - die bei ihrem Amtsantritt 2006 vom Magazin "Smart Money" zu einer der 30 einflussreichsten Personen in der US-Investmentbranche gekürt wurde - beharrt darauf, dass die Situation trotz der jüngsten Bankpleiten für die Kunden unbedenklich bleibe. Etwa 90 Banken stehen derzeit auf der internen FDIC-"Watchlist", gelten also als "gefährdet".

Das sind in der Tat weit weniger als bei der letzten Finanzkrise 1991, als rund 1430 Banken wankten, oder auch zu Zeiten der FDIC-Gründung nach der großen Depression. Mehr als 4000 US-Banken gingen in jenem Frühjahr 1933 unter. Woraufhin der Kongress die Behörde ins Leben rief - gegen den lautstarken Widerstand der Finanzbranche, die sich gegängelt fühlte.

Doch das System hat sich bewährt: In 75 Jahren verlor kein einziger Kunde, dessen Einlagen FDIC-versichert waren, sein Geld. Von Juni 2004 bis Februar 2007 gab es sogar eine pleitefreie Phase.

Die ist längst vorbei. Nun droht die aktuelle Krise die FDIC an ihre Grenzen zu bringen. Dramatische Verluste bei den Geldkonzernen, sowie bisher fünf Bankpleiten in diesem Jahr: Bair - die weitere Zusammenbrüche erwartet - hat bereits 140 zusätzliche Mitarbeiter eingestellt.

Dennoch dürfte es bald eng werden. Per Gesetz ist die FDIC verpflichtet, stets 1,25 Prozent der versicherten Summen parat zu halten. Zuletzt verfügte das Amt über 52,8 Milliarden Dollar, um damit rund 4,2 Billionen Dollar an Einlagen in den zuletzt 8571 versicherten Banken abzudecken. Allein der Indymac-Kollaps dürfte die FDIC jetzt aber zwischen vier und acht Milliarden Dollar kosten - bis zu 19 Prozent des gesamten Puffers.

Schon warnt das "Wall Street Journal": "Wenn noch mehr Banken das gleiche Schicksal erleiden wie Indymac, werden die Ressourcen der FDIC schnell austrocknen." Die Last trüge dann wie immer der Steuerzahler: "Uncle Sam wird nichts anderes übrig bleiben, als einen weiteren Scheck auszustellen."

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