EZB-Päsident Trichet Der Letzte aus der Greenspan-Ära

Die wirklich ungemütlichen Zeiten stehen Jean-Claude Trichet noch bevor: Die Finanzmarktkrise hält den Präsidenten der Europäischen Zentralbank seit Monaten in Atem. Deswegen bleibt dem Notenbank-Chef wohl wenig Zeit, morgen ausgiebig seinen 65. Geburtstag zu feiern.

Frankfurt am Main - Trotz schneller Milliarden-Geldspritzen der Notenbank ist das Misstrauen zwischen den Banken gewachsen und sorgt für immer neue Engpässe im Handel der Banken untereinander. Die Aussichten für die Konjunktur 2008 haben sich eingetrübt und die Inflation ist im Euro-Raum auf den höchsten Stand seit sechseinhalb Jahren geschnellt.

In diesen unruhigen Zeiten bleibt dem Notenbank-Chef kaum Zeit, am Donnerstag (20. Dezember) seinen 65. Geburtstag zu feiern. "Für Herrn Trichet ist es ein ganz normaler Arbeitstag mit Sitzung des EZB- Rates", sagt ein Sprecher.

Ans Aufhören denkt Trichet auch mit Erreichen des Rentenalters nicht. Zu sehr sei er in der Geldpolitik engagiert, verlautet aus EZB-Kreisen. Seit dem Abgang des legendären US-Notenbankchefs Alan Greenspan wird Trichet auch anerkennend der "Altmeister unter den wichtigsten Notenbankern" genannt.

Die meisten Ökonomen geben dem Top-Notenbanker gute Noten, der seit vier Jahren an der Spitze der EZB steht und bis 2011 noch mit ruhiger Hand die Geldpolitik leiten soll. "Trichet ist krisenerfahren und hat entschlossen gehandelt", sagt etwa Volkswirt Michael Schubert von der Commerzbank .

Doch in der derzeitigen schwierigen Lage zeichnen sich heftige Debatten über den weiteren Kurs der Notenbank im EZB-Rat ab. Die Liquiditätsklemme am Geldmarkt infolge der US-Immobilienkrise verschärft sich. "Die EZB kann das Vertrauensproblem der Banken untereinander nicht lösen, nur abmildern", sagt Ökonom Marco Kramer von der Unicredit . Zudem habe die Notenbank unter Trichet ihr Inflationsziel von "unter, aber nahe 2,0 Prozent" stets verfehlt - allerdings seien dafür "unübliche Schocks" wie Ölpreisexplosion und Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland verantwortlich gewesen.

"Sklave" der Bundesbank

"Sklave" der Bundesbank

Sein Rückgrat und seine Krisenfestigkeit haben den Geldpolitiker 2003 in sein Amt gebracht: Als Präsident der französischen Nationalbank Banque de France schlug der parteilose Währungshüter einen strikt stabilitätsorientierten Kurs ein, um Frankreich fit für den Euro zu machen. Gegen den erbitterten Widerstand der Regierung setzte Trichet seine Politik des starken Franc durch und wurde von französischen Politikern als "Sklave" der Bundesbank beschimpft.

Auch als EZB-Präsident wehte dem Absolventen französischer Eliteschulen in den vergangenen Jahren heftiger Gegenwind entgegen. Als die EZB wegen des beginnenden Aufschwungs und Inflationsgefahren Ende 2005 mit Zinserhöhungen begann, warnten Gewerkschaften und Politiker vor einem Abwürgen der Konjunktur. Die EZB behielt aber recht. "Wir tun, was wir für richtig halten", antwortet Trichet stets auf Kritik.

Während sein Vorgänger Wim Duisenberg in der Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund nahm, bleibt Trichet bei Konflikten zurückhaltend - um hinter den Kulissen knallhart aufzutreten, heißt es. Immer wieder wirbt er um Vertrauen für die EZB als Kämpferin gegen die Inflation: "Sie können uns vertrauen", wendet er sich an die Bevölkerung.

Mit viel Elan kämpft Trichet für die politische Unabhängigkeit der EZB. "Wir können keine Anweisungen entgegennehmen", wiederholt der Notenbankchef ein ums andere Mal und erteilte Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy öffentlich eine beispiellos deutliche Abfuhr, als dieser eine Aufweichung des Stabilitätskurses der EZB forderte.

Der Lyrik- und Opern-Fan musste lange um den Posten im Euro-Tower zittern. In der ersten Runde musste er sich Duisenberg geschlagen geben, danach lastete seine angebliche Verstrickung in den Bilanzskandal der Großbank Crédit Lyonnais in den 90er Jahren auf Trichet. Erst nach einem Freispruch war für den Vater zweier Söhne der Weg in den Frankfurter Euro-Tower frei. In Frankfurt fühlt er sich inzwischen heimisch und lernt eifrig Deutsch - doch Paris fehle ihm sehr, sagte er einmal: "Paris ist in der Tat nicht zu ersetzen."

Marion Trimborn, dpa