Porträt Der machtbewusste Herr Zumwinkel

Post-Chef Klaus Zumwinkel wirkt, als könnte er niemandem ein Haar krümmen: stets freundlich, korrekt und bescheiden. Wenn es allerdings darum geht, seine Interessen durchzusetzen, zieht der ehemalige McKinsey-Manager alle Register. Wer ist der Mann, dem ein Ex-Minister ein "Übermaß an Macht" bescheinigt?

Hamburg - Wenn Post-Chef Klaus Zumwinkel nach seiner Zukunft im Konzern gefragt wurde, antwortete er stets mit dem gleichen Satz: "Mein Vertrag läuft bis Ende 2008 - und den werde ich auch mit Freude weiter erfüllen." Nichts anderes erwartete man von dem pflichtbewussten Manager mit den stets freundlichen Gesichtszügen.

Zumwinkel ist ein Mann, der den Eindruck macht, dass man sich auf ihn verlassen könne: immer korrekt und fast besessen von Zahlen und Ergebnissen. Der 64-Jährige gilt als bescheiden und zurückhaltend, nach außen wirkt er manchmal fast unspektakulär. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist der Vater von zwei Kindern mit seiner Studienkollegin und jetzigen Lehrerin verheiratet. "Ich bin immer gleich temperiert", sagt Zumwinkel über sich selbst.

Als der Manager am 15. Dezember 2007 seinen 64. Geburtstag feierte, hatte er sich im Laufe eines Jahres allerdings so viel Feinde gemacht wie wahrscheinlich noch nie zuvor in seinem ganzen Leben. Mit all der Macht, die dem bestens vernetzten Manager zur Verfügung stand, hatte er über den Umweg des Entsendegesetzes den Mindestlohn für Briefzusteller gesetzlich zementiert - das Todesurteil für Pin, die unterdessen insolvente Brieftochter des Axel-Springer-Verlags. Die Verluste aus der Pin-Insolvenz beziffert der Medienkonzern auf 620 Millionen Euro. Die Wettbewerber Hermes und TNT legten die Pläne für die Errichtung eines flächendeckenden Netzes von Brieffilialen auf Eis.

Nicht nur die betroffenen Konkurrenten, auch das Kartellamt kritisierte das neue Gesetz als eine Hilfskonstruktion zur Zementierung des Post-Monopols. Mindestens 9,80 Euro brutto sollen künftig Postboten im Westen Deutschlands und in Berlin pro Stunde erhalten; neun Euro werden es in den östlichen Bundesländern sein.

Dieses Bravourstück war Zumwinkel gelungen, obwohl ein Gutachten Mitte vergangenen Jahres bewies, dass die Post ihren zahlreichen Subunternehmern selbst nur niedrigste Löhne zahlte. Zumwinkel spannte alle ein, die ihm für die Erreichung seines großen Ziels hilfreich sein konnten: Gewerkschaften, Parteien, SPD-Mann Klaus Müntefering und CDU-Frau Angela Merkel.

Und so hat der passionierte Bergsteiger und Marathonläufer am Ende wieder alle besiegt, um sein Lebenswerk zu erhalten. Den Global Player Deutsche Post, mit ihm an der Spitze. "Häuptling Silberlocke" nennen Mitarbeiter Zumwinkel oder "gelbe Eminenz".

Ärger um Aktienverkäufe

Ärger um Aktienverkäufe

Zumwinkel hat seinen Ruf zu verlieren. Er ist der Methusalem unter den Lenkern eines Dax-Konzerns, kein Manager wurde höher ausgezeichnet, kaum jemand ist besser vernetzt. Ob Post, Deutsche Telekom oder Lufthansa - in den privatisierten Staatsbetrieben sitzt Zumwinkel an den Schaltstellen der Macht, in Vorstand oder Aufsichtsrat. Er habe "ein Übermaß an Macht", zitierte die "Welt" kürzlich einen der vielen Ex-Minister, die Zumwinkel im Amt überlebt hat.

Kurz nachdem die Regierung den Postmindestlohn beschlossen hatte, wurde bekannt, dass Zumwinkel aus Aktienverkäufen 4,73 Millionen Euro erlöst hat. Kritiker warfen dem Post-Chef vor, er habe sich bewusst bereichert, den Schub, den die Aktie nach Bekanntgabe des Mindestlohns erhielt, ausgenutzt. Zumwinkel entschuldigte sich zwar, bestreitet aber bis heute, den Kurssprung ausgenutzt zu haben.

Zumwinkel stammt aus einer wohlhabenden Familie. Seine Eltern führten in Nordrhein-Westfalen ein ansehnliches Handelsimperium. Der Vater starb unerwartet früh, seinen beiden Kindern - Klaus und dessen neun Jahre älterem Bruder - hinterließ er ein stattliches Vermögen. Zumwinkel nutzte den Reichtum für ein paar Extras, fuhr einen Porsche und kam in der Welt herum. 1969 machte er sein Kaufmannsdiplom, zwei Jahre später seinen Master an der Wharton Business School in Philadelphia. Seit 1973 darf sich Zumwinkel mit dem Titel Dr. rer. pol. schmücken, die handfeste Karriere begann beim Berater McKinsey.

Dort arbeitete er sich schnell nach oben, schon 1984 war er Senior Partner und Mitglied der weltweiten Geschäftsführung. Mit 42 Jahren wurde der gewiefte Manager Vorstandschef des Quelle-Versands, 1990 ging er als Vorstandsvorsitzender zur Deutschen Bundespost, seit 1995 ist er Chef der Deutschen Post AG.

Post-Chef ist Zumwinkel inzwischen im 19. Jahr, der Konzern ist sein Werk. Vor Zumwinkel gab es nur den Post-Minister, und Zumwinkels Sanierung ist radikal: Von 1990 bis 1998 sinkt die Zahl der Post-Mitarbeiter von 380.000 auf 250.000, die Zahl der Postfilialen halbiert sich bis 2002 auf gut 12.700. Ab 1997 startet der Ausbau der ehemaligen Behörde zum Weltkonzern. Zum neuen Millennium tauft Zumwinkel den Konzern in "Deutsche Post World Net AG" um. Unterdessen arbeiten für den Konzern weltweit über 500.000 Mitarbeiter.

Auf dem Absprung

Auf dem Absprung

Mit der Jahrtausendwende bekommt die Deutsche Post World Net AG aber auch ernste Probleme. Die EU verurteilt den Konzern zu zwei Kartellstrafen in Rekordhöhe; die Bonner Regulierungsbehörde fordert Zumwinkel dazu auf, zum Januar 2003 das Briefporto zu senken.

Zumwinkel legt sich mit der Regierung an, er sagt, er finde diese Forderung "nicht nachvollziehbar". Er droht, Tausende Arbeitsplätze zu streichen und weitere Post-Filialen zu schließen. Die Post-Aktie verliert fast die Hälfte ihres Werts.

In den vergangenen Jahren kriselt es in Zumwinkels Weltkonzern in einigen Bereichen. Vor allem das US-Geschäft hat sich zu einem Milliardengrab entwickelt. Die Zustellung von Eilsendungen innerhalb der USA kostete den Konzern bislang geschätzte sieben Milliarden Euro, der Gewinn der Post AG ist durch die Verluste aus Übersee stark eingebrochen. Zumwinkels Image als Reformer, der Wirtschaftsgeschichte schrieb, hat dicke Kratzer bekommen.

Zuletzt mehrten sich allerdings die Hinweise, dass Zumwinkel seinen Abgang vorbereitet. Über den Verkauf der Postbank wird öffentlich nachgedacht, über den Verkauf des defizitären US-Geschäfts ebenso - sofern sich keine bessere Lösung findet. Es scheint, als versuche Zumwinkel sein Lebenswerk zu retten, ehe er es an einen Nachfolger übergibt.

Nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft möchte Zumwinkel Post-Aufsichtsratschef werden und im Gegenzug den Posten im Kontrollgremium der Deutschen Telekom abgeben. Darüber soll im Sommer verhandelt werden. Ob es zu diesen Verhandlungen kommt, ist seit heute fraglich.

manager-magazin.de

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