Kunst Reiche Russen im Rausch

Ausländische Fußballclubs oder gewaltige Yachten reichen nicht mehr: Russlands Oligarchen investieren zunehmend in bleibende Werte – und entdecken die Kunst. So wie Darja Schukowa. Die Lebensgefährtin des Milliardärs Roman Abramowitsch eröffnet in Moskau ein "Zentrum für zeitgenössische Kunst".
Von Carmen Eller

Hamburg - Darja Schukowa, die Lebensgefährtin des russischen Magnaten Roman Abramowitsch, sorgt für Aufregung in der internationalen Kunstszene. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" schätzt das Vermögen ihres Partners auf 24,3 Milliarden Dollar, er besitzt unter anderem mehrere Luxusyachten, diverse Villen und Landgüter, Privatjets und den englischen Fußballclub Chelsea London.

Am vergangenen Donnerstagabend zeigt die 26-Jährige einem handverlesenen Publikum in Moskau zum ersten Mal ihr neues Zentrum für zeitgenössische Kunst. Die Russin hat dafür eine ehemalige Busgarage von 1927 ausgewählt. Entworfen hat sie der Meister der konstruktivistischen Architektur, Konstantin Melnikow.

"Ein phantastischer Ort", schwärmt Schukowa in "The Art Newspaper", einem Fachblatt, das in London und New York herausgegeben wird. "Als ich ihn zum ersten Mal betrat, wusste ich einfach: Er ist wie gemacht für die Kunst." In eine Galerie verwandelt hat ihn der in London ansässige Architekt Jamie Fobert. Ziel ihres Zentrums sei es, "mit dem russischen Publikum in einen Dialog zu treten", erklärt Schukowa. "Wir hoffen, mit der Galerie alle möglichen Leute anzuziehen, auch solche, die nichts über zeitgenössische Kunst wissen."

Der endgültige Startschuss für die neue Galerie fällt im September, mit einer Retrospektive der zeitgenössischen Moskauer Künstler Ilja und Emilia Kabakow. Auch wenn Besucher erst in drei Monaten einen Blick auf die Bilder werfen können – eine exklusive Gesellschaft feiert schon jetzt. Auf der Party am Abend tanzten die illustren Gäste zur Musik der britischen Souldiva Amy Winehouse, die eigens eingeflogen wurde.

Schukowas Lebensgefährte Roman Abramowitsch sorgte in jüngster Zeit mit spektakulären Kunstkäufen für Schlagzeilen. Offiziell ist es bislang zwar nicht bestätigt, doch die Fachpresse vermeldete, dass der Milliardär im Mai bei Sotheby's und Christie's Francis Bacons Gemälde "Triptych, 1976" für 86,3 Millionen Dollar sowie Lucian Freuds Akt "Benefits Supervisor Sleeping" für 33,6 Millionen Dollar erstanden und damit gleich zwei Auktionsrekorde gebrochen haben soll.

Der Trend geht zum Privatmuseum

Der Trend geht zum Privatmuseum

Die Rolle der Kunst in der Welt der reichen Russen ist wandelbar. Während die einen sie lediglich als Eintrittskarte in die intellektuelle Szene nutzen, verbindet andere eine lebenslange Liebe zur großen Malerei. In Oligarchenkreisen gehören neben Luxusgütern wie Super-Jets und Schlössern längst auch Gemälde zu den Prestigeobjekten.

Doch damit nicht genug – der Trend geht zum Privatmuseum. Millionäre gefallen sich zunehmend als Mäzene. Konzerninhaber hoffen als Kunstliebhaber auf ein bisschen Bewunderung. Schließlich stoßen reiche Russen in der Bevölkerung immer noch auf Argwohn. Mit der Sowjetunion verschwand für viele Einwohner des Landes auch die Existenzgrundlage. Die wirtschaftliche Misere der einen bedeutete den materiellen Aufstieg der anderen.

Der russische Unternehmer Pjotr Awen, dessen Vermögen laut "Forbes" bei 5,5 Milliarden Dollar liegt, begeisterte sich als kleiner Junge nicht nur für Briefmarken, sondern auch für kostbare Bilder. Heute sammelt er postrealistische russische Malerei aus den Jahren 1895 bis 1920. Dazu sowjetisches Agitationsporzellan aus den zwanziger Jahren. Anreiz sei sein Wunsch, eine "verschwundene Welt wieder aufzubauen", sagte Awen dem SPIEGEL. Fußballclubs und Luxusschiffe, "Spielzeuge für Erwachsene", wie er sagt, interessierten ihn im Gegensatz zu Abramowitsch nicht. Noch ist offen, ob er die rund 260 Bilder seiner Sammlung jemals öffentlich ausstellen wird.

Der Moskauer Millionär Igor Markin dagegen hat sich den Traum vom eigenen Museum bereits erfüllt. Im Sommer 2007 eröffnete er in einer kleinen Seitenstraße unweit des Kremls mit dem "Art4.ru" Russlands erstes Privatmuseum für zeitgenössische Kunst. In den Neunzigern war der gelernte Radioingenieur mit dem Vertrieb von Kühlschränken und Fensterläden zu seinem Reichtum gekommen. Der blonde Markin, der sich gerne in Jeans und Turnschuhen zeigt, sammelte Fotoapparate, bevor er sich der Kunst verschrieb.

Sein Moskauer Museum stellt die Konzepte herkömmlicher Kunstmuseen auf den Kopf. Bei Markin darf der Besucher nicht nur Skateboard fahren und an die Toilettenwände kritzeln. Per Aufkleber kann er auch über die ausgestellten Werke abstimmen: "Dafür" oder "Dagegen". Gerne vergleicht sich Markin mit Pawel Tretjakow, dem russischen Kaufmann und Kunstsammler, nach dem in Moskau ein weltbekanntes Kunstmuseum benannt ist: die Tretjakow-Galerie. Nun träumt Markin von einem musealen Großprojekt.

Kein Preis scheint den russischen Mäzenen zu hoch, um das große Geld in zeitlose Güter zu investieren. In ihrem "Zentrum für zeitgenössische Kunst" will Darja Schukowa jedoch nicht nur Werke ausstellen. Geplant sind auch Gastvorträge und eine eigene Kunstbibliothek. Fast scheint es, als gelte auch ein Ausruf Richards des Dritten aus Shakespeares Drama für Russlands Reiche: "Ein Königreich für die Kunst!"

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