Selbstständigkeit Erfolg ohne Chef

Karriere geht auch ohne Arbeitgeber. Trainerin Sabine Asgodom erklärt, warum jeder Berufstätige ein Konzept für die Selbstständigkeit braucht, wie sich Ideen für den selbstbestimmten Weg entwickeln lassen - und wie man damit Geld verdienen kann.

mm.de: Frau Asgodom, Ihrer Ansicht nach sollte jeder Beschäftigte ein Konzept für die Selbstständigkeit in der Schublade haben. Warum?

Asgodom: Sie können in Zukunft nicht mehr sicher sein, Ihren Job zu behalten - geschweige denn, in Ihrem Beruf eine neue Stelle zu bekommen. Außerdem ist die finanzielle Unterstützung durch den Staat nicht mehr gesichert. Sie können sich auch nicht mehr darauf verlassen, dass Ihr Partner Ihnen bei einem Engpass unter die Arme greifen kann.

Dazu kommt, dass niemand vorhersehen kann, ob er später einmal mit seiner Rente auskommen wird. Für Frauen kommt das Problem hinzu, dass sie trotz herausragender Leistungen häufig nicht befördert werden. Deshalb sollte man jederzeit bereit sein, auf Selbstständigkeit umzusteigen. Wer einen eigenen Businessplan in der Tasche hat, ist übrigens auch ein besserer Angestellter.

mm.de: Weshalb?

Asgodom: Ein solcher Angestellter geht seinem Job wirklich freiwillig und selbstbewusst nach. Er weiß, dass er dank seiner eigenen Geschäftsidee eine Alternative hat - und unterliegt nicht dem ständigen Gefühl, zu seiner aktuellen Tätigkeit gezwungen zu sein. Ein Mitarbeiter, der alle Optionen hat und sich trotzdem bewusst für seinen Arbeitgeber entscheidet, ist ein Segen für den Betrieb. Wenn ich ein CEO eines Großunternehmens wäre, würde ich dafür sorgen, dass jeder meiner Beschäftigten einen eigenen Businessplan ausarbeitet.

mm.de: Angenommen, ich bin als Anlageberater bei der Deutschen Bank tätig, habe also einen prestigeträchtigen Job mit gutem Einkommen. Wieso sollte ich mich dann selbstständig machen und als unabhängiger Finanzdienstleister durchschlagen?

Asgodom: Es herrscht der weitverbreitete Irrtum, nicht jeder könne sich die Selbstständigkeit leisten. Aber fragen Sie mal einen selbstständigen Finanzberater, wie viel er verdient. Wenn Sie den richtigen Bereich für eine Existenzgründung gefunden haben, werden Sie mehr Geld verdienen als je zuvor in Ihrem Leben. Zum Beispiel steigert sich das Gehalt einer Sachbearbeiterin der Deutschen Telekom erheblich, wenn sie ihr Wissen als selbstständige Beraterin vermarktet.

"Die gemütlichen Zeiten sind vorbei"

mm.de: Dafür gibt sie aber eine sichere Anstellung auf.

Asgodom: Das sehe ich anders. In Deutschland wird Angestelltsein immer mit Sicherheit und Selbstständigkeit mit Risiko gleichgesetzt. Doch es ist ein schwerer Fehler, zu glauben, als Angestellter in einem Großunternehmen sei man wesentlich sicherer. Einmal bei Siemens, immer bei Siemens? Pustekuchen.

Man geht eben auch ein großes berufliches Risiko ein, wenn man eine Stelle bei einem global agierenden Konzern annimmt. Denn da zählt es letztlich wenig, wie viel Leistung Sie erbringen - Ihren Job können Sie trotzdem verlieren. Nokia hat in Bochum große Gewinne mit der Arbeit seiner Beschäftigten gemacht, dennoch wird das Werk geschlossen. Und die Liste der Unternehmen, die Tausende von Jobs in Deutschland abbauen ist lang: Sie reicht von Airbus über Henkel und Telekom bis hin zu Volksfürsorge und Volkswagen. Die gemütlichen Zeiten sind ein für alle Mal vorbei.

mm.de: Dennoch ziehen die meisten Deutschen der Selbstständigkeit einen festen Job vor.

Asgodom: Das stimmt. Viele Menschen machen sich erst aus einer Notsituation heraus selbstständig. Die meisten sind zwischen 40 und 45 und durchleben eine Sinnkrise. Es ist das Gefühl: War das schon alles? Will ich den gleichen Job auch in 20 bis 25 Jahren noch machen? Sie sind frustriert, weil der Chef sie nicht weiterkommen lässt, weil die Firma vor sich hindümpelt - oder weil eine Versetzung in eine andere Stadt bevorsteht.

Ohne die Schmerzgrenze erreicht zu haben, verändert sich fast niemand. Nur ganz wenige wollen wirklich aus eigenem kreativem Ideentrieb selbstständig werden. Aber man sollte sich von den negativen Assoziationen der Selbstständigkeit verabschieden - und die damit verbundenen Chancen sehen.

mm.de: Als Selbstständiger wird man doch erst recht zum Getriebenen. Man muss auf eigene Faust Kunden und Aufträge akquirieren - und bekommt Wirtschaftsflauten unmittelbarer zu spüren.

Asgodom: Mit einem kleinen, eigenen Unternehmen sind Sie wesentlich flexibler. Sie können angemessen auf Marktkrisen und Veränderungen reagieren und ein neues Angebot kreieren. Gewiss, gerade Anfänger machen Fehler, verlieren bisweilen Teile ihres investierten Kapitals. Aber aus solchen Schwierigkeiten lernt man. Es ist ein schönes Gefühl, selbst die Verantwortung zu tragen und von keinem Chef zur Rechenschaft gezogen zu werden. Wenn das Projekt richtig schiefgeht, kann man ja immer noch als Angestellter arbeiten.

"Fünf aussichtsreiche Zukunftsbranchen"

mm.de: Welche Eigenschaften muss ein Existenzgründer mitbringen? Vor allem den Hang zum Draufgängertum?

Asgodom: Bloß nicht! Natürlich kann eine Prise Leidenschaft nicht schaden. Aber ein Existenzgründer muss kühl sein bis ins Herz - und in erster Linie rechnen können. Und er sollte sich rechtzeitig Hilfe für alle Aufgaben holen, bei denen der eigene Sachverstand nicht ausreicht. Eine noch so Erfolg versprechende Idee kann scheitern, wenn Sie keine Ahnung von Buchhaltung haben. Dann müssen Sie sich einen fähigen Rechnungsführer mit ins Boot holen.

Die entscheidende Voraussetzung für eine erfolgreiche Existenzgründung ist die Fähigkeit zur Kommunikation. Man muss mit Mitarbeitern reden können, mit Zulieferern und Kunden. Wem diese Fähigkeit fehlt, der braucht einen kommunikationsfähigen Kompagnon. Die Einzelkämpferstory ist vorbei. Wer Erfolg haben will, braucht Mitstreiter.

mm.de: Wie könnte ein Konzept für die Selbstständigkeit aussehen? Welche Vorüberlegungen sind anzustellen?

Asgodom: Man muss sich darüber im Klaren sein: Was kann ich, was die Welt braucht? Oder umgekehrt: Was braucht die Welt, was ich kann? Welche Erfahrungen habe ich in meinem Beruf bereits gesammelt? Der amerikanische Wissenschaftler Robert Reich, Harvard-Professor und Ex-Wirtschaftsminister, hat die aussichtsreichsten Zukunftsbereiche für Existenzgründer mit den "fünf C" umschrieben: Dazu gehört Computing, das auch in den nächsten 20 bis 30 Jahren noch aktuell sein wird. Denn die IT-Branche wird weiter boomen.

Das zweite C steht für Caring, also den steigenden Betreuungsbedarf in unserer Gesellschaft, etwa für alte Menschen und Kinder. Große Bedeutung hat auch nach wie vor das Catering, also die Lieferung hochwertiger Lebensmittel. Das vierte C bedeutet Counseling, sprich Beratungsleistungen: Die Palette reicht von der Auswahl der richtigen Gardinenfarbe bis hin zu hochkomplexen Umbauprozessen in Großunternehmen. Eine immer größere Rolle spielt auch Coaching, die Entscheidungshilfe durch professionelle Trainer.

"Strategie des langsamen Einschleichens"

mm.de: Wie kann man die Marktchancen für eine Idee realistisch einschätzen?

Asgodom: Im Internet lässt sich ganz einfach abchecken, welche Dienstleistungen in anderen Ländern angeboten werden. Man sollte zuerst einen Blick auf die neuesten Geschäftsideen in den USA werfen. Denn die Vereinigten Staaten sind uns immer drei bis vier Jahre voraus. Dann sollte man möglichst viele Gespräche mit Freunden und Kollegen führen - oder einfach Unbekannte auf der Straße ansprechen. So gewinnt man wertvolle Eindrücke, ob die Idee ankommt.

Es gibt viele ungewöhnliche Dienstleistungen, mit denen Sie eine hohe Rendite erzielen könnten: beispielsweise Karriereberatung für begabte Schüler, Hochzeitsplanung für große Gesellschaften. Oder die Vermittlung von Arztpraxen an Mediziner und umgekehrt.

Letztlich muss man herausfinden, ob es ähnliche Angebote bereits gibt. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, nur exklusive Neuheiten führten zum Erfolg. Immer dann, wenn eine Idee völlig einmalig ist, sollte man sehr genau nachrechnen. Denn möglicherweise gibt es schlichtweg keinen Markt dafür.

mm.de: Wie viel Zeit muss man einkalkulieren, um das eigene Geschäft zum Laufen zu bringen?

Asgodom: Ich empfehle stets die Strategie des langsamen Einschleichens. Man sollte nicht den festen Job hinschmeißen und von heute auf morgen das eigene Unternehmen starten. Mein Rat: Machen Sie weiterhin Ihren Job. Wenn möglich, reduzieren Sie ihn ein wenig - vielleicht um einen Tag pro Woche. Nebenbei können Sie die neue, eigene Tätigkeit schon einmal beginnen. Recherchieren Sie, gehen Sie auf Messen, stellen Sie Experten Ihre Idee vor! Damit verhindern Sie einen überstürzten Startversuch und ein frühzeitiges Scheitern.

mm.de: Statistiken zufolge meldet rund die Hälfte der Gründer ihr Gewerbe nach fünf Jahren wieder ab. Wie lässt sich das Risiko der Pleite minimieren?

Asgodom: Ein häufiger Anfängerfehler besteht darin, das Geld gleich zu Beginn zum Fenster rauszuwerfen. Wer sich sofort ein viel zu geräumiges Büro mietet und einen 7er-BMW kauft, hat ein Problem. Neben einer gewissen Sparsamkeit ist es wichtig, immer wachsam und selbstkritisch zu bleiben. Man darf sich nicht von Anfangserfolgen blenden lassen. Triumph macht leichtsinnig. Eine meiner Kundinnen hat schlicht damit aufgehört, neue Kunden zu akquirieren, weil das Geschäft so gut lief. Dann sind drei Bestandskunden weggebrochen, und plötzlich war die Krise da.

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