Jachtbauer Lütje Rolls-Royce auf dem Wasser

Seit 40 Jahren verfolgt Thomas Lütje ein Ziel: Schöne Schiffe bauen. Dabei ist der Chef der gleichnamigen Hamburger Werft Handwerker im besten Sinne des Wortes geblieben. Seine klassischen Motorkreuzer und Segeljachten sind Zeugnisse feinster Bootsbaukunst. Ein Porträt.
Von Karsten Langer

Hamburg - Auf dem Bootssteg an der Elbe ist Thomas Lütje in seinem Element. Stolz blickt der drahtige Mittfünfziger auf die drei Jachten aus der Classic-Coaster-Serie, die wie Perlen aufgereiht am Steg liegen. "Das sind schöne Linien", sagt der Werftchef hanseatisch-zurückhaltend, aber nicht ohne Stolz.

Die Rümpfe dunkelblau, das Teakdeck honigfarben, der Innenausbau aus gelacktem Mahagoni; die Boote strahlen die zeitlose Eleganz eines Rolls-Royce aus und die kraftvolle Schönheit einer Harley-Davidson. Die drei Motorjachten haben den Winter in der trockenen Halle verbracht und warten nun darauf, dass die Eigner sie nach dem Frühjahrsputz wieder abholen.

Auch die pittoreske Kulisse ändert nichts an der Schönheit der rassigen Boote. Im Hintergrund das Kraftwerk, nebenan eine Schiffsruine im Trockendock, gegenüber ein betagter Getreidespeicher. Die kleine, aber feine Lütje-Werft liegt am Kaltehofer Hinterdeich, einer eher verlassenen Ecke im Stadtteil Rothenburgsort im Osten Hamburgs. Dort, am alten Becken des Holzhafens, baut Lütje seit 30 Jahren in zweiter Generation Jachten nach den Wünschen seiner Kunden. Noch länger werkelt hier sein Vater Günther, der den Betrieb 1944 gegründet hat und auf dem Gelände der Werft wohnt.

"Mit kleinen Flitzern aus Sperrholz hat mein Vater angefangen, und das hat sich entwickelt bis zu 20 Meter Motorjachten. Das waren aber ausschließlich Holzboote", beschreibt Lütje den Werdegang der Werft. Thomas Lütje machte eine Ausbildung zum Bootsbauer, bestand mit Auszeichnung als Bester seines Jahrgangs und ging dann für ein Jahr nach Schweden, um seine Kenntnisse zu erweitern. Noch heute hält Lütje große Stücke auf die Sorgfalt schwedischer Werften: "Der schwedische Bootsbau hat eine enorme Qualität, außerdem gefallen mir die schlanken Linien vieler Jachten, die von dort kommen", sagt Lütje.

Er selbst stieg in den 70er Jahren in den väterlichen Betrieb ein. Erst Ende der 80er Jahre habe er damit angefangen, mit modernen Materialien wie Epoxydharzen, Glasgelegen, Balsaholzkernen und Stripleisten zu arbeiten. Aus dieser Idee entstanden dann ziemlich schnell große klassische Jachten.

"Mein erstes Boot hat Rolf Vrolijk entworfen", berichtet Lütje. Noch heute stammen die meisten Entwürfe aus der Feder des renommierten Designbüros Judel-Vrolijk. Rolf Vrolijk, mit dem Lütje seit seiner Jugend befreundet ist, ist jener Mann, der heute die Jachten für das mehrfache Americas-Cup-Sieger-Team Alinghi zeichnet.

Vrolijk entwarf auch die "Yasooda", die 2003 vom Stapel lief und heute in Thailand liegt. Der über 21 Meter lange Performance-Cruiser wurde von einem befreundeten Hamburger Kaufmann geordert, der in Singapur lebt. Trotz seines sportlichen Charakters wartet das Schiff mit allen Annehmlichkeiten auf, die man sich vorstellen kann: Es gibt eine Wasch- und eine Eiswürfelmaschine, einen in Kirsche getäfelten Salon mit lederbezogenen Clubsesseln und einen Flachbildschirm, der auf Knopfdruck hinter einer Blende verschwindet.

"So muss ein Schiff sein"

"So muss ein Schiff sein"

Wenn man in den Werfthallen steht, ist es kaum vorstellbar, dass eine Jacht mit diesen Dimensionen dort Platz gefunden hat. Durchquert man die Werkstatt, wo die Hobelbänke stehen und es nach Leim, Lack und Holz riecht, kommt man durch eine feuerfeste Stahltür zum Geburtsort der Jachten, der Fertigungshalle.

Dort wartet gerade eine 50 Fuß große Mahagoni-Barkasse darauf, an ihren Eigner übergeben zu werden. Der Rumpf ist eine moderne Sandwich-Epoxyharz-Konstruktion, die Aufbauten sind aus massivem Teakholz,die Inneneinrichtung aus Mahagoni. Der Eigner, ein Berliner, will mit seinem Traumschiff schon im Sommer durch die Kanäle der Hauptstadt schippern. Die Zeit drängt also, gearbeitet wird bis neun Uhr abends und auch am Wochenende. Deswegen zieht sich Lütje später seinen Overall an und lackiert Teakleisten, Mahagoni-Profile und Handläufe. Diese Arbeit mag er. "Die Oberflächen müssen makellos sein", sagt er.

Früher, so Lütje, seien die guten Bootsbauer auf die hohe See gefahren und hätten den edlen Holzteilen dort die letzte Lackschicht verpasst. Denn auf dem Ozean ist die Luft besonders staubfrei, kein Fitzelchen stört den Glanz der makellosen Flächen. Das ist es auch, was die Schiffe von Lütje so besonders macht: die Perfektion. Es mag Yachten geben, die schneller sind und solche, die mehr Platz unter Deck bieten. Aber es gibt wenige Schiffe, die so klassisch sind, so elegant und so perfekt in ihrer handwerklichen Ausführung.

Ästhetik ist für Lütje das Wichtigste. "Ich baue eigentlich nur Boote, die ich auch selbst gerne hätte", sagt der Werftchef. Sein eigenes Schiff, eine über 14 Meter lange Schönheit mit tiefgehendem Kiel und Carbonmast, die auf den Namen seiner Enkelin Marlene hört, wartet auf ihre Vollendung. Noch fehlt der Innenausbau, aber Riss, Linien und Ausstattung sprechen schon jetzt eine deutliche Sprache. Das Freibord ist niedrig, der Aufbau flach, die Überhänge üppig. So sieht ein klassischer Segler aus, der auch ein kräftige Welle oder Böe wegstecken kann.

Klare Vorstellungen hat Lütje von den Segeleigenschaften einer Jacht: "Für mich muss ein Schiff ausgewogen segeln, und dazu gehört auch Gutmütigkeit. Meine Boote sind schlank und eher sportlich", so der Bootsbauer. Technischer Schnickschnack gehört nicht zu Lütjes Philosophie. "Das muss alles einfach zu handhaben sein und funktional - aber dabei gleichzeitig schön, gut anzufassen angenehm fürs Auge. Ich baue keine Raumwunder, mir kommt es nicht darauf an, möglichst viele Kojen für Chartergäste unterzubringen", so Lütje weiter.

An die Funktion der Ausstattung hat Lütje hohe Ansprüche: "Alles, was da ist, muss perfekt funktionieren, wenn bei mir an Bord etwas nicht geht, dann werde ich automatisch mit krank. Das funktioniert aber nur mit einfachen Booten. Das heißt nicht, dass die simpel sind - aber Form und Funktion müssen in einem ausgewogenen Verhältnis zum technischen Aufwand stehen", sagt Lütje.

Eine schöne Jacht ist für Lütje ein Schiff, bei dem die Linien stimmen. "Ich will Schiffe bauen, die der Eigner auch gerne anguckt, wenn es nicht fährt." Auf denen man gerne ist, auch wenn man ankert oder im Hafen liegt. Und dann streicht er mit der Hand über den glatten, rotgolden schimmernden Mahagonibug der Barkasse und sagt: "So wie das hier. Das ist eine schmusige Ecke, die schmeichelt dem Auge und der Hand. So muss ein Schiff sein."

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