Sonntag, 18. August 2019

Tom Peters Wirtschaftsvisionär, Guru, Popstar

2. Teil: Vom Langweilerimage befreit

Vom Langweilerimage befreit

Doch es gibt noch ein anderes, psychologisches Moment, das die Gurus für Manager und Unternehmer so wertvoll macht. Mit ihnen bekommt das Wirtschaftssystem nämlich sein eigenes Stück Starrummel. Es wird, zumindest in den Augen der Beteiligten, von seinem Langweilerimage befreit.

Peters als Antiwissenschaftler: Im Kapitalismus regiert immer ein Stück Chaos
Und die Gurus werden durch den Rummel ziemlich reich, vor allem durch die Möglichkeit zu ganzjährigen Buch-Interview-Vortragsmarathons. 100.000 Dollar bekommt Peters angeblich für einen Auftritt. Viel Geld - auch wenn er auf der Bühne richtig arbeitet, sich geriert wie ein Berserker und dabei, wie ein Insider mal berechnete, über elf Kilometer zurücklegt.

Über sein persönliches Geschäftsmodell redet er nicht viel. Lieber predigt Peters das Unternehmertum in uns allen. Aus dem Stegreif kann er einen laut rumorenden Strom an Business-Weisheiten, untermalenden Fakten und einigermaßen zum Thema passenden Witzen loslassen. Im Interview lässt er widerwillig auch schon mal die Unterbrechung durch Fragen zu.

Auf der Bühne gibt er den Prediger, brüllt, hüpft umher, verleiht mit umherfliegenden Armen dem Begriff "Flipcharts an die Wand werfen" eine neue, physische Bedeutung. Gestaltet sind die Charts wie die Comic-Einsprengsel in postmodernen Tarantino-Filmen. "I hate linear thinking", sagt er im Interview.

Worin seine Kernthesen genau liegen, ist nicht immer leicht auszumachen - der große Systematiker ist Peters nicht. Er betreibt Management by atmosphere. In Konzernen will er das Unternehmertum freilegen, sie von zu viel Bürokratie und Entscheidungsschwäche befreien, sie dazu bringen, vor lauter Wettbewerbsorientierung nicht den Sinn für das Eigene zu verlieren. Er will gesellschaftlich eine Sensibilität dafür schaffen, dass im Kapitalismus immer auch ein Stück Chaos regiert und zu viel Kontrolle alles Innovative tötet.

Was das genau für das einzelne Unternehmen bedeutet, warum lineares Denken falsch ist und vor allem wie nichtlineares Denken in einer Firma systematisch verankert werden kann - das verschweigt er. Darum geht es auch nicht. Für die Kultur des Kapitalismus spielt Peters nicht die Rolle desjenigen, der komplizierte Schemata aufbaut, die MBA-Studenten auswendig lernen. Peters gibt den Antiwissenschaftler. Denjenigen, an dem sich die anderen Wissenschaftler abarbeiten können. "Ich bin ein frustrierter Akademiker", sagt er, plötzlich wieder in diesem Leide-Säuselton.

Genauso frustriert ist die ökonomische Professorenschaft über ihn - oder gibt sich zumindest diesen Anstrich. Dafür gibt es taktische Gründe. Man muss wissen: In der akademischen Welt haben die Business oder Management Studies, hat auch die deutsche Betriebswirtschaftslehre einen schweren Stand. Andere Disziplinen sprechen ihr gerne mal die Wissenschaftlichkeit ab.

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