Arbeit im Alter Noch mal Gas geben

Jung bleibt, wer sich neue Ziele setzt. In Deutschland steigt die Zahl derer, die mit über 65 Jahren noch arbeiten - seit 2000 um ein Drittel. Und wer in den Ruhestand geht, bereut es oft: Die meisten Rentner wünschen sich nach spätestens einem Jahr zurück an den Arbeitsplatz.

Berlin - Eigentlich könnten Hartmut Mehdorn, 65, und John McCain, 71, ein entspanntes Leben führen. Die zwei sind im offiziellen Rentenalter. Doch anstatt Golf zu spielen oder Segeln zu gehen, geben beide noch mal richtig Gas.

Mehdorn auf dem Chefposten der Deutschen Bahn, von wo aus er noch bis 2011 gegen alle kämpfen will, die sich in seinen Weg stellen: Bundesbehörden, Ministerien, Lokomotivführer. Der republikanische Senator McCain in der Schlacht um die Kandidatur für das mächtigste Amt der Welt - das des US- amerikanischen Präsidenten. Wieso die älteren Herren sich diesen Stress noch antun? Mehdorns Fazit: "Ich fühle mich ganz wohl und stehe morgens nicht auf und gucke in meine Geburtsurkunde."

Das süße Verlangen nach Macht

Mit dieser Auffassung ist der Spitzenmanager offenbar nicht allein. In Sachsen-Anhalt regiert der 71-jährige Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU), Ferdinand Piëch sitzt mit seinen 70 Jahren auf dem Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden bei VW  und Hans Riegel junior herrscht mit stolzen 84 Jahren immer noch über das Gummibären-Imperium Haribo.

Macht, Bewunderung, Selbstbestätigung? Was ist es, das manche Menschen auch im hohen Alter immer weiterarbeiten lässt? "Das Verlangen nach Macht ist ein entscheidender Faktor", sagt Detlev Liepmann, Wirtschaftspsychologe an der Freien Universität Berlin. "Wer einmal an der Spitze mitgemischt hat, dem fällt es schwer, die Fäden aus der Hand zu geben."

Zudem hat der Wissenschaftler folgendes Phänomen beobachtet: Die hohe Arbeitsmotivation, die vor allem junge Berufstätige antreibe, lasse mit der Zeit zwar immer mehr nach, kehre bei manchen mit Mitte Fünfzig allerdings wieder zurück. "Die wollen es sich selbst und vor allem anderen noch einmal zeigen", sagt Liepmann. Das hänge allerdings stark davon ab, wo, unter welchen Bedingungen und warum die Menschen arbeiten. "Wer auf das Geld angewiesen ist, empfindet Arbeit eher als Belastung."

Nicht Geld, Anerkennung zählt

Nicht Geld, Anerkennung zählt

Insgesamt ist in Deutschland die Zahl derer, die mit über 65 noch arbeiten, gestiegen. Laut Statistischem Bundesamt waren es im Jahr 2006 rund 552.800 Menschen. Das sind über ein Drittel mehr als noch im Jahr 2000. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Viele haben einfach Lust, wie Ursula Staudinger, Altersforscherin an der Jacobs University Bremen, berichtet. In einer noch unveröffentlichten Studie hat sie herausgefunden: Zwar fieberten die meisten dem Ruhestand entgegen. Doch nach einem Jahr als Rentner wünschten sie sich zurück in den Beruf. "Das geht querbeet durch alle Berufsgruppen", berichtet Staudinger.

Ähnliches hat auch Jürgen Deller herausgefunden. Der Wirtschaftspsychologe aus Lüneburg hat 150 arbeitende Ruheständler - vom Zimmermädchen bis zum Vorstandsmitglied - im Alter von 60 bis 85 Jahren befragt. "Der Mehrheit ging es bei der Arbeit nicht ums Geld, sondern um Anerkennung", berichtet er. Mit Blick auf die Mängel in den bestehenden Vorsorgesystemen könnte sich dies seiner Meinung nach aber bald ändern. "Für viele ältere Menschen könnte Altersarbeit zur Notwendigkeit werden."

Dass sie dazu noch in der Lage sind, ist wissenschaftlich belegt. Laut dem Institut für Sozialforschung und Sozialwissenschaft in Saarbrücken haben mehr als 100 empirische Untersuchungen gezeigt, dass es keine gravierenden Unterschiede gibt zwischen der Arbeitsleistung älterer und jüngerer Arbeitnehmer - wenn als Maßstab das Arbeitsergebnis zugrunde gelegt wird.

Hinzu kommt, dass die Menschen im Vergleich zu ihren Vorfahren immer vitaler werden. "Die 60- bis 70-Jährigen sind heute um etwa fünf Jahre jünger als die Vergleichsgruppe vor vierzig Jahren", berichtet Ursula Staudinger. Nach Aussage von Andreas Kruse vom Institut für Gerontologie in Heidelberg könne dies durch regelmäßige Weiterbildung und eine flexible Jobgestaltung sogar noch gefördert werden.

"Jung bleibt, wer sich immer wieder neue Ziele setzt", ist Wirtschaftspsychologe Liepmann überzeugt. So sieht das auch Otto Schily, der mit seinen 75 Jahren immer noch für die SPD aktiv ist. Manchmal frage er sich, ob er sich das alles eigentlich noch antun müsse, sagte der ehemalige Innenminister einmal in einem Interview. Eigentlich könne er doch längst auf seinem Landgut in der Toskana sein, bei seinen Oliven. Doch etwas halte ihn immer wieder davon ab: "Dieser Reiz, etwas zu bewegen".

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.