Deutschlands Elite Macht, Moneten, Minderleister

Hart zu sich selbst, hart gegen andere: Julia Friedrichs tauchte ein in ein Paralleluniversum, in dem sich die Manager von morgen zu Gewinnern formen lassen. Im Interview spricht die Autorin über Eliteunis, das Stigma Minderleister - und den Tag, an dem sie 65.000 Euro Einstiegsgehalt ausschlug.
Von Katrin Schmiedekampf

Frage: Deutschland braucht Eliten - was haben Sie gegen diesen Satz einzuwenden?

Friedrichs: Nachdem ich dem Begriff ein Jahr lang hinterhergefahren bin, finde ich ihn sehr unpräzise. Er kann alles meinen. Dass Deutschland sich darum kümmern muss, die besonders Talentierten zu fördern, dass diejenigen das Sagen haben, die schon immer das Sagen hatten - oder dass sich gute Chancen durch Geld erkaufen lassen. In Deutschland werden Menschen gebraucht, die Ideen haben, die auch mal quer denken und Sachen infrage stellen. Ich bezweifle, dass diese Leute sich selbst zur Elite zählen würden. Und umgekehrt glaube ich, dass diejenigen, die sich Elite nennen, das Land nicht unbedingt voranbringen.

Frage: Sie haben eine Reihe von privaten Eliteunis besucht. Was ist falsch daran, dort zu studieren?

Friedrichs: Überhaupt nichts. Dort gibt es viel bessere Lernbedingungen als an staatlichen Einrichtungen. Aber die Plätze werden nicht nur nach Leistung vergeben, sondern es geht auch immer ums Geld. Daher bewerben sich relativ wenig Leute. 10.000 Euro Gebühren im Jahr - das kann sich eben kaum jemand leisten.

Frage: In Ihrem Buch stellen Sie die Frage, wie man Elite wird. Welche Antworten haben Sie gefunden?

Friedrichs: Wenn man Elite damit gleichsetzt, dass jemand Karriere macht, glaube ich, dass viele, die ich getroffen habe, es schaffen können. Bei meiner Reise habe ich Institutionen besucht, die sagen: "Wir formen Elite." Da bekommen die Schüler und Studenten bessere Chancen, mehr Aufmerksamkeit, später mehr Geld. Und Elite heißt, man hat schon früh die richtigen Netzwerke. Wenn jemand von außen versucht, in diese Zirkel hineinzukommen, muss er sich viel mehr anstrengen und braucht Glück.

Frage: In Ihrem Buch erzählen Sie auch von einem Vater, der 400 Kilometer fährt, um seinen Sohn zum Campus Day einer Eliteuni zu bringen. Dürfen Eltern ihre Kinder nicht unterstützen?

Friedrichs: Ich kannte es einfach nicht, dass die Eltern bei der Berufswahl so involviert sind. Bei mir und meinen Freunden war das anders, wir wollten selbst entscheiden und unsere Eltern möglichst raushalten. Aber ich verstehe jeden, der seinen Kindern bessere Möglichkeiten erkaufen möchte. Am staatlichen System gibt es sicher viel auszusetzen. Es wird natürlich dann ein Problem, wenn der Erfolg der Kinder von den Finanzen der Eltern abhängt.

"Viele waren hart zu sich selbst"

Frage: Sie haben in Dortmund Journalistik studiert. Dafür braucht man einen Notenschnitt von 1,1 oder besser - auch Sie gehören also zu einer Elite ...

Friedrichs: Nein. Elite macht nur dann Sinn, wenn man davon ausgeht, dass ein Mensch einen gewissen Einfluss und eine gewisse Macht hat. Es wird zwar probiert, den Begriff zu entschärfen, indem man sagt, dass alle Talentierten und besonders Guten zur Elite gehören. Aber dann fallen schnell 30 oder 40 Prozent der Gesellschaft darunter. Und gerade das sagt der Begriff ja nicht. Zur Elite gehört nur eine ganz kleine Gruppe. Eliteforscher zählen etwa 4000 Leute im Land dazu, Richter, Politiker und Wirtschaftsbosse - also Leute, die die Regeln aufstellen, nach denen wir leben.

Frage: Ist es nicht auch Ihr Ziel, ganz nach oben zu kommen - als Journalistin?

Friedrichs: Es ist es nicht mein Traum, eine bestimmte Position zu erreichen, also Chefredakteurin zu werden. Mein Traum wäre eher, über die Dinge, die mir wichtig sind, berichten zu können, meine Themen selbst wählen zu können. Das wäre für mich Karriere - dass ich es schaffe, mir diese Freiräume zu erkämpfen. Das war es auch, was mir gefehlt hat: Die Studenten, die ich an den Eliteunis getroffen habe, hängen sehr an diesem Positionsgedanken. Ihnen war es wichtig, ganz nach oben zu kommen. Aber was sie dann da oben machen wollen, konnten sie nicht sagen.

Frage: Bei Ihrer Recherche haben Sie immer wieder Menschen getroffen, die andere in Gewinner und Verlierer einteilen. Haben auch die Studenten an den Eliteunis so gedacht?

Friedrichs: Den Studenten wurde in Workshops immer wieder vermittelt, dass das Leben ein Wettkampf ist und man zusehen muss, zu den Gewinnern zu gehören. Ein Topmanager meinte: "Wer 40 Stunden pro Woche arbeitet, ist Minderleister. Ihr müsst Höchstleister sein." Unter den Studenten war dieses Denken weniger verbreitet. Sie haben immer noch versucht, die anderen mitzunehmen. Allerdings glaubten viele, dass man sich nicht genügend angestrengt hat, wenn man es nicht schafft. Und für Bummelstudenten an staatlichen Unis hatte kaum jemand Verständnis. Viele waren hart zu sich selbst - und erwarteten das auch von anderen.

"Das Geld war ungemein verlockend"

Frage: Sie haben sich in das Auswahlverfahren von McKinsey eingeschlichen und bekamen dort schließlich einen Job angeboten. Wieso haben Sie abgesagt?

Friedrichs: Ich habe kurz überlegt, ob ich es mache, mir sogar zwei Wochen Bedenkzeit genommen. Das Geld war ungemein verlockend. Außerdem fand ich es toll, das Aufnahmeverfahren geschafft zu haben. Aber ich wollte ja eigentlich nie Unternehmensberaterin werden - ich habe ja nur mitgemacht, um zu recherchieren. Es wäre einfach kein Beruf gewesen, der mir Spaß gemacht hätte. Ich hätte große Probleme mit dem Inhalt der Arbeit gehabt. Und damit, mir genau vorschreiben zu lassen, was ich tun und was ich lassen soll.

Frage: Sie haben ein Jahresgehalt von 65.000 Euro ausgeschlagen - werden Sie sich eines Tages darüber ärgern?

Friedrichs: Das kann ich noch nicht sagen. Bisher war es die richtige Entscheidung. Aber es geht mir auch nicht wirklich schlecht, ich arbeite als freie Journalistin und konnte immer meine Miete zahlen. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann denke: "Ach Mist, hättest du das mal gemacht."

Frage: Was werfen Sie McKinsey eigentlich vor?

Friedrichs: Ich werfe dem Unternehmen nicht vor, was es tut. Ich glaube, dass es auch für Unternehmensberatungen eine Daseinsberechtigung gibt. Aber ich glaube, dass es falsch ist, wenn die Kriterien, nach denen sie arbeiten, auch auf andere Bereiche angewendet werden. Wenn es darum geht, den Staat, Krankenhäuser oder Unis zu beraten, darf es einfach nicht nur um Effizienz gehen.

Frage: Bei Ihren Recherchen haben Sie einen Iraner getroffen, der dank eines Stipendiums auf einer Eliteuni gelandet ist. Warum ist dieser Weg okay?

Friedrichs: Der Iraner war der Einzige, der auf einer Eliteuni war und das infrage gestellt hat. Das hat mich überrascht. Denn er war jemand, bei dem ich verstanden habe, dass man sagt: "Er ist Elite." Er hat sich ganz nach oben gekämpft, die anderen nicht nur eingeholt, sondern sogar überholt. Doch gerade dieser Mann hatte die größten Probleme damit, sich zur Elite zu zählen. Er hatte das Gefühl, dass dieser Begriff benutzt wird, um sich von anderen abzugrenzen.

Frage: Was genau wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?

Friedrichs: Ich fände es gut, wenn man den Satz "Wir brauchen Eliten" nicht so unreflektiert benutzen, sondern sich fragen würde: Was soll das eigentlich bedeuten? Und welche Konsequenzen hat es, wenn wir bestimmte Leute fördern, ihnen mehr Chancen geben, mehr Rechte einräumen? Wollen wir das? Wenn ja - nach welchen Kriterien wählen wir diese Leute aus? Das sollte diskutiert und gemeinsam festgelegt werden. Ich habe das Gefühl, dass das Verfahren bisher nicht sehr transparent ist.

Das Interview führte Katrin Schmiedekampf, SPIEGEL ONLINE

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