Business-Knigge Indien Umgangsformen und Tabus

Auch wenn sich Indien als säkularisiertes Land versteht, haben Religionen und vor allem der Hinduismus prägenden Einfluss auf die Gesellschaft. Von Ausländern wird erwartet, dass sie die religiösen Gefühle ihres Gegenübers respektieren. manager-magazin.de nennt die wichtigsten Punkte, die in der indischen Geschäftswelt zu beachten sind.
Von Ulrich Leifeld und Frank Brinkmann

• Es wird in Indien stärker über Gesten kommuniziert als im Westen üblich. Während in Europa die meisten Gesten von einer erläuternden Floskel begleitet werden, reicht in Indien die Geste allein aus. Auf Europäer wirken Inder daher eher wortkarg oder sogar unfreundlich.

• Aufgrund der an viele Körperbewegungen gebundenen Bedeutungen ist es ratsam, auf eine ausgeprägte Gestik zu verzichten, um Missverständnissen vorzubeugen.

• Mit dem Finger wird nicht auf andere Menschen gezeigt, denn es degradiert ein Gegenüber zum Untergebenen. Zum Zeigen wird demnach die ganze rechte Hand genutzt.

• Gesten, die auch in westlichen Ländern existieren, haben in Indien zum Teil andere Bedeutungen. Das Hin- und Herwiegen des Kopfes etwa, das leicht mit einem verneinenden Kopfschütteln verwechselt werden kann, bedeutet in Indien Zustimmung.

• Das durch Gesten ausgedrückte Nein wirkt auf Europäer leider dem Ja recht ähnlich: Ein kurzes Zucken mit dem Kopf deutet Verneinung an, manchmal begleitet von einem Schnalzen mit der Zunge.

• Der Kopf ist das höchste Körperteil und gilt Indern als heilig. Sie werden daher nicht am Kopf berührt, auch Kinder nicht.

• Füße gelten als niederster und unreiner Körperteil. Wird jemand aus Versehen mit den Füßen oder Schuhen berührt, ist eine sofortige Entschuldigung notwendig.

• Zum Anreichen von Gegenständen wird ausschließlich die rechte Hand benutzt. Die Linke dient traditionell der Körperpflege und gilt als unrein.

Vorsicht mit Komplimenten

• Der Gebrauch von Höflichkeitsformen wie "Bitte"/"Please", "Danke"/"Thank you" oder "Entschuldigung"/"Sorry" ist in Indien kaum üblich. Viele Inder sehen dies als nicht unbedingt nötig und sogar umständlich an. Was als Unhöflichkeit fehlinterpretiert werden könnte, ist schlicht eine Mentalitätsfrage.

• Lautstarkes Sprechen stört. Bei zwischenmenschlicher Kommunikation wird – im wahrsten Sinne des Wortes – Wert auf leise Töne gelegt.

• Inder sind Ausländern gegenüber offen und kontaktfreudig. Freunde in Europa oder Amerika zu haben, hebt das eigene Ansehen. Darum werden Ausländer oft nach ihrer Adresse oder Visitenkarte gefragt.

• Ein Mann spricht üblicherweise keine fremden Frauen an. Indische Frauen, die mit westlich aussehenden Männern gesehen werden, müssen um ihren Ruf bangen. Auch die Frage nach dem Weg wird besser einem Mann gestellt.

• Fremde Männer machen indischen Frauen keine Komplimente. Dieses Privileg ist Ehemännern und nahen Verwandten vorbehalten.

• Von Mitgliedern des anderen Geschlechts wird ungefähr eine Armlänge Abstand gehalten. Körperkontakt zwischen Männern und Frauen wird in der Öffentlichkeit vermieden. Selbst für verheiratete Paare gelten öffentliche Zuneigungsbekundungen als unschicklich.

• Unter Männern kann es vorkommen, dass sie Händchen haltend oder Arm in Arm über die Straße laufen. Dieses Verhalten ist lediglich ein Zeichen von Zuneigung und Freundschaft und kein Hinweis auf Homosexualität.

• Feilschen ist üblich, da nur für wenige Produkte (zum Beispiel Medikamente) feste Verkaufspreise gelten. Ein solcher Maximum Retail Price (MRP) ist in der Regel auf der Originalverpackung vermerkt. Ist dies nicht der Fall oder fehlt die Verpackung, wird der verlangte Verkaufspreis deutlich heruntergehandelt – selbst wenn der Verkäufer darüber klagt. Ob gefeilscht wird, hängt demnach vom Produkt ab und nicht vom Ort des Erwerbs.

Im Zweifel die Schuhe ausziehen

• Es ist unangebracht, die überall präsenten Götterbilder zu kommentieren. Generell wird respektvolles Verhalten gegenüber heiligen Stätten erwartet.

• Traditionelle Gesellschaftsordnungen entstammen dem Kastensystem, dem trotz offizieller Abschaffung noch immer eine wichtige Rolle zukommt. Beachten und akzeptieren Sie diese.

• Vor Betreten eines Hauses ist zu fragen, ob die Schuhe auszuziehen sind. Im Zweifelsfall folgen Sie einfach dem Beispiel des Gastgebers. Beim Besuch von Moscheen oder Tempeln sind Schuhe in jedem Fall auszuziehen.

• Das Kauen von Betelnüssen regt den Speichelfluss an und färbt diesen rot. So spucken Inder oftmals, selbst aus fahrenden Bussen heraus.

• Kühe liegen in Indien abgemagert und scheinbar herrenlos auf der Straße herum. In den meisten Fällen gehören sie jedoch jemandem. Da sie als heilige Tiere gelten, dürfen sie machen, was sie wollen.

• Fleischgenuss hängt bei Indern stark von ihrer Religionszugehörigkeit ab. Während christliche Inder sowohl Schaf-, Rind- als auch Schweinefleisch essen, meiden Hindus Rindfleisch: Für sie verkörpert eine Kuh die Wiedergeburt und gilt somit als heilig. Inder muslimischen Glaubens meiden Schweinefleisch, da ihnen dieses Tier als unrein gilt.

• Indien ist von Korruption geplagt, die vor keinem Amt haltmacht. Besonders Menschen, die einen politischen Posten oder ein anderes staatliches Amt bekleiden, schlagen gerne Kapital daraus. Behördliche Genehmigungen und Zugang zu wichtigen Entscheidungsträgern werden mit Fingerspitzengefühl und dem entsprechenden Kleingeld in der Tasche beschleunigt. Einheimische, die sich mit örtlichen Gepflogenheiten auskennen, sind hier hilfreich.