Management Wem die Chefs vertrauen

Politikern trauen sie gar nicht, externen Informanten nur ungern: Deutsche Topmanager kapseln sich von der Außenwelt ab und bleiben lieber unter ihresgleichen. Nur eine wirkliche Vertraute haben die Chefs: ihre eigene Frau.
Von Alexander Gutzmer

Hamburg - Als Rudolf Schulten den Chefsessel des Mannheimer Stromversorgers MVV Energie  übernahm, wurde es plötzlich merkwürdig still um ihn. "Als Vorstandsvorsitzender stellte ich fest, dass ich plötzlich ganz einsam in der eigenen Organisation wurde, weil niemand auf der gleichen Hierarchieebene war wie ich." Schulte versuchte, der Funkstille entgegenzuwirken, setzte, wie er sagt, "kritische Leute" an Schaltstellen. Nach zwei Jahren hatte sich die Situation gebessert.

Doch die Einsamkeit des Chefs hängt nicht nur mit der Kultur des konkreten Unternehmens zusammen. Viele Vorstandschefs und Vorstände großer Unternehmen wissen Ähnliches zu berichten. Die Luft an der Spitze ist nicht nur dünn, sondern auch kalt. Mitarbeiter begegnen ihren Vorgesetzten mit einer gewissen Distanz. Das ist die Kehrseite des Tunnelblicks, den wir unseren Topmanagern gerne vorwerfen: Mit zunehmender Entscheidungsgewalt der Chefs wächst dass Misstrauen der Belegschaft gegen "die da oben".

Die Folge: Die CEOs tauschen sich immer stärker mit ihresgleichen in anderen Unternehmen aus. Gesprächstherapie für Chefs, Selbsthilfegruppen der Millionäre? Ein wenig ist es so. Jedenfalls sind es vor allem die Kollegen aus anderen Unternehmen, die vielen Topmanagern als glaubwürdige Gesprächspartner gelten.

"So wie beim Ärztekongress über Fachthemen diskutiert wird, müssen Unternehmensentscheider dies ebenfalls tun", sagt Bastian Fassin, Chef des Süßwarenproduzenten Katjes. Dabei bieten "Verbände, aber auch kleine Gesprächskreise gute Austauschmöglichkeiten." Diese müssen jedoch "durch Unternehmer und ein vertrauensvolles Klima geprägt sein", so Fassin.

Das persönliche Netzwerk ist also nicht nur für Berufseinsteiger wichtig, sondern wird auch für heutige CEOs zum zentralen Erfolgsfaktor. "Hier tauschen sie Ideen aus, diskutieren wirtschaftspolitische Fragen, aber auch neue Managementmodelle", sagt Torsten Oltmanns, Global Marketing Director bei der Strategieberatung Roland Berger. Er muss es wissen: Gemeinsam mit seinem Team und der Technischen Universität München hat Oltmanns jetzt in zwei Studien die Großen der deutschen Wirtschaft unter die Lupe genommen.

Das Innenleben der Entscheider

Das Innenleben der Entscheider

Tatsächlich haben die Berater Seelenforschung einer scheuen Spezies betrieben: Topmanager stehen im Zentrum gesellschaftlicher Neiddebatten. Millionengehälter und scheinbar menschenfeindliche Standortentscheidungen führen dazu, dass die Popularität der Vorstandschefs großer Unternehmen immer weiter sinkt.

Entsprechend ungern lassen die Bosse sich in die Seele blicken. So weiß niemand, wer die vermeintlichen Jobkiller eigentlich sind, wie sie ticken, sich informieren, Entscheidungen vorbereiten. Fragen wie diese nahmen sich die Berater um Oltmanns vor. In ihren Interviews bekamen sie Einblicke ins Innenleben der Spezies Entscheider. Ein Ergebnis: Das Vertrauen in zentrale gesellschaftliche Meinungsmacher ist ausgesprochen begrenzt. Selbst Forschungsinstituten und Wissenschaftlern vertrauen sie deutlich weniger als den eigenen Mitarbeitern und Kollegen in anderen Unternehmen. Je höher man in die Firmenhierarchie blickt, desto deutlicher wird dabei die Differenz.

Die Berger-Berater unterscheiden zwischen Dirigenten, Solisten und Orchestermusikern. Sie alle agieren als Entscheider, doch nur die Dirigenten sind die wirklichen Weichensteller, Vorstandschefs und zentrale Vorstandsmitglieder also. Gerade sie differenzieren sehr stark zwischen verschiedenen Informationsquellen. Hier wirken sich offenbar die gemischten Erfahrungen aus, die viele Chefs mit externen Input-Gebern machen mussten.

Bitter für die andere Machtelite eines Landes - die Politiker: Gerade ihnen trauen die Bosse in den Vorstandsetagen so gut wie überhaupt nicht. 10 Prozent halten sie für gar nicht, 70 weitere Prozent für unterdurchschnittlich glaubwürdig. Wirtschaftspolitische Naivität und kurzatmiger Populismus - wie zuletzt im Fall Nokia  zu beobachten - lässt offenbar die Vertrauensbasis erodieren.

"Information als Leitwährung der Macht"

"Information als Leitwährung der Macht"

Das Resultat: Die ökonomische Elite geht auf Distanz zu den gewählten Mächtigen. "Topmanager tun meines Erachtens gut daran, die direkte Nähe zur Politik zu meiden", sagt Alexander Rittweger, Chef des Payback-Betreibers Loyalty Partners in München. Ansonsten finde man sich schnell auf glattem Parkett wieder, "auf dem man leicht ausrutscht und sich selbst und seinem Unternehmen im Zweifel mehr schadet als nützt."

Andererseits: Die gefühlte wirtschaftspolitische Inkompetenz der Regierenden wird dadurch natürlich nicht besser. Einen kompletten Rückzug der Vorstandschefs hält Rittweger deshalb auch nicht für empfehlenswert: "Die Politik ist auf den Austausch mit Entscheidern aus der Wirtschaft angewiesen, insofern halte ich den informellen Austausch in aller Stille durchaus für sinnvoll."

Wie beim Umgang mit der Politik, so ist den Chefs auch bei ihrer Informationsbeschaffung ein gewisses Grundmisstrauen anzumerken. Zu oft wird offenbar versucht, sie mit tendenziösen Informationen zu manipulieren. Andererseits basiert die Macht des Chefs nicht zuletzt auf Informationen.

"Information ist die Leitwährung der Macht", so Oltmanns. Und so wird die Suche nach Informationen zur "ureigensten und einer der wichtigsten Aufgaben jedes Entscheiders" - vor allem nach solchen, die andere möglichst nicht haben. 18 Stunden pro Woche wenden nach der Berger-Untersuchung alle Entscheider dafür auf, immerhin 14 Stunden investieren die Dirigenten - also die absoluten Topentscheider - in die Beschaffung zuverlässiger Informationen.

Bei der Bewertung von Quellen geht es den Chefs vor allem um Zuverlässigkeit. Absolut vertrauenswerte Quellen zu finden ist ihnen sogar wichtiger als analytische Tiefe oder thematische Breite. "Ihr müsst mir nicht alle Details sagen, aber bitte sagt die Wahrheit", so offenbar das Credo der Chefs.

Die Gattin als stiller Berater

Die Gattin als stiller Berater

Ob das auf firmeninterne Informationen eher zutrifft? Sicher nicht zwangsläufig. Dennoch: Die Berger-Forscher konnten zeigen, dass auf den obersten Hierarchiestufen der Anteil der externen Informationen abnimmt.

Die Gefahr, die diese Tendenz birgt, ist offensichtlich: Chefs, die den Blick nicht mehr nach außen richten, werden zu betriebsblinden Zahlenmenschen. Dieses Problem sehen viele Vorstandschefs heute auch. "Topentscheider, die nur noch interne Quellen nutzen, laufen Gefahr, Scheuklappen anzulegen und Kritik auszublenden", sagt etwa Payback-Chef Rittweger.

"Stimmt, das Risiko besteht", räumt auch Katjes-Chef Fassin ein. Seine Lösung: "Raus aus den Büros, ran an die Kunden!" Den Entscheidern in seiner Branche empfiehlt Fassin, "regelmäßige Storechecks zu machen oder mit den Kunden zu diskutieren. Marketing startet beim Kunden und nicht den Kollegen!"

Eine Person, auf die sich die Manager hundertprozentig verlassen, sitzt indes weder in den Büros der Vorstandsstäbe noch überhaupt in großen Büros: die eigene Frau. Ihr trauen die Chefs am ehesten. Auch bei unternehmensrelevanten Überlegungen bleibt sie durchaus nicht immer außen vor. Gerade für die absoluten Topentscheider, die Dirigenten, ist sie sogar besonders wichtig, so die Berger-Studie.

Das bestätigt auch Thomas Blunck, Vorstandsmitglied der Münchner Rückversicherung. Er bezieht seine Frau zwar nicht in Fachfragen mit ein, aber in "Themen der Führung, des Konfliktmanagements oder emotionaler Erlebnisse". Katjes-Chef Fassin zieht oft sogar weitere Familienmitglieder zurate. "Familien sind das vertrauensvollste und auch ehrlichste Netzwerk für mich. Ob man will oder nicht, den Sparringspartner habe ich als Familienunternehmer immer."

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