Gründer-Kolumne Was bleibt vom Web 2.0?

Die Web-2.0-Welle hat die Net Economy wieder ins Rampenlicht gespült. Täglich entstehen neue Plattformen, deren Gründer überzeugt sind, die nächsten Protagonisten der Onlineszene zu sein. Bei Gründern und Investoren werden nun wieder Pegelstände gemessen. Wo steht die Net Economy? Wie sieht die Zukunft der Webunternehmen aus?

Rückblickend auf das laufende Jahr stellt man fest, dass die Gründer die Net Economy wieder entdeckt haben. Das Web 2.0 ist allgegenwärtig: Blogs, Communities, Podcasts und zahlreiche Mitmach-Web-Angebote haben im Alltag der Internetnutzer Einzug gehalten. Zu den mittlerweile etablierten Erfolgsgeschichten wie YouTube, Xing und StudiVZ gesellt sich eine Vielzahl von Newcomern mit schnell wachsenden User-Communities. Auf Foren wie Web2null oder Gruenderszene werden sie gelistet und besprochen.

Dahinter stehen in den meisten Fällen junge Gründerteams, die ihre Idee zum Erfolg führen möchten. Mit dabei sind Video-, Auktions- und Bewertungsportale, Nachfragerplattformen für Handwerk, Versicherungen und Autos, soziale Netzwerke für Schüler, Nachbarn, Mütter, Väter und Hundebesitzer, Online-Müslimixer und Online-Karaokebars.

Was bleibt aber, wenn man hinter die Kulissen schaut? Welche grundsätzlichen Erkenntnisse kann man aus den letzten Monaten gewinnen? Wie ist es um die Net Economy bestellt und was erwartet zukünftige Gründer im E-Entrepreneurship? Die folgenden neun Thesen zur Net Economy sollen mögliche Antworten liefern.

These 1: Die deutschsprachige Gründerszene der Net Economy ist immer noch klein, spätestens seit 2007 jedoch wieder deutlich sichtbar.

Spätestens seit Anfang dieses Jahres hat sich auch in Deutschland eine stabile Gründerszene etabliert, deren Mitglieder sich allein mit internetbasierten Geschäftsideen beschäftigen. Dabei ist die Szene nicht "undercover" aktiv, sondern über entsprechende Multiplikatoren sehr transparent und greifbar geworden.

Wie schnell diese wächst, wird beispielsweise auf deutsche-startups.de deutlich, einem Portal, welches täglich über Neuigkeiten aus der heimischen Internet-Gründerszene informiert. Die Webseite unterhält unter anderem eine Start-up-Datenbank, in der aktuell mehr als 400 Unternehmen gelistet sind – Tendenz deutlich steigend. Rund ein Drittel der dort gelisteten Firmen wurde dabei im Jahr 2007 gegründet. Im Web-2.0-Sammelalbum Web2null finden sich sogar über 2000 Eintragungen. Die Vernetzung und Berichterstattung in der Gründerszene ist hoch und ein Signal der Stabilität.

Oligopol in der Net Economy

These 2: Gründungsvorhaben sind wieder finanzierbar – allerdings ist der Kapitalmarkt der Net Economy oligopolistisch strukturiert.

Um richtig durchstarten zu können, benötigen auch die Gründer der Ne(x)t Generation in der Regel finanzstarke Investoren, auch wenn heute ein E-Start-up mit deutlich weniger Finanzmitteln viel mehr Sichtbarkeit erzeugen kann als noch vor ein paar Jahren. Blickt man jedoch auf die Investorenseite der Net Economy, so trifft man immer wieder auf "die üblichen Verdächtigen". Im Ergebnis stehen viele Gründungsprojekte, die quasi aus denselben Taschen finanziert werden. Das birgt durchaus Vorteile, aber auch Gefahren für die Szene.

So ist immer häufiger zu beobachten, dass die Zurückhaltung eines potenziellen Investors, auch automatisch auf andere abfärben kann. Ferner lauert die Gefahr, dass die Web-2.0-Welle schnell wieder abebben könnte, wenn aus den zentralen Netzwerken keine oder weniger Investments getätigt werden. Auf der anderen Seite versprechen die Multiplikator-Effekte für die Start-ups, die in diesem Investorennetzwerk landen, aber eine hervorragende Basis. Es bleibt abzuwarten, ob sich diese oligopolistische Struktur des Kapitalmarktes auf die Anbieter- beziehungsweise Angebotsstruktur im E-Entrepreneurship niederschlagen wird.

These 3: (E-)Entrepreneurship wird zunehmend ein fester Bestandteil von Forschung und Lehre an deutschen Hochschulen.

Das Thema Entrepreneurship und der damit verbundene Technologietransfer ist – zumindest für eine Reihe von Studierenden der Informatik- und BWL-nahen Disziplinen – mit einem gewissen Reiz verbunden. So zeigen Befragungen von Studierenden deren immer höher werdende Neigung, sich mit einer möglichen Selbstständigkeit zu befassen.

Auch die Lehre in diesen Bereichen wird immer weiter ausgebaut. Der Förderkreis Gründungs-Forschung e.V. zählt mittlerweile immerhin 57 Entrepreneurship-Professuren in Deutschland, deren Mission die Ausbildung von Gründern und nicht zuletzt die Förderung tatsächlicher Ausgründungen aus der Hochschule ist. Noch vor zehn Jahren war es gerade einmal eine Professur.

Es sind auch erste spezielle Angebote im E-Entrepreneurship sichtbar. Allerdings fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass man bei E-Gründern sehr häufig Studenten oder Absolventen bestimmter Hochschulen antrifft. So lassen sich im Moment die universitären Geburtsbecken für Start-ups der Net Economy leider noch an wenigen Fingern abzählen.

Das ist vielleicht dadurch zu erklären, dass auch viele aktive und erfolgreiche Protagonisten auf der Gründer- und Kapitalseite hier ihre Wurzeln haben. Vorbilder und Netzwerke sind natürlich immer hilfreich. Das ist durchaus in Ordnung, solange Gründer von anderen Hochschulen mit ihren Ideen die gleichen Chancen im Kapital- und Kooperationsmarkt haben.

Web-Wellen 2.0, 3.0 oder 6.2

These 4: Web-1.0-2.0-3.0-Wellen wird es immer geben und diese sind unproblematisch, solange der Gesamtpegel steigt.

Wie viele der neu gegründeten Start-ups sich in zwei Jahren erfolgreich am Markt durchgesetzt haben werden, kann niemand voraussagen. Zudem ist der Erfolg höchst unterschiedlich zu interpretieren. Nicht jedes Unternehmen der Net Economy muss an die Börse und zu einem Multi-Millionen-Business werden. Es gibt durchaus viele E-Gründer, die lediglich ein stabiles Unternehmen aufbauen wollen, welches sie selbst auf Dauer trägt. Einige werden es schaffen, andere aber auch nicht.

Festzuhalten bleibt aber, dass das Scheitern von Gründungsprojekten ein völlig natürliches Phänomen ist, welches E-Gründern keinesfalls den Mut nehmen sollte, ihre Idee – sofern sie selbst davon überzeugt sind – zu verwirklichen. Hierin unterscheidet sich die Net Economy nicht von anderen jungen Branchen. Für die Gesamtbetrachtung der jungen Szene sind Pendelbewegungen durchaus normal und auch die Web-2.0-Welle wird – vielleicht schneller als man denkt – wieder abebben und Pleiten produzieren. Entscheidend ist aber, dass unabhängig von den Wellenbewegungen die Gesamttendenz, was die Anzahl der Gründungen und der etablierten Unternehmen angeht, nach oben zeigt. Dann ist es völlig unerheblich, ob wir Web-Wellen 2.0, 3.0 oder 6.2 haben werden.

These 5: Die Net Economy birgt weiterhin ernorme Potenziale – sowohl für Copycats als auch für innovative Wegbereiter.

StudiVZ, die erfolgreichste deutsche Webcommunity, ist eine Copycat nach amerikanischem Vorbild. Xing, Frazr oder auch myvideo – vieles scheint sich sehr eng am US-Markt zu orientieren, ohne die abgekupferten Services zunächst durch eigene Features zu erweitern. Aus Gründerperspektive ist das jedoch völlig in Ordnung, schließlich ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine erfolgreiche US-Idee auch am heimischen Markt erfolgreich sein wird.

Die Herausforderung für die Gründer wird dadurch jedoch nicht geringer, denn wo eine Copycat ist, finden sich nach einiger Zeit meist mehrere. Daneben finden sich aber auch innovative Ideen wie Portale für Handwerks- und Dienstleistungsauktionen, die ihre Wurzeln in Deutschland haben. Die Wege zum Erfolg sind vielfältig. Die Szene muss nur darauf achten, dass alle Wege gleichermaßen im Fokus bleiben.

Unkontrollierbar oder Marketingmaschine?

These 6: Das Web 2.0 bringt eine allgegenwärtige Transparenz mit sich, derer sich Entrepreneure bedienen können.

Blogging, Bewertungsportale und User-generated Content – im Web der Zukunft sind die Möglichkeiten der freien Meinungsäußerung kombiniert mit einer Reichweite, die für den Einzelnen zuvor undenkbar war. Unternehmer können sich diese Entwicklung in zweifacher Hinsicht zunutze machen: Einerseits können sie die entstehende Transparenz im Rahmen ihrer Marketingstrategie einsetzen (Stichwort Corporate Blogging), andererseits lassen sich ganze Geschäftskonzepte auf dem Transparenzprinzip aufbauen.

Im Hinblick auf die Transparenz scheint der aktuelle Bewertungswahn kein Ende zu nehmen: Videos, Computerspiele, Kochrezepte, Lehrer und Professoren, Unternehmen und ihre Produkte, Parteien und ihre Politiker, Arbeitgeber sowie Bücher und ihre Autoren. Viele Eingaben sind jedoch auch mit Vorsicht zu genießen. Nicht hinter jedem scheinbar neutralen Kommentar steckt auch eine echte Meinung. Oftmals werden auch gezielt manipulierende Inhalte gepostet.

Eine generelle Medienkompetenz wird vor diesem Hintergrund zunehmend wichtiger. Aus Perspektive des Internetgründers wiederum stellt sich stets die Frage, in welchem Licht er die eigene Nutzercommunity betrachten sollte: Handelt es sich um eine unkontrollierbare Masse oder eine Marketingmaschine? Um einen Content-Generator oder gar um ein intelligentes Kollektiv?

These 7: Das rapide Wachstum des Internet erfordert zunehmend eine schnellere Evolution der Internet-Technologie.

Das Mitmach-Web hat durchaus Folgen für den allgemeinen Netzbetrieb. Aktuelle Studien prophezeien, dass die Netzkapazität schon bald an ihre Grenzen stoßen könnte. So schicken allein die Server von YouTube monatlich etwa 27 Millionen Gigabyte (27 Petabyte) Datenvolumen ins Internet. Das Netz muss deshalb schleunigst ausgebaut werden. Forschern zufolge könnte es sogar passieren, dass Onlinebestellungen bald mehrfach bestätigt werden müssen, bevor sie akzeptiert werden und sich das Herunterladen von Videos zum Geduldsspiel entwickeln dürfte.

Weitere Engpässe bringt die Problematik des begrenzten IP-Adressraumes mit sich, welche jedoch weniger nach Expansion, sondern vielmehr nach Evolution ruft. So gehen dem Internet einer Prognose zufolge die letzten freien IPv4-Adressen unter Umständen schon im Jahr 2011 aus. Abhilfe wird hoffentlich IPv6 liefern: Anstelle der aktuell verfügbaren 4,3 Milliarden stehen dann sage und schreibe 340 Sextillionen IP-Adressen zur Verfügung – Platz für jeden MP3-Player und jede Waschmaschine.

Aus E-Business wird (M)E-Business

These 8: Internetbasierte Geschäftsmodelle werden zunehmend das individuelle Bedürfnis des Nutzers fokussieren.

Die große Menge verschiedenartiger Informationen im Web ist Fluch und Segen zugleich: Es ist nämlich die Vielfalt an verfügbarem Material, die das Finden der gewünschten Informationen oder des gewünschten Produktangebotes letztendlich erschwert – die sprichwörtliche Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Der Kunde möchte allerdings nicht lange und erfolglos auf verschiedenen Plattformen nach dem passenden Objekt suchen, sondern ein persönlich auf ihn zugeschnittenes Angebot haben - aus E-Business wird (M)E-Business.

Nachfragerorientierte Plattformen als mögliche Protagonisten des Web 3.0 sind demnach ein wichtiger Bestandteil zukünftiger Entwicklungen. Ganz egal, ob es darum geht, sich seinen persönlichen Müslimix wie bei Mymuesli (Start-up des Jahres 2007) zusammenzustellen oder eine wirklich seinen Ansprüchen genügende Reise wie bei Askerus zu finden.

These 9: Virtuelle Abbilder unserer Selbst könnten zukünftig ein zweites Leben in der virtuellen Welt ermöglichen.

Das Netz stellt mehr und mehr eine Subkultur dar, die den Nutzern kulturelle Elemente zur Verfügung stellt, mit denen sie beliebig viele, alternative Identitäten konstruieren können. Aus Gründerperspektive ermöglichen es virtuelle Welten zunehmend, Geschäfte mit virtuellen Abbildern realer Menschen zu tätigen. Gemeint ist hier nicht allein die Welt von Second Life, in der die ökonomische Komponente von Grund auf fest verankert ist.

Auch im Spielebereich – und hier insbesondere im Bereich der Massen-Rollenspiele – liegen beachtliche ökonomische Potenziale aufgrund von implementierten virtuellen Währungen. Ob diese virtuellen (Wirtschafts-)Welten dann Second, Third oder Fourth Life heißen, ist dabei vollkommen unerheblich. Entscheidend ist die Frage, wie E-Gründer mit dem Vorteil, nun überhaupt keine realen Ressourcen mehr zu benötigen, ihre Chancen wahrnehmen.

Fazit

Das Web 2.0 hat die Net Economy wieder ins Rampenlicht gerückt. Auch wenn dieses Mitmach-Web vielleicht im Moment überschätzt wird, so wird es aus heutiger Sicht langfristig vielleicht unterschätzt. Auf alle Fälle sind aber wieder Gründer mit innovativen Ideen da. Von denen werden zwar viele scheitern, aber zahlreiche werden überleben und der Branche weitere Stabilität geben.

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