Mittwoch, 22. Mai 2019

Tom Peters Wirtschaftsvisionär, Guru, Popstar

3. Teil: Erst Revolte, dann Pop

Wo sind die unumstößlichen Urgesetze, auf denen eure Wissenschaft aufbaut, fragen sie, wo die rein erkenntnisorientierten, wissenschaftlichen Methoden? Was soll dieses ständige Gerede von Praxisorientierung? Gegen solche Fragen müssen sich seit Jahrzehnten die Betriebswirte zur Wehr setzen. Das beste Argument auf ihrer Seite ist das Interesse der Studenten.


Tom Peters: "Führung"; Gabal Verlag 2008, 160 Seiten, 12,50 Euro.

Tom Peters kommt die Rolle des Scharlatans zu. Mit großer Geste lehnen seine Ökonomenkollegen ihn ab. "Zu unwissenschaftlich", schimpfen sie. Auch seine expressive Guruhaftigkeit geht ihnen auf die Nerven. Ein bisschen Neid ist sicher mit dabei. Doch vor allem dient die Artikulation der Peters-Abscheu der eigenen Positionierung im akademischen Betrieb. Wer Peters kritisiert, will damit vor allem sagen, dass er selber, anders als der frühere Unternehmensberater, echte Wissenschaft betreibt.

Der selber sieht seine Outsiderrolle ambivalent. Einerseits gibt der studierte Ingenieur und promovierte Managementwissenschaftler gerne mit seinen akademischen Titeln an - "ich habe mehr als die meisten Managementprofessoren." Andererseits gefällt ihm das Bild von sich als Provokateur. Vor allem entwirft sich Peters als wirklichkeitsnaher Antipode zum methodenfixierten Michael Porter. "Vielleicht mag ich die Menschen etwas mehr als Porter", sagt er.

Peters, der große Humanist, der Menschenversteher? Diese Interpretation jedenfalls vertritt auch der britische Ökonom David Collins. In einem Aufsatz für die Zeitschrift "Management Decision" setzt er sich, textanalytisch formuliert, mit der "narrativen Form" und ihrem Wandel im Werk von Peters auseinander. Collins entdeckt dabei, dass Peters im Laufe seiner Bücherproduktion zunehmend experimentierte, heute Bücher ohne ordentlichen Anfang und zusammenfassendes Ende schreibt, auf wilde Querverlinkungen und Hypertextstrukturen setzt.

Erst Revolte, dann Pop

Managementbücher lesen, so Collins, soll für Peters sein wie Schallplatte hören - eine Idee, die schon der Philosoph Gilles Deleuze zusammen mit Felix Guattari im Buch "Tausend Plateaus" aufwarf. Sie wollten ihr Werk wie eine Schallplatte genutzt wissen, deren Fans direkt zur Lieblingsstelle springen und diese wieder und wieder hören.

Auch Peters schreibt Bücher, in die jeder nach Interesse und Belieben an jeder Stelle einsteigen kann. Bücher, die bei dem Rezeptionsverhalten viel beschäftigter Manager und der iPod-Generation ansetzen. Man tritt sicher keiner der beiden Gruppen zu nah, wenn man ihr eine gewisse Ablehnung der linearen Lektüre von 400-Seiten-Wälzern unterstellt.

Mit Deleuze wurde Philosophie erst Revolte, dann Pop. Ähnlich, glaubt Collins, versucht letztlich auch Peters, allem Realismus zum Trotz, das Nachdenken über und das Management von Unternehmen zu etwas Rauschhaftem, Zen-artigem, Weltentrücktem zu machen. Womit auch der Begriff des Gurus eine neue Wahrheit bekäme.

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