Backstreet-Boys-Entdecker 25 Jahre Haft für Pearlman

Er erfand die Chippendales, die Backstreet Boys und N'Sync. Und er betrog Kleinanleger um Hunderte Millionen Dollar. Dafür verurteilte ein Gericht den schillernden US-Musikmogul Lou Pearlman jetzt zu 25 Jahren Gefängnis - es sei denn, "Big Poppa" kann noch irgendwie viele Millionen Dollar auftreiben.

Hamburg - Das Urteil ist so schräg wie die Lebensgeschichte von Lou Pearlman. 300 Monate Haft lautet das Urteil, insgesamt 25 Jahre - allerdings kann sich der 53-Jährige theoretisch komplett freikaufen. Der Richter in Orlando erklärte dem Musikmanager, für jede Million, die er seinen Betrugsopfern zurückzahle, werde ihm ein Monat der Strafe erlassen.

Insgesamt hat Pearlman ahnungslose Anleger um 300 Millionen Dollar geprellt - es ist äußerst zweifelhaft, dass er diese gigantische Summe auftreiben kann. Nach Angaben seines Verteidigers Fletcher Peacock habe Pearlman allerdings bereits 103 Millionen Dollar zurückgezahlt.

"In den neun Monaten seit meiner Festnahme habe ich eingesehen, welchen Schaden ich angerichtet habe", erklärte der gefallene Manager in einer Stellungnahme. "Es tut mir sehr leid und ich möchte mich dafür entschuldigen, was passiert ist."

Seine Firmen mussten Konkurs anmelden und wurden unter staatliche Aufsicht gestellt. Die 12-Millionen-Dollar-Villa, der 38-Millionen-Dollar-Privatjet, der schwarze Cadillac mit dem "Big Pop"-Kennzeichen - alles gepfändet und versteigert, schreibt die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung". Genau wie die Trophäen von den MTV Video Music Awards, die goldenen Schallplatten. Von dem sagenhaften Reichtum des schillernden Boygroup-Machers ist nicht viel mehr geblieben als die unglaubliche Geschichte seines Aufstiegs - und seines riesigen Betrugs.

"Ich hatte keine Ahnung von dieser Art Musik"

Seine ersten unternehmerischen Gehversuche hatte Pearlman nicht im Musikbusiness unternommen, sondern in der Luftfahrt: Seine Kindheit verbrachte der Sohn eines Reinigungsunternehmers in direkter Nachbarschaft zu einem Flugplatz - sein Spielplatz, wie sich der 140-Kilo-Mann später erinnerte: "Ich war elektrisiert." Nach dem College-Studium gründete er einen Helikopter-Service, später wurde er Partner des deutschen Luftschiffpioniers Theodor Wüllenkemper. Das Business lief allerdings keineswegs reibungslos: Luftschiffe stürzten ab, es gab Gerichtsverfahren - Pearlman blieb unbeschadet.

Der Mann mit dem schütteren Haar habe die Überzeugungskraft eines Fernsehpredigers, sagen Geschäftspartner. So brachte Pearlman rund 1400 Kleinanleger dazu, über ein Anlageprogramm in sein neuestes Projekt zu investieren: die Chartergesellschaft "Trans Continental Airlines". Acht Prozent Rendite versprach er - und die Leute zogen mit.

Außerdem stieg er ins Showbiz ein, und zwar so richtig: Er gründete die Strippergruppe "The Chippendales". Die strammen Kerle brachte die Frauen zum Kreischen und Pearlman Millionen. Doch der wollte mehr. Eines Tages kam er auf einem Flug mit dem Manager der Boygroup New Kids on the Block ins Gespräch. Der prahlte ordentlich mit dem Vermögen, das die hübschen Jungs mit ihrem Singsang einbrächten. "Ich hatte keine Ahnung von dieser Art Musik", sagte Pearlman später in Interviews. Doch er dachte sich: Das kann ich auch.

"Big Poppas" Millionengeschäft

"Big Poppas" Millionengeschäft

1992 schaltete er eine schlichte Anzeige und ließ Hunderte Jungs in einer seiner Flugzeughallen vortanzen und singen. Heraus kamen: die Backstreet Boys.

Bevor sie überhaupt ihr erstes Album herausbrachten, kosteten sie Pearlman drei Millionen Dollar. Und anfangs kam auch der Verkauf nur schleppend in Gang. Doch am Ende wurde daraus eines der unerklärlichen Phänomene der Musikindustrie: Irgendwann brach das Backstreet-Boys-Fieber aus - mehr als 100 Millionen Platten gingen weltweit über die Ladentische.

Pearlman hatte seine Berufung entdeckt. Er bastelte jetzt eine Boygroup nach der anderen zusammen. Sein zweiter großer Coup wurde N'Sync, zu denen unter anderem Justin Timberlake gehörte. Dann folgten O-Town, Natural, US5 - immer funktionieren die Bands nach dem gleichen Muster: Hübsche Jungs bringen Teenager-Herzen zum Schmelzen.

Pearlman galt als Produzentengenie. Von seinen Schäfchen ließ sich der schwergewichtige Manager "Big Poppa" nennen. Sie durften sogar in seiner Villa wohnen. Im Gegenzug allerdings zockte er sie ab - das zumindest behaupteten die Bandmitglieder später. Sie beschwerten sich, nur einen winzigen Bruchteil der gigantischen Erlöse von Pearlman bekommen zu haben. Die Backstreet Boys klagten wegen ihrer Verträge, auch N'Sync zog vor Gericht.

Auch Angehörige, Freunde und Senioren betrogen

Ein wirklich gigantisches Betrugsimperium baute Pearlman aber zwei Jahrzehnte lang außerhalb des Musikgeschäfts auf - mit "Trans Continental Airlines".

Während des Prozesses hat er sich selbst schuldig bekannt und zugegeben, dass die vermeintliche Fluggesellschaft in Wirklichkeit kein einziges Flugzeug betreibt. Sie hatte keine Mitarbeiter, keine Einnahmen, keine Gewinne. Auch ein Anlageprogramm gab es nicht - Pearlman nutzte das Geld neuer Anleger schlicht, um alte auszuzahlen. Ein Schneeballsystem.

Die Wirtschaftsprüfer, die Versicherungspolice - alles erfunden. Eines Tages musste der Betrug auffliegen. Als es Ende 2006 soweit war, flüchtete der dubiose Musikmogul nach Bali, wo er aber im Sommer 2007 von einem deutschen Touristen erkannt wurde.

"In den neun Monaten seit meiner Festnahme habe ich eingesehen, welchen Schaden ich angerichtet habe", erklärte Pearlman in einer Stellungnahme. "Es tut mir sehr leid und ich möchte mich dafür entschuldigen, was passiert ist."

Jahrelang allerdings kannte er bei seinen Betrügereien offenbar kaum Skrupel. Zu seinen Opfern gehörten Familienmitglieder, Freunde und alte Menschen. Richter Kendall Sharp sagte, deshalb halte sich "die Sympathie des Gerichts in Grenzen". Die Klagen von Opfern gehen einem Bericht der örtlichen Zeitung "Orlando Sentinel" inzwischen um eine halbe Milliarde Dollar.

So lange es kleine Mädchen gebe, werde er Boygroups erfinden, hat Pearlman einmal gesagt. Es ist das erste Mal, dass er komplett falsch lag.

manager-magazin.de mit Material von dpa und reuters

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